Weißt du, was die intrapersonelle Intelligenz ist und wie sie uns helfen kann?

6. Januar 2019

In unser Inneres einzutauchen, die Unterwelten unserer Gedanken zu erkunden oder uns in ruhige Selbstbeobachtung zu begeben, sind Merkmale, die diese Kompetenz auszeichnen, die Howard Gardner als intrapersonelle Intelligenz definiert. Sie umfasst jene Fähigkeiten der Selbstreflexion und Metakognition, die es uns schließlich ermöglichen, im Einklang mit uns selbst zu leben.

Ein genaues, angepasstes und reales Bild von uns selbst zu haben, fällt nicht leicht. Es erfordert in erster Linie, dass wir uns unserer Gemütslagen bewusst sind und unser Selbstwertgefühl mit Disziplin und Motivation vereinen. Das Ergebnis aus diesen drei Elemente im Gleichgewicht zu halten, gelingt uns nur mit der Fähigkeit, Probleme durch eine Adaptation unserer selbst an unsere innere Welt zu lösen.

„Es gibt keine Barriere, kein Schloss, keinen Riegel, den du der Freiheit meines Geistes aufzwingen könntest.“

Virginia Woolf

Darüber hinaus wollen wir nicht ungesagt lassen, dass die intrapersonelle Intelligenz Teil jener revolutionären Theorie der multiplen Intelligenzen ist, die uns Howard Gardner in den 80er Jahren in seinem sein Buch Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen  vorgestellt hat. Wie uns bereits bekannt ist, weckte seine Theorie gleichermaßen große Begeisterung und Kritik, sowohl im akademischen Bereich als auch bei Experten auf dem Gebiet der Bildung, bei Pädagogen, Lehrern und Professoren.

Das Ziel war es, als Gegengewicht zum Paradigma der einzigen Intelligenz, zu den so begrenzten standardisierten Tests zu dienen und eine Alternative zu diesem Reduktionismus anzubieten, die viel eher die Bandbreite der Möglichkeiten für das eröffnet, was in Wirklichkeit die menschliche Intelligenz sein könnte. Das Leben der Menschen, so Gardner, erfordere andere Arten von Fähigkeiten, die viel besser darauf abgestimmt seien, wie wir lernen, interagieren und denken.

Es ist stimmt zwar, dass viele wissenschaftliche Psychologen, wie Robert J. Sternberg, davor warnen, dass Gardners Theorie keine wissenschaftliche Grundlage habe und dass das, was er als Intelligenzen definiere, im Grunde genommen „Fähigkeiten“ oder „Fertigkeiten“ seien. Nichtsdestotrotz können wir den positiven Einfluss seiner Theorie nicht einfach beiseite lassen, wenn es darum geht, unser menschliches Potenzial zu steigern, indem wir das Lernen als ein Zusammenspiel von Dimensionen betrachten, an denen wir in unserem täglichen Leben arbeiten können.

Die intrapersonelle Intelligenz ist die siebte dieser neun Intelligenzen und darüber hinaus eine der wertvollsten.

Mädchen allein in einem kleinen Boot

Die intrapersonelle Intelligenz oder die Fähigkeit, in sein Inneres zu schauen

Wir könnten viele Beispiele für Persönlichkeiten nennen, die ein bemerkenswertes Potenzial in Bezug auf die von Gardner definierte intrapersonelle Intelligenz gezeigt haben. Virgina Woolf beispielsweise gibt uns in ihrem Essay Skizzierte Erinnerungen  ein eindrucksvolles Beispiel für das Eintauchen in das eigene Sein, eine Reise in dem Versuch, gegenwärtige Gedanken und Empfindungen im Zusammenhang mit der eigenen Vergangenheit zu verarbeiten.

Ein weiteres Beispiel für eine beinahe gnadenlose Selbstbeobachtung ist Kafkas Die Verwandlung,  wo Gregor Samsa, ein Handelsreisender, aufwacht und feststellt, dass er sich in ein Insekt verwandelt hat. Albert Einstein selbst arbeitete ebenfalls ununterbrochen an seiner intrapersonellen Intelligenz, ohne das zu ahnen. Er liebte lange Spaziergänge, um seine Gedanken zu erforschen, um sich mit sich selbst in Bezug auf seine mathematischen Theorien, mit dem Kosmos und der Funktionsweise des Universums verbinden zu können.

Wenn wir uns diese Beispiele ansehen, kommen wir vielleicht zu der Schlussfolgerung, dass eine solche Fähigkeit, ein so magisches Gedankengut, eine angeborene Fähigkeit von Schriftstellern, Dichtern oder Wissenschaftlern sein müsse. Dafür würden sehr einfache Gründe sprechen, mit denen sich viele von uns – ohne Dichter oder Ingenieure zu sein – identifizieren können: Allesamt sind das unabhängige Menschen, die ihre Einsamkeit genießen, kreativ sind und eine bemerkenswerte Autonomie an den Tag legen.

Nachfolgend möchten wir uns nun die grundlegenden Merkmale der intrapersonellen Intelligenz ansehen.

Mädchen sitzt auf einem Seepferdchen

Wie ist ein Mensch, der eine hohe intrapersonelle Intelligenz besitzt?

