Rache macht die ganze Welt blind

· 28. Februar 2018

Wie Gandhi sagte: „Auge um Auge macht die ganze Welt blind.“  Nach seiner Maxime der Gewaltfreiheit sprach er diese Worte in der Hoffnung, dass es genug Ohren gäbe, die bereit wären, seine Botschaft zu hören, und genug Köpfe, die sie verstehen könnten. Seine Warnung vor Rache ist leicht zu verstehen, aber schwer anzuwenden.

Menschen dürsten nach Rache, wenn sie tief verletzt sind. Wenn jemand, den sie lieben und schätzen, sie verletzt, kann das eine Wunde in ihrer Seele entstehen lassen, die mit starker Hitze brennt und darum bettelt, durch eine Wunde im Herzen des Aggressors geheilt zu werden. Aber Rache macht blind. Wenn du eine solche Wunde erfahren hast, verspürst du vielleicht das Bedürfnis, der Person, die dich zuerst verletzt hat, ähnlichen oder noch größeren Schaden zuzufügen, allerdings wird das deinen Schmerz nicht lindern.

Sofortige Befriedigung, dauerhafte Folgen

Rache ist ein zum Scheitern verurteilter Versuch, die Waage auszubalancieren. Denn egal, wie viele Anpassungen du vornimmst, sie bleibt immer unausgewogen: Die verletzte Person wird sich minderwertig fühlen, als sei sie weniger wert als die Person, die sie verletzt hat. Also wird sie versuchen, die andere Person zu verletzen, um das ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen oder sich selbst gar überlegen zu fühlen. Anfänglich weckt Rache vielleicht auch den Eindruck, dass es funktionieren könnte …

Frau mit aus dem Haar fliegenden Vögeln

Denn die erste Emotion, die entsteht, wenn man sich an jemandem rächt, ist die Befriedigung. Das Gefühl, dass nun wieder alles ausgeglichen sei. Dieses Gefühl verschwindet jedoch schnell und macht Schuld und Gewissensbissen Platz. Es kann sich in eine innere Leere verwandeln, wie wir sie fühlen, wenn wir ein großes Projekt zum Abschluss bringen, in das wir viel Zeit und Ressourcen gesteckt haben. Doch während das Projekt Erfolg haben kann, sind wir nicht in der Lage, so viel in die Rache zu investieren, dass sie uns zurück zu unserem Glück führt.

Selbst wenn du nach verübter Rache keine Gewissensbisse hast, werden die Waagschalen dennoch nicht dauerhaft auf einer Höhe liegen. Die Folgen der Rache können weit in die Zukunft reichen, wo der Wunsch, Schaden zu verursachen, verschwindet und Traurigkeit an seine Stelle tritt.

Es ist unmöglich, die Zukunft vorherzusagen und zu wissen, wen du an deiner Seite benötigst. Vielleicht wird die Person, die du heute verletzen willst, morgen eine wichtige Rolle in deinem Leben spielen. Denke daran, dass rachsüchtige Gedanken verschwinden, aber der Schaden, den du wegen ihnen verursachst, tief und dauerhaft sein kann.

Mädchen umarmt Mond in einer Gruppe von Monden

 

Nie wieder

Rache lebt in einem Land, das „Nie wieder“ heißt, wo die Menschen für immer jung bleiben und es keine Regeln oder Verantwortlichkeiten gibt.

Wenn jemand die erste Seite im Buch der Rache öffnet und beschließt, weiterzulesen, ist es schwer für die Geschichte, nicht bis zum Höhepunkt zu eskalieren. Die Intensität der Aktionen jedes Charakters erhöht sich tendenziell, während sich die Handlung verdichtet.

Wenn ein Problem zwischen zwei oder mehr Personen auftritt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie diese reagieren: weglaufen, angreifen oder nach einer Lösung suchen. Im Falle der Rache wird die Entscheidung getroffen, anzugreifen. Wenn sich beide Parteien dazu entschließen, die gleiche Strategie anzuwenden, wird der Konflikt eskalieren, bis eine Partei entscheidet, dass sie im Kampf schon zu viel verloren hat.

Es gibt keine Gerechtigkeit durch Rache.

In der Kultur der Ehre, in der es nicht darauf ankommt, Schaden anzurichten, sondern Ehre wiederzuerlangen, enden Beziehungen mit Menschen, die in Flammen stehen. Sich in die Rache zu stürzen, indem man andere angreift, wird nur noch stärkeren Hass schüren. Das Feuer zu löschen ist dabei immer der erste Schritt, etwas Neues aus der Asche aufsteigen zu lassen.

Die Reaktion auf Schmerz, indem mehr Schmerz geschaffen wird, ändert nichts an der Situation und lässt dich nicht besser fühlen. Mut ist meistens nicht, stärker zu sein als die andere Person, sondern sich an ihre Stelle zu versetzen und zu entscheiden, dass niemand anderer diesen Schmerz wieder erleben soll.