Von der grauenvollen Vorstellung, dass ich dich nie mehr wiedersehen sollte

20, März 2017 en Psychologie 291 Geteilt

Was für eine grauenvolle Vorstellung! Sie scheint so unwirklich. Ich soll dich nie mehr wiedersehen, die ich nie wieder umarmen, nie wieder deine liebliche Stimme am Telefon hören. Ich soll dich nie mehr riechen und nie wieder deine Gedankengänge nachvollziehen, die nur du selbst verstanden hast, ganz egal, was du auch gedacht hast. Ich denke daran, wie ich früher nur wegen deiner zärtlichen Stimme lächeln konnte.

Meine Hände zittern, meine Knie werden weich, den Schrei meines Herzens kann niemand hören, es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, mir fehlt die Luft zum Atmen und ich verschlucke mich an meinen Worten. Ich kann nicht schreien, auch nicht fliehen. Ich bleibe ruhig und bin wie alle anderen erstarrt.

Ich kämpfe im Schlamm gegen das Versinken an

Ich schließe die Augen und das Erste, was ich vor mir sehe, jagt mir einen riesigen Schrecken ein. Ich habe eine Heidenangst davor, mich an noch mehr zu erinnern, ich halte mich an diesem Wunsch so sehr fest, wie jemand, der in eine Seilbahn einsteigt und weiß, dass sie mitten in den Abgrund führt. In meinem Verstand macht sich der Wunsch breit, aus diesem Albtraum aufzuwachen, in den ich ohne es zu wollen hineingeraten bin.

Mir läuft noch immer ein Schauder über den Rücken und die Steine in meinem Rucksack wiegen schwer. Die Schulterträger schneiden mir in die Haut und meine Muskeln sind schwer wie Blei. Meine Beine und Knie können die Last nicht länger tragen und ehe ich mich versehe, finde ich mich auf dem Boden wieder. Ich blicke zu Boden und warte darauf, dass der Schmerz kommt: Komm schon, komm endlich, nimm mich mit und zerstöre mich. Wie grauenvoll die Vorstellung doch ist, dass ich dich nie mehr wiedersehen soll.

Meine Handflächen sind nicht mehr zu sehen und meine Finger versinken nach und nach im Sand, der durch den Regen zu Schlamm geworden ist und in dem meine Knöchel versinken, sobald sie ihn berühren, damit ich dabei umkomme und nicht der Schlamm als Verlierer hervorgeht. Meine Knie knicken ein und berühren den Boden, meine Hände schließen sich, meine Fäuste sind geballt und das Wasser rinnt durch meine Finger. Ich öffne meine Augen wieder, doch sie blicken nur ins Dunkel, welches mein Verstand hat entstehen lassen. Diese Dunkelheit, in der es die grauenvolle Vorstellung gibt, dass ich dich nie mehr wiedersehen soll.

Jemand kommt näher, ich kann seine Schritte hören. Ich will ihn von diesem schrecklichen Ort fernhalten und das Einzige, das passiert, ist, dass ich meinen Körper noch mehr anspanne. Ich mache meine Augen zu, denn jetzt sind es die Tränen, die die Erde nass machen. Irgendwo in meinem Kopf ertönt eine Stimme, die befiehlt: Geh weg, komm nicht näher! Doch diese Stimme ist sehr weit weg, denn er hört sie nicht und er umarmt mich, umarmt mich ganz fest, so fest wie nur ein kleines Kind umarmen kann, das liebt.

Dass ich dich nie mehr wiedersehen sollte, ist einfach nur schrecklich

Das Bedürfnis, unser Kind zu beschützen, lässt mich mit dieser Vorstellung hadern, dich nie mehr wiedersehen zu sollen. Letztendlich gebe ich mich der Umarmung hin. Die Umarmung wird schwächer, ich lasse mich zu einer Seite fallen und das Kind fällt auf mich drauf. Ich lasse von dieser Vorstellung ab, dich nie mehr wiedersehen zu sollen und jetzt bin ich derjenige, der es so fest wie er kann umarmt und mit der Kraft, die mir die vergangenen Jahre, die du an meiner Seite warst, gegeben haben, während der Schmerz so groß wird, dass das Gehirn es akzeptiert und mich nach und nach betäubt.

Es ist eine Art Morphium, das ich schlucke, und ich merke es, weil es mir die Luft zum Atmen nimmt und mich ersticken lässt.

„Papa, Mama ist nicht weg. Das ist doch lächerlich, dass ich sie nicht mehr wiedersehen soll!“

Was dieser Knirps nicht schon alles weiß! Er sieht ihre Mutter vor sich, wenn er an sie denkt. Ich freue mich für ihn, denn er glaubt noch daran, denn er findet diese Vorstellung lächerlich und ich schrecklich. Er vertraut also auf die Zukunft, ohne zu erahnen, welcher Schmerz ihn noch überkommen wird. Einige Sekunden lang klammere ich mich an seine Unwissenheit und diese Lüge lässt die Luft nicht mehr so erdrückend und das Wasser nicht mehr so kalt erscheinen.

Wenn ich aufstehe, weiß ich, dass diese lächerliche, schreckliche Vorstellung uns für immer vereint – eine Verbindung, die weitaus stärker als die genetische Verbindung ist. Ich stehe auf, ich nehme das Kind in die Arme und laufe ganz langsam los. Ich laufe die ersten Schritte eines langen ungewissen Weges, der noch vor mir liegt. Ein Teil von mir wird weiterhin auf den Schmerz warten, der noch kommen wird, ein anderer Teil streichelt dieses kleine, goldige Gesichtchen, das Teil dieses kostbaren Erbes ist, das du mir hinterlassen hat.

Ich lege das Kind auf die Seite seiner Mutter ins Bett und gebe ihm ihr Kissen. Mit seinen kleinen Fingerchen greift es danach. Ich schaue es an und ich singe ihm in Gedanken ein Lied vor. Aber ich glaube, dass das Kind es hören kann, weil es mit seinen Händen eine meiner nimmt und über die nassen Stellen streichelt, die die Tränen hinterlassen haben, bevor es ganz einschläft.

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