Sollten wir Sucht eher als Bindung bezeichnen?

21. November 2019
Sucht führt zu einer Bindung, die letztendlich ein Weg ist, eine Beziehung zur Welt, einem Objekt, einem Verhalten oder einer Substanz aufzubauen. Daher glauben wir, dass unser Wissen über Sucht "falsch" ist und wir sie besser als Bindung bezeichnen sollten.

Vor hundert Jahren wurden Drogen zum ersten Mal verboten. Im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert des „Kampfes gegen Drogen“ haben unzählige Professoren und Politiker den Menschen viele Geschichten über Sucht erzählt. Dadurch haben sich diese Überzeugungen so fest in unserem Gehirn verankert, dass wir glauben, sie würden der Wahrheit entsprechen. Aber sollten wir Sucht nicht eher als Bindung bezeichnen?

Die American Chemical Society hat die Spielregeln geändert. Diese wissenschaftliche Fachgesellschaft stellte fest, dass die Sucht nach Drogen, Alkohol oder anderen schädlichen Substanzen nicht auf die „persönliche Schwäche“ eines Menschen zurückzuführen ist. Sie ist vielmehr das natürliche Resultat der Chemie unseres Gehirns und ähnelt einer Bindung.

Zahlreiche Experimente haben bewiesen, dass eine Sucht durch unser Verlangen nach Dopamin entsteht. Dieser Neurotransmitter ist maßgeblich am „Ausmaß des Glücks“ einer Person beteiligt (Newcombe, 2016).

Die Drogen durchlaufen dabei einen Teil des Gehirns, der als ventraler tegmentaler Bereich bezeichnet wird. Dieses Hirnareal ist besser bekannt als „Belohnungszentrum“. Hier verarbeitet dein Gehirn alles, was du tust, um dich gut zu fühlen. In diesem Bereich wird außerdem Dopamin produziert, jene chemische Substanz, die dir Freude und Wohlbefinden bereitet, so beschreibt es die Washington Post.

Wenn jemand beispielsweise kokainsüchtig wird, dann entsteht diese Sucht nach Kokain, weil er nichts anderes gefunden hat, wovon er „abhängig“ werden könnte. Anders gesagt ist das Gegenteil von Sucht nicht Abstinenz oder Nüchternheit. Das Gegenteil von Sucht ist eine menschliche Verbindung.

Sucht ist vielleicht eine Erkrankung der Seele.

-Osamu Dazai-

Sucht - Dopamin

Entscheidend bei der Sucht ist, dass wir verstehen, warum wir so handeln, wie wir es tun

Drogen oder andere chemische Substanzen an sich sind nicht der Auslöser dafür, dass du dich gut fühlst; dieses Gefühl wird vielmehr durch die Signale verursacht, welche durch sie in dein Gehirn und deinen Körper gesendet werden. Durch einige Substanzen kann sich dein Dopaminlevel verzehnfachen.

Auf diese Überdosis an Dopamin reagiert dein Gehirn, indem es die Anzahl der Dopamin-Rezeptoren verringert. Das führt dann dazu, dass ein Abhängiger im Laufe der Zeit eine immer größere Drogenmenge benötigt, um sich gut zu fühlen.

Der britische Autor Johann Hari hat Informationen über Menschen gesammelt, die „in einem glücklichen Umfeld leben“. Diese Menschen erhalten die richtige Menge Dopamin in ihrem täglichen Leben. Daher sind sie nach Hari auch weniger suchtgefährdet (Swanson, 2015).

“Jede Sucht beginnt mit Schmerz und endet mit Schmerz.“

-Eckhart Tolle-

Das Gegenteil von Sucht ist nicht Nüchternheit und Abstinenz, sondern menschliche Bindung

Hari zitierte außerdem Bruce Alexander, einen Psychologie-Professor aus Vancouver, Kanada. Es sagte: „Sucht ist eine Anpassung an dein Umfeld und wie ein Käfig“ (Alexander, 2010).

