Was genau ist Freie Assoziation?

· 6. Oktober 2018

Freie Assoziation ist ein psychoanalytisches Werkzeug, das vom Vater der Psychoanalyse selbst erfunden wurde – nämlich von Sigmund Freud. Dabei soll der Patient alles äußern, was ihm während einer Sitzung spontan einfällt. Das Ziel ist, alle seine Filter oder Urteile über die eigenen Gedanken zu eliminieren und dem Therapeuten ohne Zensur mitzuteilen, was in seinem Kopf vorgeht.

Die Freie Assoziation hat eine theoretische Grundlage und es ist genau beschrieben, wie sie durchzuführen ist und welche Ziele sie verfolgt. Sie ist ein grundlegender Teil der Psychoanalyse, wird aber auch bei bestimmten psychologischen Tests eingesetzt, wie zum Beispiel dem Rorschach-Test oder dem Thematischen Auffassungstest (TAT-Test).

Die Geschichte der Freien Assoziation

Freud entwickelte das Konzept über einen Zeitraum von sechs Jahren, zwischen 1892 und 1898. Im Laufe der Zeit ersetzte er seine früheren Methoden, vor allem Hypnose und Katharsis, zunehmend durch die Freie Assoziation. Sein Ziel war es, Suggestion zu vermeiden. 
Freud begann, mit der Idee der Freien Assoziation zu spielen, nachdem er seine Patientin Frau Emmy von N. im Jahre 1892 behandelt hatte. Sie bat Freud ausdrücklich darum, ihre Gedankengänge nicht zu unterbrechen. Sie wünschte sich, dass er sie frei sprechen ließe.
Sigmund Freud am Schreibtisch

In Die Psychoanalytische Methode  aus dem Jahr 1904 erzählte Freud er schließlich, warum er die Hypnose am Ende fallen gelassen hatte. Nach seiner Zusammenarbeit mit Josef Breuer bemerkte Freud, dass er mit der Hypnose nur vorübergehende Resultate erzielte*, während die Methode der Freien Assoziation den Widerstand der Patienten dauerhaft zu überwinden vermochte. Damit wurde es so viel einfacher, Informationen aus dem Unbewussten (Erinnerungen, Schwachpunkte, Symbole) zugänglich zu machen. Plus, den Patienten blieb die mit der Hypnose einhergehende Unsicherheit erspart.

Aus diesen Gründen ersetzte er die hypnotischen und kathartischen Methoden durch die Freie Assoziation. Er machte diese dann zum grundlegenden Weg, um das Unbewusste zu erschließen. 

Die theoretische Grundlage der Freien Assoziation

Um eine stimmige Botschaft zu senden, wählen wir beim Sprechen bestimmte Worte. Wir alle setzen diesen Vorgang der Wortwahl ein, auch wenn manche dies schneller und präziser als andere tun. Allgemein treten oft Fehler auf: Versprecher, entfallene Worte, Wiederholungen etc. Normalerweise ignorieren wir diese „Fehler“ außerhalb des therapeutischen Umfelds. Aber in einer Therapie sind sie besonders wichtig.

„Das Unbewusste ist wie eine Sprache aufgebaut.“

Jacques Lacan

Psychoanalytiker sehen solche „Fehler“ als Ausdruck des Unbewussten an. Es ist fast so, als ob das Ausgesprochene einen Abwehrmechanismus überwunden hätte. Dasselbe passiert bei der Freien Assoziation: Hier befreit der Therapeut die Patienten von ihrer Selbstkontrolle und dem Bedürfnis, die eigenen Gedanken logisch zu ordnen. Die Therapie ist das perfekte Umfeld, um sich gehen zu lassen und dem Unbewussten Raum zu geben, damit es sich ausdrücken kann. Wenn die Patienten sich wirklich öffnen, ist es dem Therapeuten daher möglich, ihr Unbewusstes zu erschließen.

„Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie verstummt nicht, ehe sie gehört wurde.“

Sigmund Freud

Freud glaubte, dass es unabdinglich für die Heilung sei, die Widerstände der Patienten aufzudecken und zu analysieren. Er glaubte auch, dass der einzige Weg dafür die Freie Assoziation wäre. Freud betrachtete sie als jene Technik, die die Psychoanalyse grundlegend von allen anderen Therapieformen unterschied.

Inzwischen kennen wir übrigens drei grundlegende Techniken für die klinische Analyse: Freie Assoziation, Trauminterpretation und Parapraxis. Allerdings ist die Freie Assoziation bis heute die wichtigste von ihnen.

Fantasievolles Bild von bunten Figuren im Sternenhimmel

Wie genau funktioniert die Freie Assoziation?

Freie Assoziation passiert manchmal einfach von selbst. Zu anderen Zeiten geschieht sie im Traum, in einer Fantasie oder einer anderen Art von Gedanken. Aber für die wahre Freie Assoziation muss der Patient seinem Psychoanalytiker vertrauen.

Dazu ist zu verstehen, dass ein Gespräch mit einem Analytiker nicht dasselbe ist wie eine normale Konversation. Es ist nicht so, als ob wir einfach mit einem Freund oder einem Bekannten sprechen würde. Es gibt während der Sitzung absolut keine Urteile. Nichts ist richtig oder falsch. Im Grunde kann alles gesagt werden.

Der wichtigste Aspekt des Gespräches ist, dass der Patient seinen Gedanken freien Lauf lässt. Diese kann er seinem Therapeuten gegenüber dann offen aussprechen. Was hier passiert, ist, dass unbewusste Symbole aufkommen und analysiert, interpretiert und bearbeitet werden können.

Wer einmal sein Unbewusstes erschlossen hat, kann bewusst damit arbeiten. Das Ziel des Ganzen ist es, Unbehagen oder Konflikte aufgrund „verbotener“ Gedanken zu vermeiden.

„Unausgesprochene Gefühle sterben nie. Sie werden lebendig begraben und kommen später auf hässlichere Weise wieder hoch.“

Sigmund Freud

Wie sich korrekte Freie Assoziation auslösen lässt

Die Freie Assoziation passiert natürlich viel leichter, wenn der Patient sich wohlfühlt. Sein Wohlbefinden hat sowohl mit dem Analytiker als auch mit dem Therapieraum zu tun. In der analytischen Umgebung sollte er daher so wenig wie möglich abgelenkt werden.

Früher wurde eine Couch verwendet. Der Patient lag auf dieser, während der Analytiker sich außerhalb seines Gesichtsfelds positionierte – damit der Patient sich nicht beobachtet, verurteilt oder bewertet fühlte. Er sollte sich ganz auf seine Assoziationen konzentrieren können.

Der Analytiker sagte dann etwas Einfaches wie: „Sprechen Sie, worüber sie wollen“,  oder „Beschreiben Sie alles, was Ihnen einfällt, jedes Bild oder jede Erinnerung, die Ihnen in den Kopf kommt“.  Von da an war der Patient komplett frei, auszusprechen, was immer ihm einfiel. Er musste sich keine Gedanken darüber machen, ob es zusammenhängend war oder ob er seinen Analytiker zufriedenstellte.

Fußnote

*Ein Analytiker konnte das Unbewusste eines Patienten durch Hypnose erschließen – das war nicht das Problem. Es war aber so, dass die meisten Patienten aus der Hypnose erwachten und nicht mehr wussten, was sie gesagt hatten. Deshalb kamen ihre Widerstände immer wieder ins Spiel und am Ende stand das Wort des Analytikers gegen das des Patienten, was den Prozess sehr verlangsamte. Bei der Freien Assoziation hingegen sind die Patienten bei vollem Bewusstsein. Das bedeutet, dass sie sich an ihre Worte erinnern, wenn der Analytiker später versucht, diese zu analysieren.