Öffne meine Augen – Porträt geschlechtsspezifischer Gewalt

· 16. Oktober 2018

Ein Thema, das so hart, so unangenehm und gleichzeitig doch so alltäglich ist, lässt sich nicht so einfach darstellen. Geschlechtsspezifische Gewalt fordert auch im Jahr 2018 noch immer zu viele Opfer; und hiermit beziehen wir uns nicht im wörtlichen Sinne auf Opfer, die ihr Leben verlieren, sondern auch auf jene Menschen, deren Lebensqualität eingeschränkt wird, die nicht jede Möglichkeit nutzen zu können, um ihr Leben zu leben. Im Film Öffne meine Augen  (2003) hat Icíar Bollaín auf möglichst realistische Art und Weise die Hintergründe und Spuren, die diese Art von Gewalt hinterlassen kann, festgehalten.

Bollaín zeichnet sich dadurch aus, dass sie in ihren Filmen versucht, einen Spiegel der Realität zu zeigen, dass sie einen natürlichen Film produziert, dessen Charaktere aus unserer alltäglichen Realität stammen mögen. Von der Sprache über die Kostüme, Gesten und Schauplätze – alles, was sich in ihren Filmen findet, ist mit überwältigendem Realismus aufgeladen. Die Regisseurin, die zu unzähligen Anlässen auch die Notwendigkeit der Anwesenheit von Frauen hinter den Kameras angesprochen hat, hat auch gezeigt, dass das Kino für sie ein Weg zur Veränderung ist, eine Tür, die sich für uns öffnet und hinter der wir versuchen können, das, was in der Gesellschaft falsch läuft, zu verbessern. 

Öffne meine Augen  erzählt die Geschichte von Pilar, einer Frau, die mit ihrem Sohn in das Haus ihrer Schwester flieht. Sie flieht aufgrund ihrer Situation: Sie lebt mit ihrem Ehemann Antonio zusammen, welcher sie physisch und psychisch misshandelt.

Pilar findet einen Job als Kassiererin in der Kirche, in der ein Gemälde namens Das Begräbnis des Grafen Orgaz  untergebracht ist. Dort baut sie eine Beziehung zu einigen ihrer Kollegen auf und beginnt, sich für Kunst zu interessieren. Zur gleichen Zeit nimmt Antonio an verschiedenen Sitzungen teil, die ihm helfen sollen, seine Wut zu kontrollieren, und er versucht, seine Frau zurückzuholen.

Szene aus dem Film "Öffne meine Augen"

Das Interessante an diesem Werk ist die Art und Weise, wie das Problem angesprochen wird, diese Natürlichkeit, mit der jeder Charakter behandelt wird, und die verschiedenen Sichtweisen, die uns präsentiert werden.

Es ist immer sehr einfach, das Opfer zu verurteilen, wenn wir die Umstände, in denen dieser Mensch lebt, nicht kennen. Dann fällt es leicht, zu sagen: „Lass es doch sein oder distanziere dich von ihm, wenn dir die Situation nicht passt.“  Die Realität aber sieht anders aus, wenn dieser Missbrauch das Opfer in einen Zustand der Verwirrung, des Identitätsverlustes und geringen Selbstwertgefühls versetzt hat.

Öffne meine Augen  erlaubt uns, über geschlechtsspezifische Gewalt nachzudenken, darüber, wie wir in unserer Gesellschaft die Situation des Opfers, aber auch die des Misshandelnden bewerten. Icíar Bollaín offenbart uns dieses Drama, das ein Bewusstsein, ein Schritt in Richtung Veränderung, hin zu einer besseren und egalitäreren Gesellschaft sein soll.

Das Geschlecht und die Gesellschaft

Geschlechtsspezifische Gewalt muss keine physische Gewalt sein und auch nicht ausschließlich in der häuslichen Umgebung geschehen. Geschlechtsspezifische Gewalt ist, wie der Name schon sagt, Gewalt, die aufgrund des Geschlechts des Opfers ausgeübt wird. Das heißt, der Täter lässt es die „Überlegenheit“ seines Geschlechts spüren. Wir neigen dazu, geschlechtsspezifische Gewalt auf Frauen zu beziehen, doch dürfen wir auch die Angriffe auf Männer und Menschen, die nicht in das traditionelle Mann-Frau-Schema passen, nicht unbeachtet bleiben, da auch diese von dieser angeblichen „Überlegenheit“ motiviert werden.

Warum trifft geschlechtsspezifische Gewalt aber hauptsächlich Frauen? Das partriachalische System hat dazu geführt, dass Frauen als das „schwächere Geschlecht“ verstanden werden. Wenn wir einen Blick in die Zeitung werfen, finden wir dort noch immer Begriffe vor, die der Frau abwertende Konnotationen zuschreiben, im Gegensatz zum Mann. Diese Vorstellung des Männlichen, das die Stärke, die Männlichkeit und den Mut repräsentiert, hat dazu geführt, dass sich unsere Gesellschaft gemäß dieser Konzepte strukturiert, ohne je zu hinterfragen, ob diese denn überhaupt wahr wären. So sehen wir in dem Film Öffne meine Augen  wie Pilars Mutter, obwohl sie ihre Tochter fliehen gesehen hat, ihr dazu rät, wieder zu ihrem Ehemann zurückzukehren, da eine Frau ohne einen Mann nichts werden könne und dies ihre Pflicht sei.

