Weißt du, was eine Zwangserkrankung ausmacht?

13. Januar 2019

Du hast vielleicht schon von der Suche nach den biologischen Komponenten verschiedener psychischer Probleme gehört. Von der Untersuchung der Gene, die für bestehende psychische Störungen verantwortlich sein könnten, bis hin zu den betroffenen Hirnarealen oder Neurotransmittern. Aber angesichts der Komplexität des menschlichen Geistes kann die (Patho-)physiologie nicht alles erklären und deshalb wurde in der klinischen Psychologie nach sogenannten psychologischen Marker gesucht, auch in Bezug auf die Zwangserkrankung. Wie bei allen psychischen Störungen ist die Biologie nicht die einzige Determinante für die Zwangserkrankung, und das sollte uns die Möglichkeit in Betracht ziehen lassen, dass für die richtige Behandlung Medikamente allein nicht ausreichen.

Der folgende Artikel basiert auf der Forschung der Spanischen Vereinigung für Psychopathologie und Klinische Psychologie über Zwangsstörungen und ihre psychologischen Marker. Insbesondere Gertrudis Forné, María Ángeles Ruiz-Fernández und Amparo Belloch haben festgestellt, dass das Gefühl der unvollendeten und „not just right“ Erfahrungen ein Indikator für obsessive, zwanghafte Störungen sein könnte.

Wie sieht eine Zwangserkrankung aus?

Um die psychologischen Marker der Zwangserkrankung zu erklären, ist es zunächst notwendig, zu wissen, worum es geht. So wurde diese Erkrankung einst den Angststörungen zugeordnet, aber ein zunehmend besseres Verständnis um ihre Pathogenese und Präsentation hat dazu geführt, dass sie in der neuesten Version des Diagnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen,  besser bekannt als DSM-5, als eigene Entität geführt wird.

Frau mit Lupe als Symbol für eine Zwangserkrankung

Menschen mit dieser Erkrankung manifestieren Obsessionen, die von Bildern, Gedanken oder wiederkehrenden Impulsen getriggert werden, die ihnen Angst machen, welche sie durch wiederholtes Verhalten oder repetitive mentale Handlungen zu lindern versuchen. Ein Beispiel dafür wäre ein Mensch mit dem obsessiven Gedanken, dass er krank werden könne, weil es viele Keime in der Umgebung gebe, und der seine Hände stets wäscht, nachdem er etwas „Schmutziges“ berührt hat, so sehr, dass er durch die exzessive Hygiene schließlich seine Haut kaputt macht.

Normalerweise verursachen diese zwanghaften Rituale Unannehmlichkeiten bei demjenigen, der sie ausführt, und sie beanspruchen viel Zeit. Aber auch wenn der Patient erkannt hat, dass diese Obsessionen und/oder Zwänge übertrieben und sogar irrational sind, ist er nicht in der Lage, sie zu stoppen.

Psychologische Marker und ihre Bedeutung bei der Zwangserkrankung

In der kognitiv-verhaltensorientierten Perspektive der Psychologie, die die größte Bedeutung bei der Behandlung der Zwangserkrankung hat, wird das Bestehen von dysfunktionalen Überzeugungen und der Vermeidung von Schäden oft als grundlegende Erklärung für die Entstehung der Störung hervorgehoben. Aber diese Erklärung ist in Bezug auf die Heterogenität der Vorstellungen, die die Patienten über ihre Symptome und die Notwendigkeit von Zwangsmaßnahmen haben, begrenzt.

Aufgrund dieser Einschränkung begannen verschiedene Forscher auf der ganzen Welt, andere psychologische Faktoren als spezifische Merkmale einer Zwangserkrankung zu betrachten. So beschrieben sie das Gefühl des Unvollendeten, das nur in der Zwangserkrankung besteht, nicht aber bei anderen Angststörungen. Das Gefühl des Unvollendeten ist ein anhaltendes Gefühl, dass die zu erfüllende Aufgabe nur unvollständig erledigt worden sei. Es wird also wegen der Gründlichkeit, mit der es die Gedanken des Menschen einnimmt, um nach dem zu suchen, was fehlt und nicht gefunden werden kann, in der Zeit verlängert.

Darüber hinaus haben Wissenschaftler auch vorgeschlagen, dass „not just right“ Erfahrungen ein zentraler Aspekt dieser Erkrankung seien. Diese Erfahrungen sind diejenigen, die den Betroffenen denken lassen, dass das, was er tue, nicht gut genug oder zu unvollkommen sei, um es so belassen zu können, wie es ist. So motivieren sie sich, die notwendigen Schritte ständig zu wiederholen, um sicherzustellen, dass sie nichts vergessen haben und die doch unmögliche Perfektion zu erreichen.

Wie wir sehen können, hat die Wissenschaft diesen Konzepten der zwanghaften Wiederholung und mentalen Besessenheit einen Sinn gegeben; man geht heute einen Schritt weiter, um die Heterogenität dieser Störung zu erklären, als dies zu Zeiten der dysfunktionalen Überzeugungen getan wurde.

Perfekt geordnete bunte Enten, wobei eine gelbe Ente auffällt

Forschungsergebnisse zu psychologischen Markern von Zwangserkrankungen

Angesichts dieser Ergebnisse beschlossen Gertrudis Forné, María Ángeles Ruiz-Fernández und Amparo Belloch, Untersuchungen zu diesen Konzepten durchzuführen, um zu versuchen, die Resultate zu replizieren. Zu diesem Zweck haben sie zwei Fragebögen eingesetzt, und zwar das sogenannte Not Just Right Expiriences Questionnaire in seiner überarbeiteten Form (NJREQ-R) und das Vancouver Obsessive-Compulsive Inventory (VOCI).

Die Ergebnisse zeigen uns, dass es sowohl die Erfahrungen des Unvollendeten als auch „not just right“ Gefühle in der Allgemeinbevölkerung gibt, aber in größerem Maße bei Patienten mit einer Zwangserkrankung. Dies würde darauf hindeuten, dass diese Erfahrungen als Vulnerabilitätsfaktor/-marker für die Entwicklung von Symptomen dieser Erkrankung angesehen werden könnten.

„Das Gefühl des Unvollendeten und die not just right‘ Erfahrungen sind subjektiver und diffuser als Aufdringlichkeit und allgemeines Unwohlsein. Darüber hinaus werden solche Erfahrungen gemacht, wenn obsessive Inhalte erlebt werden, unabhängig davon, ob der Patient eine bestimmte Aktion ausführt oder nicht.“

Die Autoren haben auch Assoziationen zwischen „not just right“ Erfahrungen und dem Gefühl des Unvollendeten mit der Tendenz zum Perfektionismus und der Intoleranz der Unsicherheit festgestellt. Dieser Punkt könnte uns helfen, eine zukünftige Intervention im Zusammenhang mit dieser Art von Gedanken für diese Erkrankung zu entwickeln.

All diese Ergebnisse lassen uns zu dem Schluss kommen, dass wir noch viel über die Zwangserkrankung zu lernen haben. Auch zeigen sie uns die Bedeutung psychologischer Faktoren für die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung dieser psychischen Erkrankung.