Warum sind Sonntage so melancholisch?

· 15. Dezember 2017

Für Menschen bedeutet der Sonntag eine Menge. Er ist ein Tag vor dem sich viele Menschen aufgrund der Emotionen fürchten, die bei ihnen ans Tageslicht kommen. Für andere jedoch ist der letzte Tag der Woche ein Tag, um ihre Batterien aufzuladen, und um anwesend zu sein.

Viele Menschen fühlen sich an Sonntagen ängstlich. Der Tag überwältigt uns mit seiner Nostalgie und Wahrheit. In gewisser Hinsicht ist es, als ob der Sonntag uns mit einer ernsten Dosis der Realität ins Gesicht schlägt. „Hier bin ich, hier ist deine Freiheit, hier bist du, hier ist dein Leben.“ Es ist das Ende eines Zyklus, das Ende der Woche.

Es ist, als ob er uns alles zeigen wolle, worüber wir nicht nachdenken wollten. Wie eine Schublade zu öffnen, die wir die ganze Woche versucht haben, geschlossen zu halten. Doch fast wie durch Zauberei öffnet sich die Schublade immer an Sonntagen. Ein Moment, sich zu öffnen und alles rauszulassen, das wir nicht fühlen wollten.

Auf der anderen Seite ist der Sonntag etwas paradox, weil wir an diesem Tag oft am müdesten sind. Wir wundern uns, wie in aller Welt wir so in eine neue Woche starten können. Doch dann sind wir an Sonntagen müde, weil wir andere Zeitpläne an den Wochenenden haben. Diese Veränderungen bringen unseren Körper aus dem Gleichgewicht. Manchmal ist es, weil wir uns zu sehr ausruhen, oder weil die Veränderung vom Rest der stressigen Woche heftig war.

"Open Sunday" - Schild

Der Sonntag lässt uns über das Leben nachdenken, ohne dass wir durch etwas abgelenkt werden. Dies ist dein Leben, dies ist wer du bist. Es ist, als ob wir nackt sind, und wehrlos in der ungewissen Zukunft bleiben. Am Montag ziehen wir uns wieder buchstäblich und im übertragenen Sinne unsere Arbeitsklamotten an. Wir werden uns vom Sonntagsblues ablenken, sobald wir anfangen zu arbeiten.

Indem wir beschäftigt bleiben, finden wir Frieden, Bedeutung, Richtung, und Stabilität. Wir bedeuten etwas, wir haben eine Aufgabe. Wir haben einen Platz in der Welt. Unser Sandkorn hilft uns dabei, unsere Gesellschaft zu bauen. Eine Gesellschaft voller Menschen, die den Moment fürchten, dass ihr Leben so wie es ist, aufgedeckt wird. Menschen, die paradoxerweise von der Freiheit erschrocken sind.

Erich Fromm hat auf diese Situation in seinem Werk „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941) verwiesen. Hier hebt er den merkwürdigen Paradoxon zwischen der erwünschten Freiheit und der Furcht von ihr hervor, mit der Verantwortung, die sie enthält. Wenn ich frei bin, dann bin ich allein für meine Existenz und meine Entscheidungen verantwortlich. Dieser Abgrund, in dem ich mich erfinden muss, verursacht eine intensive Qual, Unbehagen, und Unsicherheit.

Manchmal tun wir alles, was nötig ist, um den Sonntagsblues zu vermeiden

Wir fühlen eine Leere, die sich mit Melancholie füllt. Es ist eine Melancholie, die an diesem beängstigenden letzten Tag auftaucht, der sich Sonntag nennt. Sonntage sind eine Art Schwebe zwischen dem, was wir in der Gesellschaft sind (unsere berufliche Rolle), und wer wir tief in uns sind. Es bringt unsere fundamentale Einsamkeit genau vor uns. Die Einsamkeit, die wir nicht sehen wollen.

Manchmal schieben wir unsere Einsamkeit beiseite, indem wir nach jeder Art der Gesellschaft suchen. Nur um nicht alleine zu sein. Denn wenn wir allein sind, spüren wir, wie der Blues eindringt. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um diese Gefühle zu vermeiden. Vielleicht schlafen wir den ganzen Tag, oder verbringen unsere Zeit mit Menschen, dessen Gesellschaft nicht viel für uns macht. Oder wir versuchen einfach, beschäftigt zu bleiben.

Viele Menschen, die süchtig nach Arbeit sind, können die Idee, einen ganzen Tag nicht zu arbeiten, nicht ausstehen. Ein Tag ohne Arbeit würde bedeuten, dass sie sich der Wahrheit, wer sie sind, und wie sie von sich selbst wegrennen, stellen müssen. Frenetische Aktivitäten füllen uns mit Leben, weil wir beschäftigt sind, und uns nützlich fühlen. Sie bringen uns aber auch von dem weg, wer wir wirklich sind. Sie distanzieren uns von unserer Einsamkeit und unserem Unbehagen.

trauriger Mann

Die Arbeit lenkt uns von dem ab, wer wir tief in uns drin sind

Die Arbeit hilft uns dabei, die Melancholie und Angst, die an Sonntagen auftaucht, zu verhindern. Alles, was wir versuchen zu vertuschen, wird schließlich ans Licht kommen, wenn wir es am wenigsten erwarten. Deshalb ist es wichtig, einen ernsten Blick auf das zu werfen, was innerlich passiert. Anderenfalls werden wir nicht in der Lage sein, das Beste aus dieser Sache zu machen, die wir versuchen nicht zu sehen.

Es ist logisch, sich so an Sonntagen zu fühlen. Von einer Reise, einen Tag bevor unsere arbeitsreiche Woche wieder beginnt, zurückzukommen… Dieser innere Sturm hat eine Bedeutung und ein Gefühl. Es ist ein Gefühl, das nicht immer offensichtlich ist. Es ist wichtig, als nützliche Wesen zu leben, die nach einer Bedeutung, nach Baumaterial jagen, und daran glauben.

Gleichzeitig ist es wichtig, uns um unsere Natur als Menschen zu kümmern. Auf diese Weise verstehen wir diese natürlichen Reaktionen, die abrupt und/oder wiederholend entstehen. Zuzuhören, anzunehmen, und unsere Angst und Melancholie zu akzeptieren macht es uns erträglicher und ist definitiv bereichernder.