Wie viel ist dein Wort wert?

· 26. Juli 2016

„Dieser Mensch steht zu seinem Wort“,  hört man heutzutage nur noch selten jemanden über eine andere Person sagen, oder? Denn die bittere Wahrheit ist, dass es nur noch wenige Frauen und Männer gibt, die halten, was sie versprechen. Hast du dir schon einmal Gedanken über den Wert des Wortes, über den Wert deines Wortes gemacht?

Viele sind der Meinung, dass es in dieser vom Wettbewerb geprägten Welt notwendig sei, zu lügen, Halbwahrheiten zu verbreiten, Versprechen zu brechen und anderen Hoffnungen zu machen. Diese Menschen geben nicht viel darauf, zu ihrem Wort zu stehen, und schon gar nicht seitdem sie die Ausrede für sich entdeckt haben. So sei am Ende doch jeder zufrieden.

Wer jedoch so argumentiert, hat eine sehr beschränkte Denkweise. Langfristig gesehen verhelfen diese schlechten Angewohnheiten nur zu dem Ruf, eine verantwortungslose, unsensible und rücksichtslose Person zu sein. Und wenn wir einmal ehrlich sind, hilft dir diese Art in keiner einzigen Lebenslage – egal, ob auf beruflicher, familiärer oder sozialer Ebene.

Dein Wort macht dich aus

Nichts verleiht einem Menschen mehr würde als seine Ehrlichkeit. Viele Versprechen werden in Situationen gebrochen, in denen wir uns dazu gezwungen fühlen,  ja zu sagen. Der erste Schritt zur Ehrlichkeit ist deshalb oft ein Nein. Was ist damit gemeint?

Worte können schmerzen, aber auch heilen.

Vielleicht schämst du dich zu sagen „ich verstehe das nicht“, „ich weiß nicht viel über dieses Thema“, „ich glaube nicht, dass ich die Präsentation bis zu diesem Termin fertigstellen kann“  oder „zu diesen Bedingungen ist es mir nicht möglich, rechtzeitig fertig zu werden“.  Auch wenn das nicht das ist, was dein Chef, dein Kollege oder ein Kunde von dir hören will, sind sie trotzdem dankbarer für diese Aussagen als für die Versicherung, dass das alles kein Problem sei, wenn du dann deiner Verpflichtung doch nicht nachkommen kannst.

Außerdem bleibst du ihnen dadurch in guter Erinnerung. Viele Menschen oder Unternehmen sind dazu bereit, auf einen zuzugehen oder einem mehr Zeit zu geben, um ein Projekt zu beenden, wenn sie erkennen, dass sie mit einer ehrlichen Person zusammenarbeiten. Vielleicht wird dir heute diese Aufgabe oder Arbeit nicht zugeteilt, aber wenn man in der Zukunft einen vertrauenswürdigen Menschen benötigt, wird man wieder auf dich zurückkommen.

Doch es fehlen noch zwei weitere Tugenden, die heutzutage ebenfalls nur noch schwer zu finden sind, um ein wahrhaft ehrlicher Mensch zu sein: Bescheidenheit und Selbsteinsicht.

Bescheidenheit

Keiner weiß alles. Wieso fühlen wir uns dann manchmal dazu verpflichtet, neunmal klug über ein gewisses Thema zu sprechen, obwohl wir doch in Wahrheit nicht viel darüber wissen? Wir schämen uns sogar dafür, Fragen zu stellen und um Hilfe zu bitten. Ein geringes Selbstwertgefühl kann solch eine Verhaltensweise auslösen.

Wenn wir unsicher darüber sind, was andere von uns denken, ist es wahrscheinlicher, dass wir uns unter Druck gesetzt fühlen, unsere Fähigkeiten auszuschmücken. Denke aber kurz darüber nach, ob du denn nicht eigentlich viele andere Stärken und Fähigkeiten besitzt: Glaubst du denn tatsächlich, dass du weniger wert seist, nur weil du auf diesem Gebiet kein Experte bist? Natürlich nicht!

Die Art der Kommunikation trägt viel dazu bei, wie das Wort beim Gegenüber ankommt.

Außerdem solltest du nicht vergessen, dass du niemals etwas lernen wirst, wenn du deine Zweifel nicht zum Ausdruck bringst. Und wenn du dich klar und deutlich ausdrückst und sagst, dass du zum ersten Mal ein Projekt dieser Art bearbeitest, wird dein Umfeld auch realistische Erwartungen an dich stellen. Anstatt zu denken: „…und das, obwohl dieser Mensch ein Experte auf diesem Gebiet ist“, wird man beeindruckt sein, wie gut du dich in dieser neuen Herausforderung schlägst.

Selbsteinsicht

Selbsteinsicht zu zeigen, bedeutet, sich seiner Grenzen bewusst zu sein. Eine reife Person weiß, was sie zu erreichen fähig ist und wie viel Zeit sie dafür brauchen wird. Jeder Mensch hat einen anderen Rhythmus bei seiner Arbeit und verfügt über unterschiedliche Energieressourcen. Wenn du demnach deinen Verpflichtungen häufig nicht nachkommst, ist das ein Zeichen dafür, dass du dich selbst nicht gut genug kennst.

Ein selbsteinsichtiger Mensch behauptet beispielsweise nicht, dass er in einer halben Stunde einen Bericht zu Ende geschrieben, zwei E-Mails beantwortet und die Stadt in ungefähr einer Stunde durchfahren haben werde. Um unrealistische Erwartungen an dich zu vermeiden, solltest du erst denken und dann sprechen.

Bevor du also deinem Cousin versprichst, ihm am Samstag beim Umzug zu helfen, führe dir noch einmal vor Augen, was du diese Woche alles noch vorhast und bleibe realistisch. Du kannst um 6:00 Uhr in der Früh oder nach dem Mittagessen an Ort und Stelle sein oder vielleicht kannst du ihm diesmal leider nicht zu Hilfe eilen. Wenn du dir nicht sicher bist, fühle dich nicht unter Druck gesetzt, sofort zu antworten. Du kannst vielleicht eine ähnliche Antwort wie diese geben: „Ich rufe dich am Freitag an, wenn ich genauer weiß, ob ich Zeit haben werde oder nicht.“

Die Wahrheit ist, dass diese gut gemeinten Lügen, Übertreibungen und gebrochene Versprechen deine Integrität infrage stellen. Doch Bescheidenheit und Einsicht werden dich zu einem integren Menschen in allen Lebenslagen machen.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Pablo Fernandez