Sally Horner: Die traurige Geschichte der wahren „Lolita“ von Vladimir Nabokov

13. Dezember 2018

Sally Horner war erst 12 Jahre alt, als sie von Frank LaSalle, einem bekannten Kinderschänder, entführt wurde, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden war. Er hielt sie 21 Monate lang gefangen, bis es ihr gelang, zu fliehen und ihre Familie anzurufen. Diese finstere und tragische Geschichte inspirierte den Schriftsteller Vladimir Nabokov zu einem der bekanntesten Werke der Literatur: Lolita (1955).

Von diesem Werk sagt man, dass es nur wenige andere Bücher gebe, die so widersprüchlich seien wie dieser Skandalroman. Die literarische Qualität dieses Buches ist unbestreitbar, ebenso wie die Beschreibung der Atmosphäre, die zwischen einem Mann mittleren Alters und einem Mädchen auf ihrer unglaublichen Reise quer durch die USA entsteht. Es ist eine Geschichte, während der wir Zeuge der dekadenten, leichtsinnigen, zweifelhaften und wertlosen US-amerikanischen Gesellschaft werden.

Der Protagonist des Romans, Humbert Humbert – Wortspiel in Bezug auf den französischen Begriff „ombre“, der „Schatten“ bedeutet -, wird uns als eine Persönlichkeit präsentiert, mit der es schwierig ist, sich zu identifizieren. Die Rede ist von jemandem, der wegen des Missbrauchs eines Mädchens bereits aus Europa geflohen ist und der Lolita in dieselbe schattige Welt bringen wird, wo er seine kranke Faszination für das, was er als „Kindfrau“ definiert, befriedigen will.

Nabokovs Buch versteckt sich nicht. Ohne große Umschweife schreibt der Autor über diese Realität. Mit Humbert versuchte er, der Welt das klassische Profil eines Perversen aufzuzeigen, der, wenn der für ihn richtige Zeitpunkt kommt, auch töten würde. Die Grausamkeit der Geschichte ist unumstritten und sie ist schrecklich. Kontroversen sind in jedem Detail und auf jeder Seite zu finden. Und doch zieht uns diese Erzählung, diese Atmosphäre und jene Geschichte sofort in ihren Bann.

Es ist eine Geschichte, die von einem Kinderschänder erzählt, der ein 12-jähriges Mädchen entführt. Sie beschreibt eine Tatsache, von der sich leider bestimmte Charaktere haben inspirieren lassen.

„Ein sentimentaler Mensch kann in seiner Freizeit ein wahres Biest sein. Ein sensibler Mensch hingegen wird niemals grausam sein.“

Vladimir Navokov

Schwarz-Weiß-Foto von Sally Horner und Frank LaSalle

Sally Horner – die Geschichte der wahren Lolita

Frank LaSalle war ein 52-jähriger Mechaniker, der der Polizei wegen des Missbrauchs von minderjährigen Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren bereits bekannt war. Er war gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, als er beschloss, sich in New Jersey niederzulassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Für Menschen mit solch einem Persönlichkeitsprofil ist es jedoch nicht einfach, jene ausbeuterische Seite zu unterdrücken, die ausschließlich auf ihre Instinkte hört. So kehrte auch LaSalle Anfang März 1948 in sein „Jagdrevier“ zurück, nachdem er von einem Mädchen, Sally Horner, besessen war.

Als Tochter einer verwitweten Mutter verließ sie häufig zusammen mit ihren Freunden die Schule. So wie jedes andere Kind, das nichts in der Welt fürchtet, das vertraut und voller Leben ist. Sie bemerkte jedoch zu keinem Zeitpunkt, dass ihr täglich jemand nachstellte. LaSalle folgte ihr solange, bis sich eines Tages die Gelegenheit ergab, seinem Verlangen nachzugeben und wieder kriminell zu werden. Sally hatte gerade ein Notizbuch im Wert von 5 Cent aus einem Laden gestohlen. Das war eine Mutprobe, die ihr ihre Schulfreunde vorgeschlagen hatten, damit sie ihrer Gruppe beitreten durfte. Das war kindlicher Unfug, den sie niemals vergessen sollte.

