Was ist krankhaft und wo ist die Grenze?

· 16. Juni 2018

Das Wort „krankhaft“ wird sehr häufig gebraucht, ohne über seine genaue Bedeutung nachzudenken. Oft wird dieser Terminus mit etwas Sexuellem in Verbindung gebracht, weshalb in diesem Zusammenhang Begriffe wie „Spannen“ oder „sexuelle Anspielungen“ fallen. Doch im Allgemeinen werden auch andere Verhaltensweisen als krankhaft eingestuft. Zum Beispiel, wenn jemand jedes kleinste Detail aus dem persönlichen Bereich oder Privatleben eines anderen Menschen wissen will. Oder wenn Menschen ein scheinbar „morbides“ Interesse daran haben, blutige oder zu gewalttätige Bilder zu sehen.

Darüber hinaus wissen wir natürlich, dass der Terminus „morbid“ von der Medizin verwendet wird, wenn es um Krankheiten geht. Wissenschaftler und Ärzte sprechen dann von „morbiden Zuständen“. Als krankhaft bezeichnen wir demnach alles, was auf eine (Geistes-)krankheit schließen lässt. Oftmals wird krankhaft aber auch als Synonym für eine Perversion verwendet. Die Frage ist deshalb: Was ist krankhaft?

„Das Krankhafte ist der Ungehorsam der Vernunft.“

Plutarch

Krankhaftes Interesse: eine menschliche Realität

Ein überaus großes Interesse ist einer unserer Grundimpulse. Es hat mit unserem instinktiven Verhalten zu tun, das ebenso sämtliche Grundbedürfnisse, wie essen, schlafen, uns mit anderen Menschen zu verbinden und Geschlechtsverkehr zu haben, mit einschließt.

Frau mit einem weißen Flügel im Gesicht

Ein krankhaftes Interesse könnten wir als ein Bedürfnis beschreiben, etwas sehen, fühlen, hören, schmecken oder mit etwas interagieren zu wollen, das von der Gesellschaft als verboten oder verwerflich angesehen wird. Es geht um eine Kraft, die uns antreibt, damit in Kontakt zu treten und Freude dabei zu empfinden. Freude daran, Grenzen zu überschreiten oder in die Welt des Verbotenen einzutauchen.

Das kann sich auf viele verschiedene Weisen ausdrücken. Pornografie befriedigt beispielsweise die Neugier, aber ermöglicht es uns auch, über eine herkömmliche sexuelle Beziehung hinauszugehen. Sie ist deshalb so anziehend, weil Grenzen überschritten werden, und das schafft ein noch größeres Vergnügen. Bei übermäßiger Neugier geht es ebenfalls darum, Gefallen daran zu empfinden, Grenzen zu überschreiten.

Merkmale eines krankhaften Interesses

Das Wörterbuch besagt, dass krankhaftes Interesse bedeute, einen obsessiven Hang hin zum Verbotenen zu haben. Vor allem wird es mit etwas Ungesundem assoziiert, aber auch mit Vergnügen, und dieses Vergnügen ist fast immer sexueller Natur. Doch das sollten wir genauer unter die Lupe nehmen. Denn nicht jedes übermäßig starke Bedürfnis ist schädlich. Manchmal ist es einfach spielerisch und steht für neue Formen, Gefallen zu entdecken.

Frau mit silbernen Maske

Für gewöhnlich löst alles, das geheimnisvoll erscheint oder den Gedanken aufwirft, verwerflich zu sein, ein starkes Interesse daran aus. Unter normalen Bedingungen bezieht sich das auf alles, was wir innerhalb der Normen nicht erleben oder was einen Bruch mit dem sogenannten „Normalen“ bedeuten würde.

Im pathologischen Bereich steht diese enorme Anziehung für ein Verlangen nach etwas, das aus verwandtschaftlicher Sicht, was die mentale Gesundheit oder soziale Grenzen anbelangt, verboten ist. Hierbei handelt es sich um Fälle, bei denen sich Menschen von Familienmitgliedern oder Kindern usw. angezogen fühlen. In diesen Fällen ist das krankhafte Verlangen einer Perversion zuzuschreiben.

Das Verbotene und das Verlangen

Die Vorstellungskraft spielt bei der Sexualität eine entscheidende Rolle. Oftmals ist die sexuelle Anziehung nicht so sehr von dem abhängig, was wir sehen, sondern von dem, was wir uns vorstellen. Was auf den ersten Blick unerreichbar scheint, kann zu einem Verlangen werden.

Es gibt Gesellschaften, in denen die Frau ihren Oberkörper nackt zeigt. Die Frauen so zu sehen, ruft bei all jenen, die Teil dieser Gesellschaft sind, kein enormes Interesse hervor. Doch für jemanden, der einer Gesellschaft angehört, in der der Oberkörper immer bedeckt ist, kann dieser Anblick höchst erregend sein.

Ein Großteil der Welt der Erotik hat also mit dem zu tun, was wir uns vorstellen, und nicht so sehr damit, was gegeben ist. Viele Leidenschaften werden eben dadurch stärker, dass sie es erfordern, eine Grenze zu überschreiten. So funktioniert ein verbotenes Verlangen.

Wann ist ein starkes Bedürfnis gesund und wann ist es ungesund?

Was ein sehr starkes Interesse und auch die Sexualität anbelangt, gilt im Allgemeinen, dass alles erlaubt ist, wenn die daran beteiligten Personen bewusst damit einverstanden sind. Das gilt sogar, wenn es sich um etwas handelt, das von anderen als „schmutzig“, „grausam“ oder „bizarr“ angesehen wird. Die einzige Bedingung ist, dass die Beteiligten diese Praktiken frei akzeptieren können.

Roter Apfel hängt einsam an einem Baum

Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa sagt, dass in der Welt der Erotik alles zulässig sei, was Vorurteile herausfordere. Doch es sei nicht akzeptabel, wenn der sexuelle Akt und diejenigen, die Teil dieses seien, darunter leiden würden. Dann würde daraus eine rein physische Realität werden, die keine Rücksicht auf Empfindungen und Gefühle nehme.

Selbstverständlich gilt das auch, wenn ein sehr starkes Verlangen nur bei einem der Beteiligten vorhanden ist. In diesem Fall ist es ein Versuch, den anderen auf eine Sache, ein Mittel oder Instrument zu reduzieren. Unter solchen Umständen wird aus einem starken Verlangen eine Perversion, die sich auf alle Beteiligten in hohem Maße schädlich auswirkt.