Warum unsichere Menschen intellektuelles Mobbing betreiben

· 26. September 2018

Wenn wir an Mobbing denken, denken wir normalerweise an verschiedene Arten von körperlicher und verbaler Aggression. Vielleicht denken wir auch an betroffene Schulkinder oder Mobbing, das sich ganz offen in den sozialen Netzwerken abspielt. Aber es gibt auch andere, subtilere Möglichkeiten, zu mobben und einzuschüchtern, zum Beispiel durch Demütigung und Sarkasmus. Diese Art der Belästigung wird als intellektuelles Mobbing oder einfach als Einschüchterung bezeichnet.

Intellektuelles Mobbing erfährt weit weniger Aufmerksamkeit als andere Formen des Mobbings, die besser bekannt sind. Dies macht es jedoch nicht weniger schädlich. Tatsächlich hat diese Form der psychischen Gewalt nicht nur Konsequenzen für Erwachsene. Es ist auch sehr schmerzhaft für diejenigen, die es während ihrer Kindheit erleiden müssen.

Intellektuelles Mobbing und Hierarchien in der Bildung

„Intellektuelle Hierarchie“ ist eine Möglichkeit, Menschen nach ihrer Bildung und ihren schulischen Qualifikationen zu klassifizieren. An diese Art der Klassifizierung sind wir seit unserer Kindheit gewöhnt. An der Spitze der Hierarchie stehen diejenigen, die ein höheres Bildungsniveau erreicht haben, eine bessere Ausbildung gemacht haben sowie mehr Qualifikationen erworben haben. Am unteren Ende dieser Pyramide stehen diejenigen, die kaum eine Bildung erhalten haben, vielleicht keinen Ausbildungsplatz ergattern konnten und nur sehr wenige Qualifikationen aufweisen können. Dieses Bildungsgefälle ist unter anderem dann ein Problem, wenn Menschen, die an der Spitze dieser Hierarchie stehen, diejenigen in niedrigeren Positionen ungerechtfertigterweise herabwürdigen.

Ein Junge schlägt seine Hände vor sein Gesicht.

Diese „intellektuelle Überlegenheit“, die manche demonstrieren und nutzen, um andere zu diskreditieren, ist eben jene Art von Belästigung, die man intellektuelles Mobbing nennt. Wir sollten diese Einschüchterungsversuche immer ernst nehmen, da sie bei Betroffenen große Schäden und Leiden verursachen. In der Tat unterscheidet sich intellektuelles Mobbing hinsichtlich möglicher Folgen nur unwesentlich von physischem Mobbing. Beide können das Selbstwertgefühl des Opfers auf verheerende Weise beeinflussen.

Wissenschaftler fanden heraus, dass sowohl physische als auch verbale Erniedrigung die Bereiche des Gehirns, die mit Schmerz verbunden sind, aktivieren. Demütigung löst in uns eine intensivere und dauerhaftere Reaktion aus als Freude und eine viel negativere als Wut.

Eine andere Person zu demütigen, ist deshalb immer grausam. Was für ein Typ Mensch ist aber jemand, der andere intellektuell mobbt?

Der intellektuelle Mobber

Der „intellektuelle Mobber“ ist in der Regel intelligenter als der Durchschnittsbürger. Aus diesem Grund fühlt er sich seiner Umgebung überlegen. Es ist genau dieses Gefühl der Überlegenheit, das zu Demütigungen, Verachtung und Sarkasmus gegenüber Mitmenschen führt. Der intellektuelle Mobber nutzt diese Mittel, um seine scheinbare Überlegenheit zu bestätigen. Der eigentliche Zweck seines Verhalten ist es jedoch, die eigene Unsicherheit zu verstecken, die genau hierdurch verraten wird.

Ein weiteres Merkmal des intellektuellen Tyrannen ist seine herablassende Haltung. Die Unsicherheit, die ihn ergreift, verbirgt sich hinter seinen großen Worten und arroganten Phrasen. Mit denen versucht er, seine Intelligenz und Überlegenheit zu bestätigen. Aus diesem Grund verwendet er gern technische und komplizierte Wörter, um andere dazu zu bringen, sich dumm und minderwertig zu fühlen.