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Markus ist 17 Jahre alt und gerade von der Schule nach Hause gekommen. Er hatte keinen guten Tag. Er begrüßt niemanden Zuhause und schließt sich, nachdem er seine Zimmertür heftig zugeschlagen hat, in sein Zimmer ein. Kurz darauf spielt er auf seiner XBox. Danach postet er in seinen sozialen Netzwerken aggressive Sätze, nach dem Motto, wie sehr er die Welt und die Menschen, die darin leben, hasse.

Dieser Jugendliche braucht zweifellos geeignete Werkzeuge, um langsam eine angemessene und solide intrapersonelle Intelligenz aufzubauen, um mit seinen Emotionen umgehen, sich selbst zu regulieren und dazu ein ethisches Bewusstsein entwickeln zu können.

Somit könnten wir Menschen mit einer hohen intrapersonellen Intelligenz anhand folgender Merkmale erkennen:

  • Sie beherrschen die Introspektion (der bewusste Blick ins eigene Innere), um die Natur der eigenen Gedanken oder Gefühle besser zu verstehen.
  • Sie sind zur Selbstregulierung und Metakognition fähig und können ihre Emotionen gut managen.
  • Sie genießen ihre Momente der Einsamkeit, die sie nutzen, um sich mit sich selbst zu verbinden.
  • Sie sind durchsetzungsfähig und wissen, wie sie ihre Emotionen und Bedürfnisse laut ausdrücken können und respektieren die anderer.
  • Sie besitzen eine gute Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung.
  • Sie haben ein gestärktes Selbstwertgefühl.
  • Sie haben ein angemessenes Bewusstsein für ihre eigenen Grenzen und ihr Wissen.
  • Sie analysieren ihre Handlungen, bewerten deren Auswirkungen und lernen aus ihren Fehlern.
  • Sie sind mit der Gegenwart, mit dem Hier und Jetzt verbunden.

Jeder von uns kann seine intrapersonelle Intelligenz steigern

Die intrapersonelle Intelligenz wird grundsätzlich als Fähigkeit zusammengefasst, realistisch wahrzunehmen, wie wir sind und was wir wollen. Etwas so Grundlegendes ist eine Fähigkeit, die wir leider nicht immer auf effektive und authentische Weise entwickeln. Oft leben wir einfach mit einer Art Ersatz, von dem wir nicht gerade glauben, dass wir dadurch mit unseren Emotionen, unseren Bedürfnissen und Gedanken in Einklang kommen können.

„In Zukunft werden wir dazu in der Lage sein, die Bildung so weit zu individualisieren, zu personalisieren, wie wir wollen.“

Howard Gardner

Auch wenn es sicherlich angebracht wäre, diese Art von Intelligenz in die Lehrpläne von Schulen und Hochschulen zu integrieren, wollen wir anmerken, dass es nie zu spät ist, sie zu fördern, sie uns zu eigen zu machen, um uns emotional und persönlich weiterzuentwickeln.

Deshalb möchten wir dich als nächstes dazu einladen, über folgende einfache Strategien zu reflektieren.

Mädchen fliegt auf einer Eule

Die folgenden Mechanismen sind grundlegend, um die intrapersonelle Intelligenz zu entwickeln:

  • Meditationsübungen, spazieren gehen, joggen etc. sind großartige Möglichkeiten, um dich mit dir selbst zu verbinden.
  • Beobachte deine Umgebung, verbinde dich mit dem, was dich umgibt, mit allen deinen Sinnen, und schlussfolgere daraus, wie du dich dabei fühlst oder was dir das, was du siehst, für ein Gefühl gibt.
  • Führe Tagebuch, schreibe deine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen auf. Befasse dich mit ihnen.
  • Sei selbstkritisch und bewerte dich selbst.
  • Behalte immer eine reflektierende, und keine reaktive Einstellung bei.
  • Lerne, effizienter zu denken: Gedanken ordnen, kognitive Karten erstellen, aus dem Ungenauen etwas Genaues machen, vergleichen, kritisieren, analysieren, planen usw.
  • Steigere deine Kreativität.
  • Gehe besser mit deinen Emotionen um: Gib ihnen einen Namen, kanalisiere und erforsche sie.

Abschließend möchten wir noch erwähnen, dass die intrapersonelle Intelligenz, im Gegensatz zu den anderen von Gardner vorgeschlagenen, nur durch Verhaltensweisen und Gesten ersichtlich wird. Deshalb handelt es sich dabei um eine innere Kunst, die zuallererst ein einheitliches und tiefes Verständnis für uns selbst erfordert.

Ob wir nun Howard Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen unterstützen oder nicht, gibt es trotzdem einen Aspekt, den wir nicht außer Acht lassen dürfen: Diese Intelligenzen sind der Schlüssel dafür, um angemessene Kompetenzen zu entwickeln, um uns selbst die Möglichkeit zu geben, das Leben in einem angemesseneren, glücklicheren und harmonischeren Umfeld zu erleben.

Die intrapersonelle Intelligenz ist zweifellos eines der wertvollsten Werkzeuge, die wir uns aneignen können.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Lucy Campbell