Was ist Neuropolitik?

Die Neuropolitik ist ein neues Wissensgebiet, das immer mehr an Bedeutung zu gewinnen scheint. Durch die mit verschiedenen Instrumenten gesammelten Daten ist es möglich, Denkmuster und auch die politische Meinung der Bevölkerung zu beeinflussen.
Was ist Neuropolitik?
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 15. August 2022

Die Neuropolitik ist ein Wissenszweig, der politisches Verhalten aus neurowissenschaftlicher Sicht untersucht. In den meisten Fällen geht es darum, den politischen Entscheidungsprozess zu verstehen. Diese Disziplin umfasst aber auch andere Aspekte wie politische Einstellungen, Interaktionen, Verhaltensmuster usw.

Ein Teil der Neuropolitik untersucht die Rolle, welche die Politik und der politische Wettbewerb bei der Entwicklung des Gehirns spielten. Ein interessanter Aspekt ist, dass sich dieser Wissenszweig nicht nur auf die Erforschung dieser Realitäten bei Menschen, sondern auch bei Tieren, insbesondere bei Primaten, konzentriert.

Neuropolitik ist nicht nur ein theoretisches Feld, es gibt auch praktische Anwendungen. Im Falle von Politikern können die Informationen aus diesem Bereich durch Neuromarketing in Kampagnen eingesetzt werden. Die Neuropolitik bietet auch eine Anleitung, wie Entscheidungen oder Aspekte der Regierungsführung kommuniziert werden können. Sie ermöglicht es den Bürgern, das eigene Verhalten besser zu verstehen und folglich bewusster mit Entscheidungen umzugehen.

“Die Menschen sind in der Lage, die Reaktionen ihres Gegenübers zu analysieren, aber wir setzen die Technologie nicht ein, um die Mimik zu lesen, sondern sind eher daran interessiert, die kleinen Unterschiede zu erkennen, die sich unbewusst zeigen.”

Maria Pocovi

Politiker nutzen die Neuropolitik in der Praxis
Die Neuropolitik untersucht politisches Verhalten aus der Sicht der Neurowissenschaften.

Neuropolitik: der Ursprung

Seit der Antike kann ein Zusammenhang zwischen politischen Entscheidungen und der Funktionsweise des Gehirns erkannt werden. Viele Denker, darunter Platon und John Locke, stellten Vermutungen darüber an, wie Menschen Informationen über Macht verarbeiten.

Später führte Roger Sperry eine Reihe von Experimenten durch, die zeigten, dass Menschen mit einer gewissen Hirnfunktionsstörung ihre politischen Urteile änderten. Es war jedoch der Psychologe und Ethologe Frans de Waal, der einen entscheidenden Schritt zur Konsolidierung der Neuropolitik als Wissenszweig unternahm.

Auf der Grundlage seiner Beobachtungen an Primaten veröffentlichte de Waal ein berühmtes Buch mit dem Titel “Chimpanzee Politics: Power and Sex Among Apes“. Darin zeigte er, dass Tiere in der Lage sind, strategische Allianzen zu schließen, um andere zu manipulieren. Später, mit der Entwicklung von Neuroimaging-Techniken, wurde das Feld der Neuropolitik immer relevanter.

Neuropolitik und Neuromarketing

Die Neuropolitik ist eng mit dem Neuromarketing verbunden. Sie wird vor allem für die Gestaltung politischer Kampagnen genutzt, wobei der Kandidat als Produkt und der Wähler als Kunde betrachtet wird. Das Ziel ist, “Angebot und Nachfrage” aufeinander abzustimmen, wie beim Verkauf eines beliebigen Artikels.

Verschiedene politische Kampagnenberater und -manager haben die emotionalen Reaktionen auf die Botschaften von Machtpersonen analysiert. Im Wesentlichen geht es ihnen darum, Mikroausdrücke zu analysieren. Dazu gehören die muskuläre Gestik des Gesichts und auch die in den Augen widergespiegelten Reaktionen.

Wie bei jeder Marktforschung rekrutieren die Berater Freiwillige und setzen diese den Botschaften der Machtfiguren aus. Sie analysieren die Mikroausdrücke, um herauszufinden, was sich “am besten verkauft”. So kann eine Botschaft entworfen werden, die genau dem entspricht, was die Kunden, das heißt die Bürger, “hören wollen”. Mit dieser Strategie ist es möglich, die Bevölkerung empfänglich für bestimmte Meinungen zu machen oder Nichtwähler zu den Urnen zu bringen.

Neuropolitik in der Politik
Einer der Bereiche, auf die sich die Neuropolitik am meisten konzentriert hat, sind Werbekampagnen.

Ein Instrument der Zukunft

Die Neuropolitik ist ein Wissensgebiet, das in Zukunft sicher an Gewicht gewinnen wird. Während ihre Instrumente bereits zur Machtsteuerung zum Einsatz kommen, ist zu erwarten, dass dieses Wissen in Zukunft immer mehr Einfluss auf die Entscheidungsfindung der Wählerinnen und Wähler haben soll.

Wir leben in einer Welt, in der unser Verhalten, unsere Reaktionen und sogar unser Gesichtsausdruck von Machtanalytikern untersucht werden. Diese analysieren, was wir in sozialen Medien teilen – Fotos und Videos von unseren Gesichtsausdrücken werden aufgenommen und wir werden ständig beobachtet. Die Mächtigen betrachten uns als Konsumenten, nicht nur von Waren, sondern auch von Botschaften und Illusionen. Vielleicht werden wir in Zukunft Chips in uns tragen, die über unsere physiologischen und neurologischen Reaktionen auf die Realität berichten. Uns erwarten Ökosysteme am Horizont, in denen die Neuropolitik im Mittelpunkt stehen wird.

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