Sexuelle Anorexie: Merkmale, Ursachen und Behandlung

· 25. Juli 2018

Sexuelle Anorexie wird auch als Anaphrodisie oder gehemmtes sexuelles Verlangen bezeichnet. Es ist eine Störung, die sich durch geringes sexuelles Interesse auszeichnet. Mit anderen Worten, Menschen mit dieser Störung haben kaum sexuellen Appetit. Generell haben sie sehr wenig Lust, Sex zu haben.

Männer und Frauen leiden etwa gleich häufig an sexueller Anorexie. Meistens liegen die Ursachen in psychischen oder physischen Traumata und einem geringem Selbstwertgefühl.

Merkmale der sexuellen Anorexie

Menschen mit sexueller Anorexie verspüren wenig sexuelle Lust und Erregung. Hier sind sechs diagnostische Kriterien für diese Störung:

  • Wenig bis kein Interesse an sexueller Aktivität
  • Ein Mangel an sexuellen oder erotischen Gedanken
  • Selten oder nie Sex initiieren und generell nicht interessiert sein, wenn der Partner versucht, Sex zu haben
  • Wenig bis kein sexuelles Vergnügen und Erregung während der sexuellen Aktivität. Dies passiert fast jedes Mal, wenn das Paar Sex hat.
  • Sehr wenige Empfindungen nach Berührung der Genitalien während der sexuellen Aktivität. Dies passiert fast jedes Mal, wenn ein Paar Sex hat.
  • Wenig bis keine sexuelle Lust und Erregung, wenn es um interne oder externe Einladungen zum Sex geht (schriftlich, mündlich, visuell etc.)

Diese Symptome müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen, wenn eine Diagnose auf sexuelle Anorexie gestellt werden soll. Außerdem müssen sie der Person Unbehagen verursachen. Auch sollte bei Verdacht auf sexuelle Anorexie geklärt werden, ob die Störung nicht auf eine andere organische Störung oder psychische Erkrankung zurückzuführen ist. Die allgemeine Unlust sollte auch nicht das Ergebnis einer ernsten Veränderung in der Beziehung sein, oder aufgrund von Drogenkonsum bzw. als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten.

Frau sitzt frustriert am Ende des Betts, ihr Partner schmollt im Hintergrund.

Ursachen für sexuelle Anorexie

Experten sind sich einig, dass Menschen, die körperliche oder psychische Misshandlung erfahren haben, ein höheres Risiko haben, an sexueller Anorexie zu erkranken. Aber diese zwei Faktoren sind nicht die einzigen, die zur Erkrankung führen können. Eine Abnahme bzw. ein Fehlen von sexuellem Verlangen kann sich auch aufgrund anderer Umstände entwickeln.

Stress, Langeweile, Streit und Zusammenleben können ebenso zu sexueller Anorexie führen. Auch können erektile Dysfunktion, Impotenz und die Unfähigkeit, einen Orgasmus zu erreichen, dazu führen, dass jemand an dieser Störung erkrankt.

Die Entwicklung einer sexuellen Anorexie kann weiterhin durch bestimmte religiöse, kulturelle und politische Umgebungen gefördert werden. Diese sozialen Umfelder sind manchmal so strukturiert, dass freier sexueller Ausdruck nicht möglich ist, weshalb sie repressiv wirken. Zusätzlich kann auch die Sexualerziehung, die eine Person als Kind oder Teenager erhält, zu einer zukünftigen sexuellen Anorexie führen.

Es gibt noch eine andere Ursache: die Medien. Das Problem ist, dass Medien unser Leben mit expliziten Bildern, Botschaften und Reizen überschwemmen. Das führt dazu, dass jeder Aspekt unseres Lebens sexualisiert wird. Das kann Menschen davon abhalten, sich ein angemessenes Bild von Sexualität zu machen, und fördert unrealistische Erwartungen an Sex und Beziehungen. Unrealistische Standards und Erwartungen über das „richtige“ Niveau von sexuellem Interesse und Erregung sind eine große Herausforderung für Menschen mit dieser Krankheit. Wenig sexuelle Erfahrung oder Informationen über Sexualität zu haben, kann die Angst vor dem „Versagen“ weiter erhöhen.

Wenn das Fehlen von sexuellen Verlangen zu einem Problem wird

Kein sexuelles Verlangen zu haben, geht normalerweise mit weiteren Problemen einher, wie der Unfähigkeit, einen Orgasmus zu bekommen oder Schmerzen beim Sex zu haben. Auch Beziehungsprobleme und affektive Störungen können mit sexueller Anorexie einhergehen. Das alles bedeutet normalerweise, dass Sex in einer Beziehung sehr selten praktiziert wird. Eine belastende Angelegenheit wird daraus, wenn einer der Partner in der Beziehung ein größeres sexuelles Verlangen hat als der andere.

Ein Paar liegt abgewandt zueinander.

Wie aber wird sexuelle Anorexie behandelt?

Es gibt Gruppen von Faktoren, die zu berücksichtigen sind, wenn es um die Behandlung von vermindertem sexuellem Verlangen geht. Diese sind:

  • Paar-basierte Faktoren, zum Beispiel sexuelle Probleme oder die Gesundheit eines Partners
  • Beziehungsbasierte Faktoren, wie Probleme bei der Kommunikation oder wenn eine Person mehr oder weniger sexuelle Lust hat
  • Individuelle, auf Schwachstellen basierende Faktoren. Das können ein negatives Körperbild, eine Vorgeschichte von sexuellem oder emotionalem Missbrauch, Depression, Angst, Stress, Jobverlust, Schmerz u. a. sein.
  • Kulturelle und religiöse Faktoren, wie keinen Sex zu haben, weil das „etwas Schlechtes“ ist
  • Medizinische Faktoren. Diese sind besonders wichtig, wenn es um die Prognose geht.

Zunächst müssen Betroffene richtig diagnostiziert werden. Am Ende ist es am besten, dazu einen spezialisierten Psychologen zu konsultieren. Nur dieser kann helfen, die sexuelle Anorexie zu überwinden.

Betroffene sollten möglicherweise notwendige Änderungen mit ihrem Partner besprechen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt auch darin, die sexuelle Lust gemeinsam neu zu erwecken. Deshalb ist es für ein Paar so wichtig, eine entspannte, vertraute Umgebung zu schaffen, in der es weder Druck noch Verurteilung gibt.

Ein anderer Aspekt, den die Partner nicht aus den Augen verlieren sollten, ist, dass sexuelle Aktivität nicht nur Penetration ist. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, Sex zu haben. Genießt, was euch gefällt.