LaSalle holte sie ein, nachdem sie den Laden verlassen hatte, und sagte ihr, er sei vom FBI. Wenn sie wollte, dass ihre Mutter nichts von dem erfahre, was sie gerade getan hatte, sollte sie mit ihm gehen. Sally war verängstigt und traurig und stimmte zu. Beide stiegen in einen Van – und so begann die grausame Geschichte. Sie reisten fast zwei Jahre lang durch das Land: Atlantic City, Baltimore, Dallas, San José in Kalifornien … Eine Reise, die sie von Hotel zu Hotel, von Straßenmotels zu Campingplätzen führte. Stets gab LaSalle vor, dass sie Vater und Tochter seien.

Sallys Rettung gefolgt von einer Tragödie

Niemand vermutete etwas. Niemand bemerkte, dass dieser „Vater“ besessen von seiner Tochter war und sie nie allein ließ. Niemand, bis ein Hotelgast, der sich über das ängstliche und traurige Mädchen wunderte, es eines Tages schaffte, sie für einen Moment von LaSalle zu trennen und sie zu fragen, ob es ihr gut ginge. Sally brach weinend zusammen und bat den Hotelgast um Hilfe: Sie wollte zu Hause anrufen.

Kurz darauf traf die Polizei ein und das kleine Mädchen wurde zurück nach Hause zu ihrer Mutter gebracht. Erst jetzt konnte das Mädchen von diesem Drama, dem sexuellen Missbrauch, der Demütigung und der furchtbaren Angst berichten. Frank LaSalle wurde von einem Richter, der ihn als „unmoralischen Aussätzigen“  bezeichnete, zu 35 Jahren Haft verurteilt.

Doch zwei Jahre später geschah etwas Grauenvolles. Sally Horner wurde bei einem Autounfall getötet, als der Wagen, in dem sie saß, gegen ein landwirtschaftliches Fahrzeug stieß. Frank LaSalle starb 16 Jahre später im Gefängnis, an jenem Ort, von dem aus er jede Woche einen Blumenstrauß zum Grab des Mädchens schickte.

Sally mit ihrer Mutter

Nabokov und die Reise eines Kinderschänders

All diese Daten und Details sind im Buch The Real Lolita: The Kidnapping of Sally Horner  (zu Deutsch: Die wahre Lolita: Die Entführung von Sally Horner,  nicht auf Deutsch verfügbar) von der Journalistin Sarah Weinman zusammengetragen worden. Es ist eine detaillierte und lange Erzählung, in der es zweifellos starke Parallelen zwischen Sally und Vladimir Nabokovs Lolita  zu finden gibt. Am auffälligsten ist die Reise eines Kinderschänders und eines Mädchens, eines jugendlichen Mädchens, die Tochter einer Witwe ist.

Das Buch wurde mit einer eindeutigen Intention veröffentlicht: um einen Beitrag zur Gerechtigkeit zu leisten. Gerechtigkeit für Sally Horner und für all die Kinder, die von Pädophilen entführt wurden. Die ihren sind herzzerreißende Geschichten, die die Nachrichten allerdings nur kurze Zeit beschäftigen. Die Autorin spricht auch über andere Werke von Nabokov, in dem erwachsene Männer, die sich für Mädchen interessieren, auftreten, z. B. über Gelächter im Dunkeln.

An dieser Stelle wollen wir erwähnen, dass Nabokov nach der Fertigstellung von Lolita  keinen Verleger in den Vereinigten Staaten gefunden hat. Es handelte sich um ein skandalträchtiges Buch. Ein französischer Verlag, der sich auf pornografische Inhalte spezialisiert hatte, gab es letztendlich heraus. Auch bei den Dreharbeiten zu Stanley Kubriks Film Lolita  traten Probleme auf. Gary Grant weigerte sich zum Beispiel, an einem solchen Projekt teilzunehmen, als ihm die Rolle des Humbert Humbert angeboten wurde. Und sogar James Mason, der die Rolle letztendlich annahm, bedauerte diese Entscheidung noch viele Jahre später.

Buchcover von Lolita

Sogar heute noch vermeiden es die Neuauflagen von Lolita,  einen schamlosen Teenager zu zeigen, der in gewisser Weise schuldig an seinem eigenen Schicksal scheint. Mittlerweile lesen wir Geschichten, in der diese Femme fatale, diese provokante junge Frau mit herzförmiger Sonnenbrille, gar nicht mehr erscheint. Anstatt dessen erfahren wir von einem jungen Mädchen, das manipuliert und das Opfer eines Pädophilen wurde, wie es bei der kleinen Sally Horner der Fall war.