Pans Labyrinth: wenn Ungehorsam ein Muss ist

2. Januar 2019

Pans Labyrinth  (2006) ist für viele das Meisterwerk des Filmemachers Guillermo del Toro, jener Film, der seine Kunst und seine Leidenschaft für die Fantasie am besten repräsentiert. Der enorme Erfolg dieses Films ist unbestritten. Er gewann zahlreiche Auszeichnungen, darunter sogar drei Oscars: für die beste Fotografie, die beste künstlerische Leitung und das beste Make-up.

Die Handlung des Films versetzt uns in eine der traurigsten Epochen in der Geschichte Spaniens: in das Jahr 1944 in der Nachkriegszeit. In eine Zeit, in der Hunger und Elend große Verwüstung anrichteten; in eine Zeit, in der es schwer war, sich eine bessere Zukunft vorzustellen, von etwas zu träumen oder an das Gute zu glauben. Die internationale Isolation, die Unterwerfung unter eine einzigartige Ideologie – die des Faschismus – und das Leid prägten den Alltag eines Großteils der spanischen Bevölkerung.

Pans Labyrinth  zeigt uns zwei Geschichten in einer, die schließlich miteinander verschmelzen werden. Die Simultanität der beiden Geschichten ist von Anfang an gegeben: Während uns ein Filmkommentator von einer Prinzessin erzählt, die vor langer Zeit im Reich der Unterwelt gelebt habe, können wir einige Titel lesen, die uns ins Spanien der Nachkriegszeit versetzen: „In den Bergen versteckt, kämpfen bewaffnete Gruppen weiterhin gegen das faschistische Regime, das kämpft, um sie zu unterwerfen.“ Ebenso können wir im Hintergrund eine Melodie hören, die uns mit der reinsten Fantasie und gleichzeitig mit dem erregten Atem eines leidenden Mädchens inspiriert.

Dieses Mädchen ist Ophelia, und sie stellt die Verbindung zwischen den beiden Geschichten dar. Von der härtesten Realität, der Unterwerfung unter ein Regime und dem Widerstand der Maquis, führt Pans Labyrinth  zur unschuldigen Fantasie eines Mädchens, hin zu einer Welt der Imagination und Unschuld, die viele Menschen durch den Krieg verloren haben. Del Toro schafft es, uns mit dieser Ästhetik und mit seiner unterirdischen Welt, die – wie die Welt der Menschen – auch nicht ungefährlich ist, zu faszinieren. Fantasie und Realität, Märchen und Elend, aber vor allem, Ungehorsam, das alles ist Pans Labyrinth.

Warum Ophelia?

Der Name Ophelia lässt uns sofort an Shakespeares Hamlet  denken. Ophelia, die Tochter von Polonius und Schwester von Laetres, war die Verlobte von Prinz Hamlet, die nach dem Tod ihres Vaters (welchen Hamlet irrtümlich ermordet hatte) verrückt wurde. Der Wahnsinn ließ sie zu einer kindlichen, unschuldigen und tragischen Persönlichkeit werden. 

Ihr Tod, der auf der Bühne nie dargestellt wird, wird von Gertrude, Hamlets Mutter, beschrieben und gilt als einer der poetischsten Todesfälle in der Literatur. Ophelia ist die Figur einer von der Liebe zerstörten Frau, traumatisiert durch den Tod ihres Vaters, die viele Gemälde der Romantik inspirierte, da sie das Weibliche, die Unschuld, die Liebe und den Tod repräsentiert. Ihr Tod hat etwas Magisches, bedeutet eine Verschmelzung mit der Natur und wird nicht als qualvoller, sondern als heiterer Tod dargestellt.

Ophelia von John Everett Millais

Im Gegenzug dazu erscheint Shakespeares Ophelia in der Welt der Menschen als unterwürfig und gehorsam; in dem Moment, als sie verrückt wurde, verschwand diese Unterwerfung und sie erscheint in Begleitung einer Frau, und zwar von Königin Gertrude. Das Bild von Ophelias Tod ist mit etwas Mystischem, fast Fantastischem verbunden, als würde ein Wesen aus einer anderen Welt in seinen natürlichen Zustand zurückkehren.

Daher ist die Wahl dieses Namens in Pans Labyrinth  nicht zufällig, sondern strebt danach, dass der Zuschauer das unschuldige Mädchen mit der Figur von Shakespeare in Verbindung bringt. Auf die gleiche Art und Weise können wir eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Carmen, Ophelias Mutter, und Königin Gertrude feststellen: Beide heirateten, nachdem sie zu Witwen wurden, einen Bösewicht. Carmen heiratet Hauptmann Vidal, ein Hauptmann, der im Dienst von Franco steht, und sich in einer Stadt in den Pyrenäen befindet, um alle Spuren der republikanischen Guerilla zu beseitigen.

Die Weiblichkeit in Pans Labyrinth

Die Gesellschaft, die in Pans Labyrinth  dargestellt wird, zeigt die Frauen nicht im besten Licht. Carmen repräsentiert die Werte einer traditionellen Frau, die ihrem Mann unterworfen ist; Mercedes, die Angestellte des Hauses, arbeitet für Vidal und bricht mit diesen Werten, denn obwohl es den Anschein erweckt, dass sie dem Hauptmann treu wäre, beginnt sie in Wirklichkeit einen Kampf, in dem sie versucht, den Maquis zu helfen. Auf die gleiche Art und Weise lebt Ophelia eine Parallelgeschichte, in der sie selbst die Protagonistin ist. Sie soll dafür verantwortlich sein, die Untergrundwelt zum Wohlstand zu führen.