Außerdem entdeckte er während seiner Experimente etwas sehr Merkwürdiges. In seinen Experimenten waren die Ratten, die bis zu ihrem Tod kokainhaltiges Wasser tranken, immer alleine in ihrem Käfig. Sie waren mit nichts anderem als dem Konsum der Drogen beschäftigt. Daher stellte er sich dich Frage, was passieren würde, wenn er ihre Umgebung veränderte.

Das Ratten-Park-Experiment

Dadurch entstand Alexanders Idee, einen Ratten-Park zu bauen. Dieser Park war ein sehr großzügig gestalteter Käfig, der die Ratten mit allem versorgte, was sie benötigten. Er enthielt bunte Bälle, hochwertige Nahrung und Tunnel, in denen sie herumlaufen konnten. Außerdem waren viele andere Ratten in dem Park, mit denen sie spielen und interagieren konnten. Der Park bot den Ratten alles, was sie sich nur wünschen konnten.

Darüber hinaus befestigte er zwei Wasserbehälter in dem Käfig, aus denen die Ratten trinken konnten. Einer war mit kokainhaltigem Wasser gefüllt, der andere mit normalem Wasser. Alle Ratten tranken zunächst aus beiden Flaschen.

Daraufhin bemerkte er, dass all die Ratten, die ein gutes Leben im Park verbrachten, das drogenhaltige Wasser nicht mochten. Grundsätzlich vermieden sie es, dieses zu trinken und konsumierten ein Viertel weniger davon als die Ratten, die isoliert lebten. Keine dieser Ratten starb. Die einsamen, unglücklichen Ratten hingegen wurden süchtig.

Die glücklichen Ratten entwickelten keine Drogensucht, weil sie gesunde Bindungen zu ihren Artgenossen aufbauen konnten. Anders verhielt sich dies bei den unglücklichen Ratten. Sie mussten eine Bindung zu den Drogen aufbauen, um dadurch positive Reize zu erfahren.

Durchführung des Experiments mit Menschen

Zuerst glaubte Alexander, dass seine Beobachtungen nur für Ratten gelten würden. Dann allerdings fand er heraus, dass ein ähnliches Experiment auch mit Menschen durchgeführt wurde: im Vietnamkrieg.

Das Time Magazine berichtete, dass der Konsum von Heroin bei den US-amerikanischen Soldaten damals „so üblich war wie das Kaugummikauen“. Aus den Archives of General Psychiatry (Archive der allgemeinen Psychiatrie) geht hervor, dass ungefähr 20% der US-amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg eine Heroinsucht entwickelten.

Sucht - weinender Mann

Aus der gleichen Studie geht hervor, dass es nahezu 95% der suchtkranken Soldaten gelungen ist, sich von dieser Sucht wieder zu befreien. Einige von ihnen mussten Entziehungskuren durchlaufen. Sie kamen von einem grauenvollen Kriegsschauplatz (Vietnam) zurück an einen angenehmen Ort (ihr Zuhause). Daher wollten sie auch keine Drogen mehr konsumieren.

Alexander vertrat die Auffassung, dass seine Erkenntnisse eine große Errungenschaft waren. Er sagte, dass sie der konservativen Idee widersprächen, dass Sucht eine selbstsüchtige Handlung sei. Außerdem widersprächen sie ebenso der liberalen Ansicht, die besagte, dass Sucht nur eine chemische Reaktion im Gehirn sei.

Er sagte, dass Sucht vielmehr eine Anpassung ist. Möglicherweise besteht das Problem nicht in der Sucht selber, sondern darin, dass wichtige Bindungen fehlen. Dieses Defizit führt dann dazu, dass an ihrer Stelle an etwas anderem festgehalten wird.

  • Alexander, B. (2010). The globalization of addiction: A study in poverty of the spirit. Oxford University Press.
  • Newcombe, R. (2016). Chasing the Scream: The First and Last Days of the War on Drugs. Drugs and Alcohol Today16(3), 229.