Ständige Klagen und Beschwerden in der Kindheit führen zu Angststörungen im Erwachsenenalter

21. Juli 2017 en Psychologie 243 Geteilt

Ein Mädchen schaut aus dem Fenster eines Autos heraus und beobachtet, was in ihrer Umgebung passiert. Sie sitzt auf der Rückbank, ist entspannt und steckt voller Entdeckungsgeist. Sie ist folgsam und strebt nur mehr nach Eindrücken, um ihre Welt mit Farben zu füllen, während sich ihre Eltern unterhalten.

Sie sind besorgt über all die Rechnungen, schwelgen in Erinnerungen an alte Zeiten, als alles einfacher war, und beschweren sich darüber, wie hart das Leben sei. Es ist nicht das erste Mal, dass das Mädchen dies mit anhören muss. Etwas später auf der Fahrt fangen sich die Gedanken des Mädchens an zu trüben. Als sie vor der Schule aus dem Auto steigt, ruft ihr die Mutter hinterher, dass sie auf sich aufpassen solle. Sie lässt jedoch im Unklaren, wovor genau sie sich in acht nehmen sollte.

Die Lasten, die das Mädchen mit sich herumtragen muss, werden jeden Tag schwerer. Weder das finanziell unbeschwerte Leben ihrer Familie, noch der gute Umgang mit ihren Freunden, noch die Unbekümmertheit ihrer Kindheit ohne Traumata, können verhindern, dass es ihr immer schlechter geht. Eine Katastrophe steht unmittelbar bevor.

Ihre Familie besteht darauf, dass sie auf sich aufpassen solle, dass die Welt voll von Bösem sei, und dass sie sich nur um sie sorgten, weil sie sie liebten und nicht wollten, dass ihr etwas passiere. Sie konkretisieren nicht, welche Bedrohungen existieren, und erklären ihr nicht, was sie tun kann, um sich zu schützen. Sie lassen sie im Unklaren, geben ihr keine genaueren Anweisungen.

Ihre Neugier leidet unter ihrer Fantasie. Alles macht ihr plötzlich Angst. Die Angst breitet sich schließlich auf alles, was sie fühlt und erlebt, aus. Früher kannte sie diese Vorsicht und Ängstlichkeit nicht, aber die ständigen Klagen und Beschwerden ihrer Eltern haben das geändert. Sie ist dabei, eine Angststörung zu entwickeln, aber wird erst viele falsche Diagnosen hören, bevor diese schließlich festgestellt wird.

Ein Gefühl der Angst, das nie verschwindet; grundlose Besorgnis, die alles bestimmt

Eine Angststörung ist nicht einfach eine stressige Phase, ein vorübergehendes Gefühl der Besorgnis bezüglich etwas Konkretem oder ein Zustand der emotionalen Verstimmtheit, der etwas länger andauert als üblich. Solch eine Störung ist das Ergebnis langjähriger Erfahrungen, die das kognitive, emotionale und physische System eines Menschen nachhaltig verändert haben. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass sie bezüglich der Reaktion auf beängstigende Situationen einem fast schon instinktiven Muster folgen.

Wie viele andere psychische Störungen hat diese Art von Störung keine organische Ursache, ist aber dennoch im Hirn und vielleicht in den Genen verwurzelt. Man hat herausgefunden, dass Angststörungen häufiger bei Kindern von älteren Müttern auftreten, auch wenn man noch nicht genau weiß, wie dieses Ergebnis zu deuten ist. Es wurden Zusammenhänge erkannt, aus denen man noch nicht auf eine Kausalität schließen kann. Dies wäre jedoch eine interessante Frage für zukünftige Forschungsprojekte.

Angststörungen bei Erwachsenen zeichnen sich durch eine ständige Besorgnis bezüglich bevorstehender Ereignisse aus. Besorgnis ist eine Art der Realitätsverweigerung, eine Form, Angst und Ungewissheit zu verdrängen.

