Welche Folgen hat es, vom Vater verlassen zu werden?

· 2. Juli 2017

Viele Kinder auf dieser Welt wachsen ohne Vater auf. Die Anzahl von Kindern, die von ihrem Vater verlassen werden, ist vor allem in lateinamerikanischen Ländern sehr hoch. In manchen Fällen ist dies sozialen Problemen geschuldet, wie zum Beispiel der Arbeitslosigkeit oder Armut. In anderen Fällen spielt der kulturelle Faktor die größte Rolle: In manchen Kulturen wird das Zurücklassen der eigenen Kinder vom Vater als relativ normal angesehen.

Aber auch in Europa scheint es einen starken Zusammenhang zwischen ungeplanten Schwangerschaften und der Zahl der vom Vater verlassener Kinder zu geben, und ein weiterer wichtiger Faktor ist das Alter der Eltern. Jugend und Machismus führen dazu, dass viele Männer es nicht als verantwortungslose Tat empfinden, ihr Kind zu verlassen.

Obwohl es stimmt, dass ein Mensch auch ohne Vater aufwachsen und sich entwickeln kann, trifft es doch ebenso zu, dass derjenige, der mit Vater aufwächst mehr und bessere Möglichkeiten im Leben hat. Und natürlich gibt es die extremen Fälle, in denen sich die Abwesenheit des Vaters in eine lebenslange Belastung verwandelt, die die Existenz der Betroffenen bedroht.

Warum brauchen wir einen Vater und eine Mutter?

Experten der Psychoanalyse postulieren, dass die mütterliche Liebe unersättlich und absolut sei. Die Mutter habe weitreichenden Einfluss auf das Leben ihres Kindes. Sie sei sein alles. Sie beeinflusse sein Leben im Großen und im Kleinen, sowohl was die trivialen Dinge angehe als auch die wichtigen. Sie schaffe die Umgebung, das Universum, in dem sich das Leben des Kindes abspiele. Zu Beginn des Lebens ist das Kind vollkommen von der Mutter abhängig.

Die starke Bindung zwischen Mutter und Kind bleibt über die Zeit meist bestehen. Das Kind weiß, dass es von der Mutter abhängig ist und fügt sich ihrer Logik. Seine Liebe zur Mutter ist bedingungslos und gibt ihm Sicherheit.

Viele von uns hatten zumindest als Kinder das Glück, ebenfalls einen Vater an ihrer Seite zu haben. Schließlich besteht die Welt aus mehr als nur der eigenen Mutter. Der Vater schafft ein Universum, das die Mutter nicht kontrollieren kann. Er lässt den Nachwuchs eine andere Seite der Realität sehen. Er ist die dritte Person, die in den Entwicklungsprozess eingreift. Er setzt der Symbiose zwischen Mutter und Kind eine Grenze. Symbolisch betrachtet ist er das Gesetz, dass die Mutter-Kind-Beziehung reguliert. Außerdem bietet er die Plattform, von der aus wir lernen, dass sich die Welt nicht uns anpasst, sondern dass wir uns an sie anpassen müssen.

Die verschiedenen Formen des Verlassen

So wie es viele verschiedene Arten gibt, seinem Kind zur Seite zu stehen, ist auch „Verlassen“ ein weiter Begriff:

  • Der vollkommen abwesende Vater lässt die Mutter physisch und psychologisch allein mit der Erziehung des Kindes. Er befreit sich von den mit dieser verbundenen Verpflichtungen, von den häuslichen Arbeiten, und nicht selten ist es ihm gar egal, was mit dem Kind passiert.
  • Außerdem gibt es diejenigen Väter, die ihr Kind emotional, aber nicht physisch verlassen. Ihrer Meinung nach liegt die Verantwortung für die Erziehung des Kindes allein bei der Mutter. Sie sind da, aber weisen jegliche Verantwortung von sich. Sie reden nicht mit ihren Kindern, verbringen keine Zeit mit ihnen, und wissen nicht, wie sich ihr Tag gestaltet. Sie kümmern sich einzig darum, die Rechnungen zu bezahlen und die ein oder andere Anweisung zu geben, je nachdem, wie es ihnen gerade passt. Abgesehen davon findet keine Interaktion zwischen ihnen und ihren Kindern statt.
  • Es gibt weiterhin Väter, die emotional für ihre Kinder da sind, aber nicht physisch. Sie haben eine andere Familie gegründet oder leben weit weg. Trotzdem versuchen sie, für ihre Kinder da zu sein und immer auf dem neuesten Stand zu bleiben. Allerdings können sie ihnen niemals so viel Zeit widmen, wie sie gern möchten, obwohl sie immer an sie denken und fest in ihr Herz geschlossen haben.

Die verschiedenen Folgen des Verlassens

Jede Art, vom Vater verlassen zu werden, hat eigene Konsequenzen. So sehr sich die Mutter auch bemüht, sie wird niemals die Abwesenheit einer dritten Person kompensieren können.

Im Falle des vollkommen abwesenden Vaters sind die Folgen am gravierendsten. Wenn die Vaterfigur teilweise von jemand anderem ersetzt werden kann, von den Großeltern beispielsweise, wirkt sich dies mindernd aus. Wenn allerdings niemand diese Lücke füllen kann, kann die väterliche Abwesenheit sich sehr negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken: Das Fehlen einer dritten Person, die regulierenden Einfluss auf die Mutter-Kind-Beziehung ausübt, kann es dem Kind sehr schwer machen, sich zu individualisieren. Es wird wahrscheinlich Probleme haben, Dinge allein zu erforschen, seinen Horizont zu erweitern und in seine eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Es wird immer das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein und sich emotional auf Entzug fühlen, wenn es von seiner Mutter getrennt ist.

Kindern, die von ihrem Vater verlassen wurden, fällt es viel schwerer, sich an die Welt und die Realität anzupassen. Wahrscheinlich ist auch, dass sie Ängste vor tiefer emotionaler Bindung entwickeln. Scheinbar paradoxerweise besteht zudem die Gefahr, dass sie selbst zu Eltern werden, die ihre Kinder verlassen. Falls sie weiblich sind, wird es ihnen schwer fallen, Männern zu vertrauen, oder sie vertrauen ihnen zu sehr und machen sich abhängig, sodass sie das Verlassen immer wieder durchleben müssen.

Die Folgen des rein emotionalen oder physischen Verlassenwerdens können ähnlich sein, sind aber weniger stark ausgeprägt. Die Spur des fehlenden Vaters kann niemals ausgelöscht werden.