Unwissend bleiben oder sich informieren? 3 entscheidende Faktoren

Manche Menschen informieren sich über das, was sie beschäftigt, während andere es vorziehen, dies nicht zu tun und sich an ihre eigenen Schlussfolgerungen und Vorstellungen zu halten. Warum ist das so und was unterscheidet diese beiden Ansätze?
Unwissend bleiben oder sich informieren? 3 entscheidende Faktoren

Letzte Aktualisierung: 14. Dezember 2021

Unsere heutige Frage lautet: Unwissend bleiben oder sich informieren? Es gibt verschiedene wissenschaftlich untersuchte Faktoren, die bei der Antwort eine entscheidende Rolle spielen. Wir leben in einer Zeit des Wandels und der Ungewissheit, deshalb versuchen wir, verschiedene Ressourcen zu nutzen, um Antworten zu finden. Oft finden wir jedoch Informationen, die wir nicht suchen.

In der Psychologie sprechen wir oft von einem Phänomen, das als “motivierte Unwissenheit” bezeichnet wird. Das bedeutet, dass eine Person in einer bestimmten Situation die Gründe dafür nicht wissen möchte. Das passiert zum Beispiel, wenn sich jemand unwohl fühlt und aus Angst nicht zum Arzt gehen will. Sie haben mehr Angst vor der Wahrheit als vor der Unwissenheit.

Diese Art von Verhalten ist oft im Bereich der politischen Ideologien zu beobachten. Manche Menschen wollen über bestimmte Dinge nicht informiert werden, um ihre Überzeugungen nicht infrage zu stellen. Ein Beispiel dafür sind Menschen, die glauben, dass die Erde flach ist. Sie vermeiden es, wissenschaftliche Informationen zum Thema zu lesen, um an dieser Idee festhalten zu können.

Es gibt jedoch noch weitere Faktoren, die diese psychologische Realität erklären und die es wert sind, verstanden zu werden.

Unwissend bleiben oder sich informieren?

Unwissend bleiben oder sich informieren?

Manche Faktoren weisen darauf hin, dass Unwissenheit (oder der ausdrückliche Wunsch, nicht über Dinge informiert zu werden) unsere Gesellschaft völlig polarisiert. Ferner könnte man sagen, dass es noch ein weiteres, nicht weniger auffälliges Phänomen gibt: Es gibt diejenigen, die sich zwar informieren, aber auf unzuverlässige und voreingenommene Quellen zurückgreifen, nur um Daten zu finden, die mit ihren Überzeugungen und Ideologien übereinstimmen.

Die Wahrheit ist, dass es sich um ein wirklich komplexes Phänomen handelt. Im Rahmen einer Studie führten die Universitäten von Winnipeg und Illinois 2017 ein sehr auffälliges Experiment durch. Eine große Stichprobe von Menschen wurde gebeten, eine Meinung zu lesen und zu beantworten. Entweder sollten sie zustimmen oder die gegenteilige Meinung lesen.

Das Thema war die gleichgeschlechtliche Ehe. Beim Lesen jener Meinung, die mit der eigenen übereinstimmte, sollten sie 7 Dollar erhalten. Wenn sie sich jedoch entschieden, die gegenteilige Meinung zu lesen, sollten sie 10 Dollar bekommen. Und was war das Ergebnis? 63 % der Menschen entschieden sich dafür, die Informationen zu lesen, die ihren Überzeugungen entsprachen.

Der Grund, warum sich jemand nicht über Themen informieren möchte, die nicht mit seinen Vorstellungen übereinstimmen, ist die Vermeidung kognitiver Dissonanz (zwei gegensätzliche Vorstellungen produzieren Unbehagen).

Wenn wir Informationen suchen, finden wir manchmal widersprüchliche Daten, die nicht unseren Überzeugungen entsprechen. Das kann für viele Menschen beunruhigend sein. Andere wiederum akzeptieren diesen Widerspruch unvoreingenommen, um zu lernen und richtigere Perspektiven einzunehmen.