Hier ist eine Frage, die zum Nachdenken anregen soll: Sind das nicht genau die Leute, die in unseren Medien verehrt und gelobt werden? Sind nicht die beliebtesten Programme im Fernsehen diejenigen, in denen das Publikum sich diese Form von Demütigung ansieht?

Aufgrund ihrer Intelligenz sind intellektuelle Mobber in einer relativ guten Position, um in unserer Gesellschaft einen höheren Status zu erlangen. Dies liegt daran, dass ihre „intellektuelle Überlegenheit“ oft belohnt wird. Das geht einher damit, dass diese Menschen weiterhin ihre angebliche Intelligenz demonstrieren können, ohne für ihr schädliches Verhalten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bei Menschen, die ihre Mitmenschen physisch attackieren, ist die Gesellschaft oft viel schneller dazu bereit, dieses Verhalten zu sanktionieren. Dabei sollten wir alle Formen des Mobbings gleichermaßen bestrafen.

„Wenn du dich in einer ungerechten Situationen neutral verhältst, hast du die Seite des Unterdrückers gewählt. Wenn ein Elefant seinen Fuß auf den Schwanz einer Maus setzt und du sagst, dass du neutral bist, wird die Maus deine Neutralität nicht schätzen.“

Desmond Tutu

Konsequenzen des intellektuellen Mobbings

Intellektuelles Mobbing kann verheerende Langzeitfolgen für Betroffene haben. Studieren in einem Wettbewerbsumfeld, in dem „intellektuelle Überlegenheit“ geschätzt wird, kann ein tiefes und lang anhaltendes emotionales und psychologisches Trauma verursachen.

Menschen, die Opfer dieser Art von Mobbing werden, erleiden oft einen schweren Schaden an ihrem Selbstwertgefühl. Sie neigen auch dazu, das Vertrauen in sich selbst zu verlieren. Deswegen hören Betroffene meist auf, die Initiative zu ergreifen, um nicht weiter demoralisiert zu werden. Wir wollen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen, dass diese Mobbingform die Ursache für einen hohen Prozentsatz von Suiziden bei Jugendlichen ist.

Intellektuelles Mobbing bzw. Einschüchterung hat jedoch auch Konsequenzen für den Tyrannen. Auf lange Sicht wird dieser zum Opfer seines eigenen Spiels. Auch die Menschen in seinem Umfeld werden irgendwann feststellen, dass der Mobber ein grausamer und giftiger Mensch ist, und werden dann beschließen, sich fernzuhalten. Der Täter, der an seiner eigenen Unsicherheit leidet und deswegen andere demütigt, wird sich schließlich selbst daran hindern, sich voll zu entfalten und sein Potenzial auszuschöpfen.

„Menschen, die sich selbst lieben, verletzen keine anderen Menschen. Je mehr wir uns selbst hassen, desto mehr wollen wir, dass andere leiden.“

Dan PearceEin trauriger Junge sitzt auf dem Fußboden und zwei Kinder stehen vor ihm und zeigen mit ihren Fingern auf den Jungen.

Erziehen heißt auch, Mitgefühl und Demut zu lehren

Dieses intellektuelle Mobbing ist im Allgemeinen auf mangelndes Mitgefühl zurückzuführen. Wenn Aggressoren ihr Opfer verletzen, tun sie dies wissentlich. Wenn sie sich wirklich um die Gefühle der anderen Person sorgen würden, würden sie sie überhaupt nicht belästigen oder mobben. Eine offensichtliche Lösung des Problems besteht darin, dass wir unsere Kinder zu mehr Mitgefühl erziehen. Anstatt zu versuchen, in einer intellektuellen Hierarchie nach oben zu klettern, sollten wir uns lieber Wissen aneignen, es verinnerlichen und es dann nutzen, um anderen zu helfen.

Wie Aristoteles bereits sagte: „Den Geist zu erziehen, ohne das Herz zu erziehen, ist überhaupt keine Bildung.“  Von diesem Bildungsmotto profitieren alle. Denn so erwerben wir nicht nur ein besseres Verständnis unserer Welt, sondern auch mehr Demut und Mitgefühl für unsere Mitmenschen.