Del Toro sieht im Patriarchat wenig Positives und entschied sich angesichts dessen, die Weiblichkeit zu preisen:

  • Im unterirdischen Königreich gibt es keine Sonne, und nur der Mond spendet Licht. Das ist ein Element, das wegen seiner Beziehung zum Menstruationszyklus und zur Mutterschaft mit weiblichen Konnotationen aufgeladen ist. Währenddessen macht die Sonne in der Welt der Menschen die Prinzessin blind und bringt sie dazu, ihre gesamte Vergangenheit zu vergessen. Die Sonne repräsentiert hierbei das Männliche, das negativ beschrieben wird.
  • Es tritt auch die Figur der Alraune auf, eine Pflanze, deren Wurzeln an eine menschliche Figur erinnern. Ophelia verwendet die Alraune, um ihrer Mutter in ihrer Schwangerschaft zu helfen und gibt sie in eine Schüssel mit Milch, welche das Mütterliche darstellt.

Hauptmann Vidal soll in dieser Geschichte der große Bösewicht sein, der alle patriarchalischen Werte in einer Person verkörpert, während Ophelia als Gegensatz zu diesem Charakter auftritt. Es sind zwei Geschichten und zwei Welten: Die Unterwelt steht hierbei für die Unschuld des Mädchens, für das Weibliche, und die reale Welt für Feindseligkeit, Schmerz und Krieg. Letztere wird mit dem Männlichen assoziiert.

Ophelia

Der Symbolismus

In den Anfängen der Landwirtschaft sahen einige Stämme, wie zum Beispiel die Buschmänner, die unterirdische Welt als einen Ort, an dem der Übergang zwischen Leben und Tod, aber auch der Übergang von einem Zyklus in einen anderen stattfinden könne. Viele traditionelle Geschichten, die mündlich überliefert wurden, handeln von Mädchen, die in die Unterwelt fallen und dort eine Erfahrung machen, die sie zu Frauen werden lässt. Somit geht ihr Erlebnis mit dem Verlust der Unschuld und der Metamorphose des Mädchens einher.

In dieser unterirdischen Welt treten häufig Tierfiguren mit menschlichen Zügen auf, sowie jemand, der leitet, dem man jedoch nicht immer vertrauen sollte, auf. Diese Geschichten haben einen eindrucksvollen Charakter, wirken wie Mythologien, so wie es auch in Pans Labyrinth  geschieht. 

Der Faun in dieser Geschichte repräsentiert die Hirtenschaft, den Kontakt mit der Natur. Er fungiert als Verbindung zwischen den beiden Welten, ist jedoch auch keine absolut zuverlässige Persönlichkeit. Das Labyrinth steht für eine Art Suche nach der Wahrheit, aber auch nach der Gefahr. Der Baum und das Blut können mit dem Leben assoziiert werden; der weiße Mann steht für die Macht und die Unterdrückung der realen Welt. Die Zeit scheint mit Vidal verbunden zu sein, da er immer wieder seine Uhr kontrolliert, und dies ist etwas, das man mit dem Gott Chronos in Verbindung bringen könnte.

Die Zahl 3 stellt eine Konstante dar (die drei Beweise von Ophelia, die drei Feen, …), wobei diese Zahl in der klassischen Mythologie die Göttlichkeit repräsentiert. In der christlichen Religion wird sie mit der Natur Gottes, der heiligen Dreifaltigkeit, in Verbindung gebracht. So baut del Toro ein perfektes, göttliches Universum auf, als wäre es ein Mythos.

Kind, das mit einem Monster bei Tisch sitzt

Und wie in allen Mythen wird auch hier eine Lehre vermittelt. Del Toro versucht, eine Realität einzufangen, in der es nur einen Gedankengang gibt, in der der Ungehorsam zur Pflicht wird. Darum gibt es Charaktere, wie Mercedes, den Arzt oder die Maquis, die sich trotz der Unterdrückung entschließen, ungehorsam zu sein. Und der Ungehorsam hat zwei Gesichter: Er führt zu Fehlern, wie wir sehen, als Ophelia in die Versuchung gerät, eine der Früchte vom Tisch des weißen Mannes zu probieren, aber auch als sie dem Ungehorsam der Feen folgt.

Die Charaktere repräsentieren eine komplexe Realität und sind dennoch nach Archetypen gezeichnet. Es gibt keine neutralen Charaktere: Entweder sind sie gut, oder schlecht. Del Toro selbst nimmt eine völlig subjektive Haltung ein, er ist nicht unparteiisch, befindet sich eindeutig auf der Seite des Widerstands, auf der Seite der Maquis und all jener Charaktere, die ungehorsam sind und zusätzlich noch das Weibliche preisen.

Am Ende des Films bleibt eine Frage offen: War das Abenteuer von Ophelia real oder war es die Frucht der Vorstellungskraft dieses Mädchens?

„Gehorchen, nur um zu gehorchen, einfach so, ohne zu denken, das machen nur Menschen wie Sie, Hauptmann.“

Pans Labyrinth