Pilars Ehemann

In ähnlicher Weise stellen auch die Männer, die mit Antonio die Therapie besuchen, die Tragweite ihrer Handlungen nicht infrage. Sie sind diejenigen, die arbeiten, die das Geld nach Hause bringen, und darum müssen ihre Frauen die häuslichen Aufgaben übernehmen, gehorchen und die Bedingungen akzeptieren – so der generelle Ton. Diese Männer, die in Öffne meine Augen  gezeigt werden, sind das Ergebnis unzähliger Generationen, die in etabliertem Machismo gelebt haben. In ihren Häusern waren es die Mütter und die Schwestern, die immer alles getan haben, was der Mann ihnen befohlen hat, und sie waren verantwortlich für das Heim und die Familie.

Wie bereits angedeutet, kann geschlechtsspezifische Gewalt rein psychologischer Natur sein und immer ist eine psychologische Komponente vorhanden. So sät sie in dem Opfer oft ein starkes Gefühl von Unsicherheit, Angst und mangelndem Selbstwertgefühl. Außerdem ist es viel schwieriger, der Gewalt zu entkommen, wenn derjenige, der sie ausübt, unser Partner oder eine Person ist, der wir vertrauen, so wie es in diesem Film Pilar geschieht.

Öffne meine Augen  und die Entwicklung der Frau

Im Laufe der Zeit konnten Frauen auch in der Arbeitswelt Fuß fassen und so eine gewisse Unabhängigkeit erlangen. Mit der Unabhängigkeit erreichten sie auch die Aufgabenverteilung, welche jedoch mit der Schwierigkeit einherging, die Mentalität zu verändern, die in einer ganzen Reihe von Generationen gefestigt worden war. Pilar hat in ihrem eigenen Haus gesehen, wie ihre Mutter zum Opfer dieses Systems wurde, da sie alles tat, was eine „gute Frau“ tun sollte: sie heiratete in der Kirche, bekam Kinder und blieb zu Hause, um sich um diese zu kümmern.

Ihre Schwester Ana war hingegen diesem sozialen Modell gegenüber kritisch eingestellt, da sie die Fehler ihres verstorbenen Vaters und das Leiden ihrer Schwester erkannt hatte und es schaffte, eine gesunde und gleichberechtigte Beziehung zu ihrem Partner zu entwickeln. Anas Ehemann repräsentiert hierbei „die neue männliche Realität“, einen Mann, der im Haushalt zufasst und seine Frau als gleichwertig behandelt. All dies steht im Kontrast zu dem stark konservativen Charakter der Mutter und zu Pilar, deren Selbstwertgefühl vollständig untergraben wurde und die nicht länger in der Lage ist, sich ein Leben ohne Antonio vorzustellen.

Pilar und ihre Schwester

Dank der Arbeit im Museum entdeckt Pilar die Kunst, die für sie zu Fluchtweg und neuer Hoffnung wird. Sie beginnt, sich dafür zu interessieren, in ihrer Arbeit voranzukommen und schafft es schließlich, wieder zu träumen und sich Ziele zu setzen.

Auch lernt Pilar im Musem ihre Kollegen besser kennen: sehr unterschiedliche Frauen, die ihre eigenen Träume haben, die unabhängig sind. Diese Frauen ähneln Ana sehr; manche von ihnen haben mehr oder weniger stabile Beziehungen, andere chatten online mit Männern … aber jede von ihnen lebt ihr Leben, ohne jegliche Abhängigkeit von irgendeinem Mann.

Icíar Bollaín zeichnet diese neue Realität der Frauen, die sich mit einer patriarchalischen Vergangenheit vermischt, die noch immer tief verwurzelt ist. Öffne meine Augen  lässt keinen Handlungsstrang unbeendet, deckt zahlreiche Facetten häuslicher Gewalt ab und thematisiert eine Gesellschaft, in der wir einen institutionalisierten Machismo geerbet haben. Ebenso vergisst er weder das stille Opfer, das in diesem Film Juan, der Sohn von Pilar und Antonio, ist, noch die Konsequenzen, die all diese Jahre des Missbrauchs in Pilar hinterlassen haben.

Auf der anderen Seite vermittelt uns dieses Werk einen Funken Hoffnung. Es zeigt uns, dass sich in der Welt etwas verändert, dass Frauen jetzt verschiedene Rollen einnehmen, dass Männlichkeit inzwischen viele Formen annehmen kann, dass Männer auch weinen. Vor allem aber erlaubt es uns, über ein Thema nachzudenken, das leider immer noch viele Leben zerstört.

„Nichts soll uns definieren. Nichts soll uns festhalten. Die Freiheit soll unsere Substanz sein.“

Simone de Beauvoir