Ein Erwachsener, der unter einer Angststörung leidet, hat womöglich als Kind die ständige Sorge als eine Art kennengelernt, mit dem Leben umzugehen, nicht nur als ein situationsbedingtes Gefühl, das sich in Bezug auf eine konkrete Situation einstellt. Jegliche kämpferische und kreative Einstellung wurde in diesen Fällen durch die ständigen Klagen, Beschwerden und Warnungen vor abstrakten Gefahren zerstört.

Angst und Vermeidung – oder wie wir Klagen begründen

Die kritischsten Momente, wenn es um Angst geht, ereignen sich während unserer ersten Lebensjahre. Angststörungen haben daher häufig ihre Wurzeln in der Kindheit. Das Mädchen, das voller Neugier aus dem Fenster schaute, hat es nie geschafft, aus dem Auto auszusteigen und ihre Träume zu verwirklichen.

Ratschläge, die auf sie nicht zutrafen, Warnungen vor nicht vorhandenen Gefahren und ständige Kommentare zu ihrem riskanten und unangemessenen Verhalten haben sie gelähmt und ihren Entdeckergeist zerstört. Aufgrund der ständigen Beurteilung und Infragestellung ihrer Taten und Entscheidungen, weist sie heute ein geringes Selbstbewusstsein auf und bevorzugt es Dinge zu vermeiden, Angefangenes nicht zu Ende zu bringen und ihre fehlende Entschlossenheit auf andere Weise zu rechtfertigen, zum Beispiel indem sie die Schwierigkeit einer Aufgabe überbewertet.

Das neugierige Kind ist vor einer Brücke stehen geblieben. Das unabhängige Erwachsensein, das am anderen Ufer wartet, überfordert sie. Es macht ihr Angst. Alle anderen scheinen die Brücke mit Leichtigkeit zu überqueren und in das Erwachsensein zu starten, als läge ihnen die Welt zu Füßen. Das Mädchen steht jedoch wie gelähmt vor ihr, weil sie immer nur Klagen und Beschwerden gehört hat.

Machen und denken: der Weg aus der Angststörung

Jemandem zu sagen, dass er an einer Angststörung leidet und dass er sie doch überwinden sollte, ist natürlich nicht sehr konstruktiv. Eine Angststörung ist kein Strich mit dem Bleistift, den man einfach ausradieren kann. Ein Mensch, der unter einer Angststörung leidet, braucht Zeit, um sein anormales, hyperempfindliches Warnsystem neu einzustellen.

Solche Menschen denken außerdem häufig zu sehr über Erfahrungen in ihrer Vergangenheit nach, in denen etwas schiefgelaufen ist, und oft geben sie sich selbst die Schuld daran. Es scheint, als könnten sie das Leben nicht einfach genießen und erwarteten hinter jeder Ecke etwas Schlimmes.

Ratsam ist es für so jemanden, sich zunächst mit seiner Störung abzufinden, und trotzdem sein Leben zu leben. Das scheint nicht so einfach, aber der einzige Weg gegen Angststörungen anzukämpfen ist, das Gegenteil von Vermeidung, nämlich die Überwindung von Hindernissen und Verfolgung eines zuvor gemachten Plans. Dies ist die effektivste Art, die Brücke zur Unabhängigkeit zu überqueren.

Oft werden Angststörungen mit anderen Störungen wie der Depression, Phobien oder obszessiven Verhaltensweisen verwechselt, und es kann deshalb lange dauern, bis eine richtige Diagnose gestellt wird. Sie zu behandeln und den Patienten zu stabilisieren ist schwierig. Es gibt allerdings Strategien und Medikamente, die dabei helfen können. Ein interdisziplinärer, integrierter Ansatz, der individuell auf die betroffene Person angepasst ist, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Bleibt diese Störung unbehandelt, wird die Angst immer große, lähmende Schatten auf unser Leben werfen, wie die, die das Mädchen an jenem Morgen aus dem Autofenster sah.

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