Nortons transdiagnostische Therapie bei Angststörungen

· 13. April 2019

In den letzten Jahren wurden in der klinischen Psychologie zahlreiche Fortschritte in Bezug auf Therapieansätze und Behandlungserfolge gemacht. Einer dieser erfolgreichen Therapieansätze sieht es vor, psychologischen Problemen mit den transdiagnostischen Therapie entgegenzutreten.

Üblicherweise können Therapeuten auf ein breites Spektrum an Behandlungen zurückgreifen und auf jede Psychopathologie eine spezifische anwenden. Einige Studien haben jedoch gezeigt, dass die Anwendung eines gemeinsamen Ansatzes bei verschiedenen Erkrankungen derselben Kategorie wirksamer und auch effizienter sein könne. Damit beziehen sie sich auf den transdiagnostischen Ansatz.

Hier wird versucht, sich auf den gemeinsamen Kern zu konzentrieren, der den verschiedenen Krankheiten zugrunde liegt. Zum Beispiel haben Phobien, Angststörungen, Panikattacken und andere Angstzustände eine Reihe von gemeinsamen Merkmalen. Dazu können bedrohliche Gedanken, Hyperaktivität oder ein Verhalten, das der Vermeidung des angstauslösenden Faktors dient, beziehungsweise ein extremes Sicherheitsverhalten, zählen.

Ist es also sinnvoll, eine bestimmte kognitive Verhaltenstherapie für jede spezifische Störung anzuwenden? Laut der Peter Norton von der University of Houston wäre dies nicht notwendig. Schon nach der Durchführung einer frühen Studie, bei der die kognitiv-verhaltensorientierte transdiagnostische Therapie bei einer heterogenen Gruppe von Patienten mit unterschiedlichen Angststörungen angewendet wurde, stellte er fest, dass auf diesem Weg nicht nur die Angststörungen abnahmen, sondern auch die Schwere von Begleiterkrankungen, die nicht direkt mit der primären Diagnose in Verbindung standen, etwa von Depression. Bis heute hat Norton diesen Ansatz weiterentwickelt; er wird bereits in klinischen Studien getestet.

„Dieser Ansatz war wirksamer als die Kombination der kognitiven Verhaltenstherapie mit anderen Arten der Behandlung von Angststörungen, wie zum Beispiel das Entspannungstraining.“

Peter Norton

Frau, die an Depressionen leidet und müde auf dem Sofa liegt

Wie gestaltet sich die transdiagnostische Therapie bei Angstzuständen?

Der Schlüssel zur transdiagnostischen Therapie liegt darin, dass der Therapeut hierbei in der Lage ist, den gemeinsamen Nenner der verschiedenen Gesichter der Angststörungen zu identifizieren und zu konfrontieren. Hierbei spielt es keine Rolle, ob der Patient unter Panikattacken, Zwangsstörungen oder einer Spinnenphobie leidet. Bei dieser Form der Therapie vergisst der Psychologe am besten diese spezifischen Bezeichnungen und geht schlicht davon aus, dass der Patient unter Angstzuständen leidet – ganz unabhängig von der konkreten Manifestation dieser Angst.

Diese Kernpathologie, wie sie Norton nennt, wird im Wesentlichen durch die Struktur des dreiteiligen Modells von Angst und Depressionen bestimmt. Für Clark und Watson deutet dieses Modell darauf hin, dass Depressionen und Angstzuständen gemeinsame Komponenten (ein generalisierter negativer Einfluss) und auch spezifische Komponenten (z. B. Anhedonie und psychologische Hyperaktivierung) haben.

Norton baute auf dieser Hypothese auf und geht davon aus, dass der negative Einfluss als eine psychopathologische Kernkomponente von Angstzuständen und Depressionen betrachtet werden könne. In Übereinstimmung mit diesem theoretischen Modell beschreibt er, dass die Behandlung nicht auf den unterschiedlichen Manifestationen der Angst basieren müsse. Viel mehr schlägt er folgende Methoden als Teil der transdiagnostischen Therapie vor:

Die Psychoedukation

Dem Patienten wird erklärt, was Angstzustände im Allgemeinen ausmacht, wie sie entstehen und wie sie aufrechterhalten werden. Nach Erklärung des dreiteiligen Modells erhält er auch Informationen über die Folgen, die sowohl Angstzuständen als auch Depressionen üblicherweise haben. Der Patient muss verstehen, dass das Wissen darum, wie er mit dieser Emotion umgehen sollte, wegführt von den künstlichen Unterschieden und ihm dabei helfen kann, die Auswirkungen dieser Pathologien zu bewältigen.

