Roxane Gay: In Krisenzeiten aufs Essen zurückgreifen

· 8. März 2019

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass es bestimmte Situationen gebe, die uns völlig verändern. Wenn zum Beispiel jemand unseren Körper benutzt und ausnutzt, können wir einen Teil unserer Identität verlieren. Das ist genau das, was Roxane Gay erlebt hat. Sie fing an, sich selbst und ihren Körper nach einer Vergewaltigung so sehr zu hassen, dass das Essen ihr einziger Trost wurde.

Roxanes Leben hat sich drastisch verändert, als sie erst 12 Jahre alt war. In diesem Alter wurde sie von einer Gruppe von Männern vergewaltigt. Ihr damaliger Partner brachte sie in einen Wald, wo er sie zusammen mit seinen Freunden vergewaltigte. Sie fühlte sich verängstigt und schuldig, weil sie einer Person vertraut hatte, von der sie dachte, sie würde sie lieben. Sie fühlte sich schrecklich naiv und fing an, sich selbst zu hassen und sich von ihrem eigenen Körper angewidert zu fühlen.

„Ich bin eine schlechte Feministin und ein guter Mensch. Ich versuche, besser darin zu werden, wie ich denke, rede und handle – ohne aufzugeben, was mich menschlich macht.“

Roxane Gay

Nach einer Vergewaltigung aufs Essen zurückgreifen

Sie hatte so viel Angst, wieder Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, dass sie sich dem Essen zuwandte, um ihre Seele zu heilen. Sie entschied sich, zu essen, um sich selbst zu betäuben, weil sie nicht mehr leben wollte. Das Essen wurde zu ihrer Flucht; das Einzige, was ihr ein gutes Gefühl gab.

Roxane wusste, dass Frauen vergewaltigt wurden, nur weil sie Frauen waren. Sie verstand, dass es praktisch nichts gab, was eine Frau tun konnte, um nicht die Beute eines Tieres zu werden, das glaubt, dass es der Besitzer ihres Körpers sei. Es gab nichts, was sie tun konnte, außer eines: einen so abstoßenden Körper zu schaffen, dass kein Mann sie jemals wieder berühren oder mit ihr zusammen sein wollte.

Herabschauendes Mädchen

In ihrer Kindheit hatte sie gelernt, dass Frauen zierlich und schlank aussehen müssen. Dass sie dünn und hübsch sein müssen, damit andere, insbesondere Männer, ihnen Aufmerksamkeit schenken. Vergessen wir nicht, dass die Medien oft den Glauben nähren, dass wir für die Gesellschaft wichtiger wären, wenn wir diesem Ideal entsprächen.

Roxanne erreichte ein Gewicht von über 200 Kilogramm. Dies veranlasste sie dazu, sich einer Magenbypassoperation zu unterziehen, um ihr Leben zu retten. Ihr Körper wurde zum Gefängnis, in dem sie ihren ganzen Selbsthass verwahrte. Dass sie nach der Vergewaltigung Stillschweigen bewahrte, ließ sie in diese selbstzerstörerische Spirale rutschen, der sie nicht entkommen konnte. Das Einzige, was sie wollte, war Essen.

„Wenn wir niemanden finden, dem wir folgen können, müssen wir einen Weg finden, mit gutem Beispiel voranzugehen.“

Roxane Gay

Roxane Gay glaubt, dass wir uns selbst lieben sollten – unabhängig davon, was die Gesellschaft denkt

Heute ist Roxane Gay eine bedeutende Schriftstellerin, Kolumnistin, Universitätsprofessorin und Feministin. Sie hat gelernt, ihren Körper so zu lieben, wie er ist. Sie weiß jetzt, dass sie sich selbst und ihren Körper lieben muss, egal was die Gesellschaft oder die Medien über sie sagen.

In ihrem Buch Hunger: Die Geschichte meines Körpers  bricht sie ihr Schweigen und ermutigt andere Frauen, dasselbe zu tun. Roxane zeigt, wie sie sich selbst verzeihen konnte, was nicht einmal ihre Schuld war. Sie ersetzte ihren Selbsthass durch Selbstliebe. Essen dominiert nicht mehr ihr Leben. Sie hat jetzt die volle Kontrolle über ihre Handlungen, Überzeugungen und Gedanken.

Roxane Gay

Roxane betrachtet sich nicht mehr als Opfer, sondern als Überlebende. Sie teilt ihre Wahrheit, ihre Erfahrungen und ihre Beziehung zu ihrem Körper sehr offen mit. Sie bittet auch nicht um Mitleid.

Roxane möchte, dass auch andere Vergewaltigte ihr Schweigen brechen und sich zu Wort melden. Außerdem ermuntert sie sie dazu, ihren Körper so zu lieben, wie er ist. Dabei lehrt sie uns Folgendes: Wir machen zwar schlechte Erfahrungen im Leben, aber wir sind diejenigen, die entscheiden, wie wir auf diese reagieren. Wir sind weder schuld noch verantwortlich für Vergewaltigungen. Selbsthass ist und wird nie die Antwort sein, aber es gibt Wege, die zurück in ein normales Leben führen.

„Heute bin ich in der Lage, zuzugeben, dass es mir gefällt, trotz aller Befürchtungen und Vorwürfe, dass es mir nicht gefallen dürfte.“

Roxane Gay