Was unsere Großeltern brauchen, ist Liebe und Geduld

9. März 2017 en Psychologie 337 Geteilt

Vielleicht haben unsere Großeltern nicht mehr so viel Energie wie früher, vielleicht fällt es ihnen schwer, sich zu bewegen, vielleicht erinnern sie sich nicht mehr daran, wer wir sind, vielleicht schlagen sie manchmal einen falschen Ton an, wenn sie mit uns sprechen, oder sie rauben uns den letzten Nerv, weil sie überhaupt nichts Positives mehr in ihrem Alltag erkennen können.

Vielleicht ist dem so und vielleicht muss das auch so sein, denn der Alltag unserer Großeltern wird von Routinen und Bedürfnissen bestimmt, die wir nicht verstehen. Und eventuell verstehen wir aufgrund unseres jungen Alters die Logik nicht, die diese Bedürfnisse und diesen „subtilen Egoismus“ erklären, den wir hinter ihren Worten vermuten.

Dennoch können wir sagen, dass hinsichtlich eines Alters, in dem sie von unserer Gesellschaft ihrer Identität und Intimität beraubt werden, ihre Unsicherheiten, die sie uns offenbaren, häufig mit ihrem Bedürfnis zu tun haben, ihre Identität zu bestätigen.

Wenn du wieder einmal das Gefühl hast, dass dir deine Großeltern oder Eltern den letzten Nerv rauben, denke an folgende Worte…

Wenn du wieder einmal das Gefühl hast, dass dir deine Großeltern oder Eltern den letzten Nerv rauben, denke daran, dass sie nur ihr Recht auf Entscheidungsfreiheit in einer Phase ihres Lebens verteidigen, in der sie von anderen abhängig sind. Verliere nicht die Geduld, weil sie langsam gehen, rege dich nicht auf, wenn sie schreien, weinen oder dir 20-mal dasselbe erzählen.

Wenn du deinen Großeltern oder Eltern zuhörst und langsam ungeduldig wirst, erinnere dich selbst daran, dass es das letzte Mal sein könnte, dass du etwas von diesem Kampf aus ihrer Vergangenheit hörst. Liebe sie, wenn sie alt sind, und gib ihnen das, was sie brauchen. Ganz gleich, wie langsam sie auch laufen – sie brauchen deine Hilfe und Liebe.

„In der Familiengeschichte gibt es eine Zeit des Umbruchs, wenn Familienmitglieder immer älter und älter werden und die natürliche Hierarchie keinen Sinn mehr macht: Dann werden Kindern zu den Eltern ihrer Eltern.

Dieser Zeitpunkt ist gekommen, wenn ein Elternteil älter wird und beginnt, auf und ab zu laufen, als wäre er umgeben von Nebel und könnte nicht sehen. Langsam, schwerfällig und verwirrt. Wenn einer der beiden Elternteile, der dich an die Hand nahm und dich führte, als du klein warst, nun nicht mehr allein sein will. Wenn der Vater, einst entschlossen und erfolgreich, schwach wird und jetzt zweimal tief einatmen muss, bevor er sich vom Fleck rühren kann. 

Wenn dieser Mensch, der früher gesagt hat, wo es langgeht, heute nur noch seufzt und stöhnt und diese Tür und dieses Fenster sucht, welche ihm jetzt sehr weit entfernt vorkommen. Wenn einer der beiden Elternteile, zuvor arbeitswütig, daran scheitert, seine eigene Kleidung anzuziehen und sich nicht mehr daran erinnern kann, welche Medikamente er nehmen muss.

Und wir als Kinder sollten nichts weiter tun, als zu akzeptieren, dass wir für dieses Leben verantwortlich sind. Dieses Leben, das uns zeugte, hängt nun von uns ab, um in Frieden von uns zu gehen.“

Fabricio Carpinejar

Großeltern sind keinesfalls wie kleine Kinder zu behandeln

Ältere Menschen erscheinen uns manchmal wie „kleine Kinder“, weil sie Geduld, Aufmerksamkeit, Fürsorge, Verständnis und Liebe brauchen. Es mag sein, dass sie in gewissen Momenten unsere Aufmerksamkeit und elterliche Fürsorge verlangen, doch das bedeutet nicht, dass wir mit ihnen wie mit Kindern reden müssen.

Wir können sie nicht einfach so behandeln, als wüssten sie nichts, denn es sind Menschen mit einer Lebensgeschichte, die unglaublich reich an Erfahrungen und Weisheiten ist. Bei der Kommunikation mit ihnen übermäßig viele Verniedlichungen zu benutzen, das Gesagte zu vereinfachen, mit einer kindlichen Stimme mit ihnen zu reden oder ihre Entscheidungsfreiheit nicht zu berücksichtigen, ist ein absolut unangemessener Umgang mit älteren Menschen.

Wenn wir mit älteren Menschen reden und sie so behandeln, als wären sie kleine Kinder, ernten wir nur Zurückweisung und stoßen auf Widerstand, anstatt uns ihnen zu nähern und unsere Kommunikation zu ihnen zu verbessern.

Unsere Großeltern haben es nicht verdient, dass wir sie wie Kinder behandeln, weil sie einfach keine sind. Sie sind erwachsene Menschen, die aufgrund ihres Alters und möglicher Erkrankungen in gewisser Weise in ihrem Leben eingeschränkt sind.

Sie ganz normal zu behandeln gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Einschränkungen im Leben zu akzeptieren und gleichzeitig ihre Fähigkeiten anzuerkennen.

Außerdem ist es wichtig, dass wir uns auch mit dem Thema „Missbrauch von älteren Menschen“ auseinandersetzen, welches leider öfter anzutreffen ist, als wir glauben wollen. Physische und psychische Gewalt ist in der Beziehung zwischen Großeltern und deren Fürsorgern häufig anzutreffen.

Älteren Menschen die Entscheidungsfreiheit über alltägliche Dinge zu nehmen, ihre Mithilfe nicht anzunehmen, ihnen zu viele oder zu wenige Medikamente zu geben, ihnen keine Beachtung zu schenken und sie emotional und physisch gesehen zu missbrauchen, sind die häufigsten Formen des Missbrauchs.

Bedingungslose Liebe und endlose Geduld – die wichtigsten Bestandteile der Pflege

Auch wenn uns die Pflege unserer Großeltern die letzten Kräfte rauben kann, so dürfen wir trotzdem nicht vergessen, dass diese Traurigkeit und Ermüdung Teil eines schmerzhaften Prozesses sind, den wir durchmachen müssen. Er ist Teil des Abschieds, des Lebewohlsagens von einem Teil unserer Seele, der ihnen gehört.

Mit ihnen geht all das, was wir mit niemandem sonst geteilt haben und wofür es nun keine Zeugen mehr gibt. Das verlangt zweifellos ein hartes Stück Arbeit von uns ab, aber es ist auch eine Möglichkeit, die uns das Leben bietet. Wir sollten sie nicht ungenutzt lassen.

Denn das, was unsere Großeltern brauchen, ist bedingungslose Liebe und endlose Geduld. Beide Bestandteile sind die wichtigsten, wenn es um die Pflege älterer Menschen geht. Sie nehmen ihnen ihre Angst und ihre Traurigkeit darüber, dass sie Fähigkeiten verloren haben und dem Leben Lebewohl sagen müssen.

Auch interessant