Die Komorbidität kann als ein Leiden definiert werden, das zeitgleich mit einem anderen auftritt. Angststörungen und Depressionen wären Beispiele hierfür, denn tatsächlich treten diese beiden oft gemeinsam auf, sodass man sie kaum mehr voneinander unterscheiden kann. Eine Möglichkeit, sie miteinander in Einklang zu bringen, besteht darin, sie anhand des negativen Einflusses zu erklären, der beiden zugrunde liegt.

Die kognitive Umstrukturierung

Wir gehen davon aus, dass bei der Mehrzahl der Patienten, die an Angststörungen leiden, eine Reihe negativer Gedanken entstehen, die äußerst bedrohlich sein können. Wie wir bereits wissen, ist Angst die Antwort auf die Intuition einer potenziellen Gefahr. Nachweislich kann in Bezug auf Angststörungen von Funktionalität aber keine Rede sein: Die Sorgen sind meist übertrieben und es fehlt ihnen an Bezug zur Realität.

Mit einer entsprechenden Schulung in kognitiver Umstrukturierung kann der Patient dazu befähigt werden, seine Gedanken über mögliche Gefahren zu regulieren und diese etwa im sokratischen Dialog durch andere Gedanken, die der Realität besser angepasst sind, zu modifizieren.

Zum Beispiel ist es üblich, im panischen Zustand Gedanken wie „Ich werde eine Panikattacke erleiden“  oder „Ich werde verrückt“  zu fassen. Ähnliche Gedanken können jedoch auch bei einer generalisierten Angststörung auftreten: „Was ist, wenn meine Tochter heute Nacht vergewaltigt wird, wenn sie ausgeht?“

Das Ziel ist es, dass sich der Patient auf die Realität konzentriert – auf jene Daten, die ihm tatsächlich zur Verfügung stehen – ohne zu versuchen, zukünftige Situationen vorauszusehen, da diese ja noch gar nicht eingetreten sind. Und falls sie auftreten sollten, dann sicher nicht auf die Art und Weise, wie es sich der Patient heute vorstellt.

Mann mit Depressionen, der aus dem Fenster blickt

Exposition zur Prävention von Reaktionen

Hier geht es um die Exposition gegenüber den gefürchteten Reizen. Das Format kann direkt, imaginär oder interozeptiv sein, wobei letzteres bedeutet, sich jenen inneren Empfindungen auszusetzen, die bei Panikattacken auftreten.

Die Exposition erleichtert nicht nur die physiologische Gewöhnung an die Angstzustände, sondern auch an die Reize, die diese auslösen. Auch beugt der Patient einer gewohnten Reaktion vor, wenn er diese Prävention von Reaktionen ausführt. Gewohnte Reaktionen entsprechen beispielsweise den Zwängen bei obsessiven Zwangsstörungen, den Kontrollen bei generalisierten Angststörungen oder der Einnahme eines Anxiolytikums bei Panikattacken.

Schlussfolgerungen zur transdiagnostischen Therapie

Die Perspektive der transdiagnostischen Therapie ermöglicht es, psychische Störungen aus einem mehrdimensionalen Blickwinkel heraus zu betrachten. Es geht um die Konvergenz verschiedener psychologischer Prozesse, die bei einer Reihe von Störungen zu beobachten ist. Die Behandlung ist damit umfassender und höher angesetzt.

Die transdiagnostische Therapie hat bereits zu einigen guten Ergebnissen geführt. Laut Norton habe sich der Zustand der so behandelten Patienten stärker verbessert als der derjenigen, die eine Standardtherapie erhielten. Ebenso habe die Behandlung einen großen Einfluss auf Komorbiditäten gehabt. Bis zu zwei Drittel der Begleiterkrankungen haben geheilt werden können. Bei Anwendung einer spezifischen Therapie konnten nur 40 % der Patienten eine Milderung der Begleiterkrankung erreichen.

Es hat sich gezeigt, dass die transdiagnostische Therapie ein effektiver Ansatz – für den Patienten und den Therapeuten. Letzterer kann nämlich eine Gruppe von Patienten mit ähnlichen Problemen zusammenbringen und so unter erheblicher Zeitersparnis mehrere Menschen gleichzeitig therapieren. Die gewonnene Zeit kann er beispielsweise für Härtefälle aufwenden.

Bisher sind die Ergebnisse sehr vielversprechend, und das nicht nur bei erwachsenen Patienten, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen, bei denen es oft noch schwieriger ist, eine spezifische Diagnose zu stellen.

  • Norton, P. J. (2012). Group cognitive-behavioral therapy of anxiety: A transdiagnostic treatment manual. New York: Guilford.
  • Sandín, B.; Chorot, P.; Valiente, R. (2012). Transdiagnostico: Nueva frontera en psicología clínica. Revista de Psicopatología y Psicología Clínica. Vol. 17, N.º 3, pp. 185-203.