Nicht, dass du mich falsch verstehst: Ich bin zwar allein, aber ich fühle mich nicht einsam

· 18. November 2016

Nicht, dass du mich falsch verstehst: Ich bin zwar allein, aber ich fühle nicht die Leere der Einsamkeit. Fühle dich also nicht dazu verpflichtet, mich zu bemitleiden, mich in eine Schublade zu stecken, und bitte suche erst recht nicht nach einem Partner für mich. Ich bin, wo ich sein möchte. Denn allein zu sein, ist viel klüger als das Leben mit der falschen Person zu teilen.

Wie wir sehen können, ist die Einsamkeit, die zu einem bestimmten Zeitpunkt gesucht oder benötigt wird, ein Aspekt der von der Gesellschaft nicht verstanden wird.  Sogar Aristoteles pflegte zu sagen, dass nur die Götter oder die Bestien es lieben würden, allein zu sein. Allerdings erklärten französische Moralisten des 18. Jahrhunderts, z.B. Marquis de Vauvenargues, dass die Einsamkeit für die Seele das sei, was die Diät für den Körper sei: etwas, das wir gelegentlich praktizieren sollten.

„Ich schreibe dir, um dir zu sagen, dass ich mich von dir befreie. Sei glücklich und suche mich nie wieder. Ich will nie wieder etwas von dir wissen und auch du sollst nie wieder etwas von mir wissen.“

Brief von Frida Khalo an Diego Rivera

Lernen, allein zu sein und gelegentlich die Einsamkeit zu genießen, ist etwas, das wir alle tun sollten. Wem das nicht gelingt, der wird sich hin und wieder mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert sehen, eine Leere zu füllen, Ängste zu besiegen und mit Unsicherheiten der schlimmsten Art fertig zu werden, weil er sich von anderen abhängig macht und sich an die erstbeste Person klammert, die ihm über den Weg läuft.

Was auch immer das Ziel dabei ist, sich gegen diesen scheinbaren Dämon der Einsamkeit zu verteidigen – es tut uns auf jeden Fall nicht gut. Wir laden dich dazu ein, einmal genauer darüber nachzudenken.

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Ich bin zwar allein, aber es geht mir gut

„Ich bin jetzt allein, aber damit geht es mir gut.“  Für diesen Satz – obwohl wir ihn immer häufiger hören – müssen wir uns immer noch oft rechtfertigen, klarstellen, dass wir gern allein leben, ohne Partner oder jemand anderen an unserer Seite, und dass das eine uns angenehme Einsamkeit ist. Es ist eine gewählte Erfahrung, die wir genießen, auch wenn andere das nicht verstehen.

Die Zeiten ändern sich, daran gibt es keinen Zweifel. Allerdings wird das Bild einer alleinstehenden Frau nicht auf die gleiche Weise wahrgenommen wie das eines Mannes ohne Partnerin. Es ist, als würde die Zeit für sie vergehen, als müsste sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um einen Partner zu finden, denn ihre biologische Uhr, die von der Gesellschaft programmiert wurde, tickt. Frauen müssen einen guten Job haben, einen Partner finden und kurz darauf zur Supermama mutieren.

Wie wir bereits erwähnt haben, ändern sich die Zeiten, und Frauen sind nun nicht mehr zwanghaft auf der Suche nach einem Partner. Viele ziehen es vor, gefunden zu werden. Andere schalten die biologische Uhr ganz auf stumm, um sich nach ihrem eigenen mentalen und emotionalen Kompass zu richten. Sie können die Erfüllung bei einem Partner finden, zweifellos, aber wenn diese Beziehung in die Brüche geht, sind sie dazu in der Lage, ihren Weg weiterzugehen. Denn sie sind für sich selbst verantwortlich, sie fürchten die Einsamkeit nicht. Es ist eine erneute Begegnung mit sich selbst, und diese hat immer heilende Kräfte und beruhigt.

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Frau: Weder unterwürfig noch fromm, ich mag dich frei, wild und schön
„Frau: Weder unterwürfig noch fromm, ich mag dich frei, wild und schön“,
ist ein Spruch, den ich mal auf einer Wand geschrieben… >>> Mehr

Du bist nicht allein in der Einsamkeit, du bist umgeben vom Leben

Wenn wir einen alleinstehenden Freund oder eine alleinstehende Freundin haben, versuchen wir häufig, eine Möglichkeit zu finden, damit dieser Mensch jemanden kennenlernt. Wir sagen dieser Person, dass es nicht gut sei, allein zu sein, dass es sich immer lohne, sich zu verlieben, und dass das Leben viel schöner sei, wenn man den Weg des Lebens mit jemandem Hand in Hand gehe.

„Die Einsamkeit macht manchmal süchtig. Wenn du dir darüber bewusst wirst, wie viel Frieden in ihr steckt, willst du dich nicht länger mit Menschen umgeben.“

Carl Gustav Jung

Es ist also durchaus möglich, dass uns diese Freundin sagt: „Ich bin allein und es geht mir gut damit“,  und dass ein Freund daraufhin erwidert: „Jetzt will sie nichts mehr von der Liebe wissen.“  Einige werden es verstehen und die meisten werden darüber erstaunt sein, weil die Einsamkeit im Allgemeinen nicht als etwas gesehen wird, womit man gut zurechtkommt, womit man sich gut fühlt.
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Wenn wir einen Moment lang darüber nachdenken, wird uns eines klar: In Wirklichkeit sind wir nie allein, weil uns das Leben umgibt. Zudem haben die meisten von uns ihre eigene Gruppe von Weggefährten, der sie angehören – Familie, Freunde, Kollegen, etc. Ein Partner rettet uns nicht immer vor der Einsamkeit und das ist auch nicht seine Aufgabe. Manchmal bringt uns dieser sogar zum ersten Mal dem dunklen Abgrund der emotionalen Einsamkeit näher.

Niemand ist allein, wenn er lernt, sich selbst zu lieben. Denn wir alle leben in unserem Verstand, weil denken, träumen, nachdenken und fühlen alles andere als ein Solo-Act ist. Wir sind Tänzer in unserer eigenen inneren Welt. Wir sind Heiler unserer Wunden, Künstler, die um Vergebung bitten und Architekten unseres Schicksals.

Also versteh mich nicht falsch, ich bin nicht allein, weil mich das Leben und meine Hoffnung begleiten. Ich habe aufgehört, Angst vor der Angst zu haben, ich bin ein zufriedener Mieter meines Inneren und sehe der Zukunft furchtlos entgegen und ich weiß, wie ich meine Gegenwart in vollen Zügen genießen kann.

Wir sollten alle in der Lage sein, uns gelegentlich an diesen frei gewählten Momenten der Einsamkeit zu erfreuen, wenn Stille und innerer Frieden die Früchte der Seele reifen lassen.