Platonische Liebe: Verwenden wir einen falschen Ausdruck?

7. Mai 2019

Hast du jemals den Ausdruck „platonische Liebe“ gehört? Normalerweise verwenden wir diesen Begriff, um uns auf eine Person zu beziehen, für die wir romantische Gefühle hegen, die aber außerhalb unserer Reichweite und Erfüllung liegt. Es ist eine unerwiderte Liebe, welche uns oft dazu bringt, zu fantasieren und zu idealisieren. Aber was hat diese Art der Liebe mit Platon zu tun? Hat Platon jemals über diese „platonische Liebe“ gesprochen?

Die Antwort ist nein. Platons Konzept der Liebe bezog sich nie auf eine unerreichbare Person. Vielmehr haben wir erst nach ihm eine Variation des Konzepts der eigentlichen platonischen Liebe geschaffen. Obwohl die Entwicklung des Begriffs in gewisser Weise verständlich ist, ist es wichtig, die moderne platonische Liebe von jener Liebe zu unterscheiden, von der Platon einst gesprochen hat. Das wollen wir uns einmal genauer anschauen.

Der Begriff der Liebe im Platonischen Symposion

In Platons Werk Symposion  spricht der griechische Philosoph mittels Sokrates über die Liebe. In diesem Text wird ein Bankett beschrieben, wobei alle Anwesenden eine Rede über die Liebe halten. Diese reichen von der oberflächlichen Ansprachen bis hin zu Sokrates sehr tiefgreifender Rede, die tatsächlich Platons eigene Gedanken darstellt.

Eine Statue des griechischen Philosophen Platon

Phaedrus weist zunächst darauf hin, dass der griechische Liebesgott Eros der älteste der Götter sei. Daher sei er die inspirierende Kraft, um großartige Handlungen auszuführen. Er versichert, dass es die Liebe sei, die den Mut gebe, ein besserer Mensch zu werden. Als nächstes spricht Pausanias, der tiefer geht, von zwei Arten der Liebe: von körperlicher Liebe und himmlischer Liebe. Erstere sei sexueller und oberflächlicher Natur, während letztere moralisch vollkommener sei.

Aristophanes erzählt die Geschichte der Entstehung des Menschen. Nach dieser Geschichte habe es zu Beginn androgyne Menschen oder Kugelmenschen gegeben. Letztere haben sich gegen die Götter verschworen und zur Strafe spaltete Zeus sie in zwei Hälften. Seitdem suchen sie ihre jeweils andere Hälfte, ihre Seelenverwandten. Bei dieser Suche nach dieser anderen Hälfte neigen einige zur Homosexualität, andere zu Heterosexualität, abhängig von ihrem ursprünglichem Zustand.

Schließlich sagt Sokrates, dass Liebe die Kraft sei, die es uns erlaube, die reinste und idealste Schönheit zu erkennen.

Die Liebe nach Platon

Wie bereits erwähnt, spricht Sokrates Platons eigene Gedanken aus. Deshalb können wir davon ausgehen, dass die Rede von Sokrates im Symposion Platons eigenes Konzept der Liebe darstellt.

Wie in all seinen Schriften unterscheidet Platon zwischen der idealen Welt und der irdischen Welt. In der idealen Welt können wir das reinste Wissen finden. In der irdischen Welt gibt es nur unvollkommenes Wissen, wird die perfekte, ideale Welt lediglich imitiert.

Nach Platon gilt dasselbe für die Liebe. Die platonische Liebe ist alles andere als rein körperlich und verfolgt die wahre Schönheit. Die Liebe zur Schönheit selbst wird als der höchste Begriff der Liebe verstanden, den wir in der idealen Welt finden können. Schönheit in all ihrer Pracht zu erleben, das ist das Ziel der Liebe. Daher glaubte Platon, dass Liebe die Schönheit in ihrer reinsten und abstraktesten Form sei.

Platonische Liebe

Platon sagte, die Liebe zur Weisheit sei das vollkommenste und reinste Konzept der Liebe. Platonische Liebe bedeutet also nicht, eine Person zu idealisieren, sondern Weisheit zu erlangen, eine Art spiritueller Schönheit.

Drei hölzerne Herzen, die an der Schnur hängen

Für Platon war Wissen der Weg, den wir gehen müssen, um wahre Schönheit und damit auch wahre Liebe in all ihrer Pracht zu erreichen. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich das Konzept der „platonischen Liebe“ zu dem uns bekannten von unerreichbarer Liebe.

Der von Platon beschriebene Weg beginnt mit der Liebe zur körperlichen Schönheit als idealer Ästhetik. Dann führt er weiter, von der Schönheit der Seele zu Liebe und Wissen. Platon sagte:

Schönheit ist immerwährend, sie wird nicht geboren und stirbt nicht, wächst nicht und verfällt nicht. […] Diese Schönheit lässt sich nicht darstellen wie es häufig versucht wird, als Gesicht oder in Form von Händen, oder anders als Teil des Körpers. Auch nicht als Rede oder Wissenschaft. Sie existiert fortwährend für und mit sich selbst.“

Eine kuriose Tatsache ist, dass der Ausdruck „platonische Liebe“ erstmals im fünfzehnten Jahrhundert wieder verwendet wurde, als Marsilio Ficino auf die Liebe zur Intelligenz und Schönheit einer Person verwies. Da waren fast 2000 Jahre vergangen, seit Platon auf Erden wandelte!