Emotionen, Nutzen und Vertrautheit

Unwissend bleiben oder sich informieren hängt laut der Wissenschaft von drei Faktoren ab. Die Universität von London hat eine Studie durchgeführt, um diese individuellen Unterschiede bei der Informationssuche zu verstehen. Warum manche Menschen sich über bestimmte Themen informieren, während andere dies nicht tun, hat schon immer die Aufmerksamkeit von Experten auf sich gezogen.

Kurz zusammengefasst schauen die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit so aus:

  • In erster Linie suchen Menschen nach bestimmten Informationen, wobei die Gefühle dabei eine wichtige Rolle spielen. Hier kommt der emotionale und motivierende Aspekt ins Spiel: Interessiert mich das, was ich finde? Stört es mich? Werde ich mich dadurch schlechter fühlen?
  • Der zweite Aspekt ist der Nutzen. Ob wir unwissend bleiben oder uns über ein bestimmtes Thema informieren, hängt davon ab, ob die Information, die wir finden nützlich ist oder nicht. Ein Beispiel ist die Mondlandung: Wenn ich nicht daran glaube, dass die Mondlandung tatsächlich stattgefunden hat, warum soll ich mich dann darüber informieren. Es ergibt keinen Sinn, Berichte über eine Tatsache zu lesen, an die du nicht glaubst.
  • Der letzte Faktor betrifft die Frage, ob die Informationen, die man findet, mit der eigenen Perspektive übereinstimmen. Auch hier gilt es, Daten zu finden, die zu den eigenen Überzeugungen passen, um lästige kognitive Dissonanzen zu vermeiden.
Unwissend bleiben oder sich informieren?

Jeder möchte seine eigene Realität leben

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir einen nie dagewesenen Zugang zu Informationen haben. Falsche und verzerrte Daten gibt es zuhauf, aber wenn du dir die Mühe machst, kannst du zu fast jedem Thema zuverlässige Quellen finden. Warum also entscheiden sich manche Menschen heute dafür, unwissend zu bleiben?

Die Forscher George Loewenstein, Russell Golman und David Hagmann von der Carnegie Mellon University geben in einer Arbeit aus dem Jahr 2017 eine andere, nicht weniger interessante Antwort.

  • Es gibt viele Menschen, die Informationen über Dinge vermeiden, die die Stabilität ihrer selbst konstruierten Realität bedrohen könnten. Das führt zum Beispiel dazu, dass jemand isst, was er will, ohne darauf zu achten, ob diese Lebensmittel schädlich sind, ob sie zu viele Kalorien haben usw. Das führt auch dazu, dass sie nur Nachrichtenquellen auswählen, die mit ihrer politischen Ideologie übereinstimmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es viel mit unserer Persönlichkeit zu tun hat, ob wir unwissend bleiben oder über Dinge informiert sind. Es gibt unflexible Köpfe, die es nicht dulden, dass man ihnen widerspricht oder ihre selbst konstruierte Realität, in der alles so ist, wie sie es sich wünschen, verändert.

Auf der anderen Seite gibt es glücklicherweise viele, die keine Angst vor innovativen Informationen haben, die wissen, dass es die Perspektive erweitert, sich zu informieren und so viele Quellen wie möglich zu lesen, um bessere Entscheidungen treffen zu können. Das ist der Schlüssel.



  • Frimer, Jeremy & Skitka, Linda & Motyl, Matt. (2017). Liberals and conservatives are similarly motivated to avoid exposure to one another’s opinions. Journal of Experimental Social Psychology. 72. 10.1016/j.jesp.2017.04.003.
  • Kelly, C.A., Sharot, T. Individual differences in information-seeking. Nat Commun 12, 7062 (2021). https://doi.org/10.1038/s41467-021-27046-5