Narzissmus: Werden Narzissten geboren oder gemacht?

17 Juni, 2020
Jüngste Studien deuten auf einen Anstieg der Zahl narzisstischer Menschen hin. Die Auswirkungen des Verhaltens dieser Menschen sind in der Regel sehr schädlich. Doch woher kommt der Narzissmus? Werden Narzissten so geboren oder ist es ein Ergebnis ihrer Erziehung?
 

Werden Narzissten geboren oder gemacht? Dies ist eine Frage, die sich viele Menschen stellen, angesichts der Auswirkungen, die der Narzissmus eines Menschen auf sein Umfeld hat. Technisch schätzen Psychologen, dass nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen betroffen ist.

Wahrscheinlich hast du die Eigenschaften, die das narzisstische Profil charakterisieren, bereits selbst aus erster Hand erlebt. Dazu zählen zum Beispiel:

  • ein Hauch von Überlegenheit
  • Manipulation
  • ein geringes Einfühlungsvermögen
  • arrogantem Verhalten
  • ein Bedürfnis nach Bewunderung

Vielleicht war der Narzisst in deinem Leben dein Chef, ein Freund oder sogar dein Partner. Der Umgang mit einem Narzissten kann sehr schädlich sein. Um diese Menschen und ihr Verhalten zu überleben und dann weiterzumachen, nachdem man sich von ihnen distanziert hat, muss man oft viele Schmerzen heilen.

Dr. Theodore Millon, ein Pionier auf dem Forschungsgebiet der Persönlichkeit, sagte voraus, dass das narzisstische Verhalten in der Gesellschaft im Laufe der Zeit zunehmen würde. Er wies ebenfalls darauf hin, dass einige Arten von Narzissmus schädlicher sind als andere. Prosoziale Narzissten sind diejenigen, die sich am besten an die Außenwelt anpassen. Im Gegensatz dazu sind asoziale Narzissten die arrogantesten und aggressivsten. Sie stellen ein soziales Risiko für andere dar.

 

Warum hat Dr. Millon in seinem Buch Personality Disorders in Modern Life vorausgesagt, dass die Zahl der Narzissten in Zukunft zunehmen wird? Basierte seine Erklärung auf der Genetik oder glaubte er, dass die Umgebung der Menschen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung ihres Verhaltens spielt? Lies im Folgenden weiter, um mehr darüber zu erfahren.

Narzissten werden gemacht, nicht geboren

Werden Narzissten geboren oder gemacht?

Die Wissenschaft scheint eine klare Antwort auf diese Frage zu haben: Narzissten werden gemacht. Vor Jahrzehnten begannen Forscher zu vermuten, dass die Erziehung von Kindern und ihre sozialen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle für die narzisstische Persönlichkeit spielten. Im Laufe der Zeit scheinen wir jedoch die Dynamik, sowie die Situationen und Umstände, die sie definieren, besser in den Griff bekommen zu haben.

 

Zunächst kamen Psychologen im 20. Jahrhundert auf die Idee, dass Kinder, die keine sichere und enge Bindung zu ihren Eltern hatten, dazu neigten, narzisstische Eigenschaften zu entwickeln. Die Psychoanalyse ließ uns glauben, dass Menschen, die in ihrer Kindheit keine Liebe und Zuneigung empfingen, nach Bestätigung, Aufmerksamkeit, Zuneigung und Bewunderung von außen suchen.

Dr. Eddie Brummelman und sein Team an der Universität Utrecht führten jedoch eine Studie durch, die sehr unterschiedliche Ergebnisse lieferte. Ein Mangel an elterlicher Zuneigung führt nicht zu narzisstischem Verhalten. Stattdessen ist das Gegenteil der Fall. Eltern, die ihre Kinder übermäßig beschützen, verwöhnen und keine angemessenen Grenzen setzen, leiten ihre Kinder auf den Pfad des Narzissmus. Infolgedessen glauben diese Kinder, dass sie über anderen Menschen stehen.

Diese Art der Erziehung stellt Kinder auf ein Podest und lässt sie glauben, dass sie Sonderrechte haben und privilegiert sind. Die Studie hat ebenfalls gezeigt, dass es möglich ist, das narzisstische Verhalten bei Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren zu messen und zu beobachten. Dies ist der Zeitpunkt, an dem sich das Selbstbewusstsein der Kinder zeigt und sie beginnen, sich als etwas Besonderes zu betrachten und mehr als alle anderen zu verdienen.

 

Die Gefahr einer Überbewertung durch die Eltern

Die meisten Menschen glauben, dass Narzissten das Produkt ihrer Umwelt sind. Infolgedessen ist es etwas umstritten, die gesamte Verantwortung auf die Eltern zu übertragen.

  • Stimmt etwas nicht, wenn Kinder sich geliebt und besonders fühlen? Die Antwort ist nein. In der Tat ist die Erziehung von Kindern mit Liebe, positiver Verstärkung und Zuneigung entscheidend für ihr Wohlbefinden.
  • Das Problem liegt in der Überbewertung. Wenn Eltern ihre Kinder glauben lassen, dass sie besser sind als alle anderen und dass sie mehr verdienen als andere Menschen.
  • Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist, dass die Eltern manchmal selbst narzisstische Verhaltensmuster haben. In diesem Fall ahmen Kinder ihre Eltern nach, verinnerlichen das, was sie sehen, und machen es sich zum Guten oder Schlechten.
Die Gefahr einer Überbewertung durch die Eltern
 

Narzissmus in der Gesellschaft

Die Psychologen Jean M. Twenge und W. Keith Campbell haben ein sehr interessantes Buch mit dem Titel The Narcissism Epidemic: Living in the Age of Entitlement geschrieben. Darin weisen sie darauf hin, dass ein Spektrum an unterschiedlichen Ausprägungen des Narzissmus gibt. Manche Menschen weisen verschiedene narzisstische Merkmale auf, während andere  wiederum an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden (1 % der Bevölkerung).

Es ist wichtig zu verstehen, dass sich nicht nur das familiäre Umfeld auf die Kinder auswirkt. Denn auch die Gesellschaft beeinflusst und formt sie. Darüber hinaus haben wir in den letzten Jahren alle den Anstieg der Selbstanbetung und das ständige Bedürfnis nach „Likes“ erlebt, um das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken. Die sozialen Medien sind ein fruchtbarer Boden, um mit alarmierender Geschwindigkeit neue Narzissten zu schaffen.

Es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern, dass Narzissten keine glücklichen Menschen sind. Sie lassen nicht nur andere leiden, sondern sind im Allgemeinen selbst unzufrieden. Sie kämpfen ständig mit ihrer eigenen Frustration.

 

Zusammenfassend lautet die Antwort auf die Frage, die wir am Anfang des Artikels gestellt haben, dass Narzissten gemacht und nicht geboren werden. Folglich liegt es in der Verantwortung aller, neue Generationen mit mehr Empathie, Respekt und Altruismus zu erziehen.