Müde vor Mitgefühl: die zermürbende Arbeit von Pflegekräften

23. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Mitgefühlserschöpfung - Erschöpfte Frau fasst sich an den Kopf

Manchmal schaffen es Pflegekräfte nicht, die Situation ihrer Patienten zu verbessern. Dies erzeugt in ihnen eine Form von posttraumatischem Stress. Sie sind müde vor lauter Mitgefühl. Man spricht auch von einer Mitgefühlserschöpfung, von einem Zustand, hervorgerufen durch einen erheblichen Verbrauch an Energie. Dieser wiederum rührt aus der Betreuung, die Pflegekräfte anbieten, sowie deren Mitgefühl, das sie für ihre Patienten haben, her.

Pflegekräfte sind einer enormen emotionalen Belastung ausgesetzt. Täglich sind sie umgeben von Personen, die auf ganz unterschiedliche Weise leiden. Im Laufe der Zeit können sie ihren Schmerz und ihr Unwohlsein oft auch selbst spüren.

Empathie als Auslöser von Stress

Wenn eine Person fast jeden Tag der Woche zur Dialyse geht, entsteht zwangsläufig eine emotionale Bindung zwischen dem Arzt und dem Patienten. Vielleicht kommen sie nicht dazu, eine persönliche Beziehung zu pflegen, aber dennoch sehen sie sich täglich. Sie teilen ihre Hoffnung auf Verbesserung miteinander. Diese bloße Tatsache erzeugt eine freundschaftliche Verpflichtung.

In diesen Fällen ist es entscheidend, zu wissen, wie man sich als Pfleger in den Patienten hineinversetzt. Das Verständnis für seine Bedürfnisse und Gefühle stärkt die geschaffene Bindung, erhöht die Qualität der Behandlung. Gleichzeitig erhöht sie jedoch die Anfälligkeit der Pflegekräfte: Empathie kann dem Helfenden einen Strich durch die Rechnung machen, wenn sie zum Auslöser von Stress wird. In der Tat ist sie der Verursacher der Mitgefühlserschöpfung. 

Anzeichen für eine Mitgefühlserschöpfung beim Pflegepersonal

Der Begriff „Mitgefühlserschöpfung“ wurde 1995 durch Charles Figley, Direktor des Instituts für Traumatologie an der Tulane University in New Orleans (Louisiana, USA) geprägt. Arbeiten Pflegekräfte mit traumatisierten Menschen, können sich die Folgen des Traumas mittelfristig auch auf sie auswirken, stellte Figley fest.

Dieser Begriff ist also noch relativ neu. Die Strukturen im Gehirn, die ihm zugrunde liegen, sind jedoch unvergänglich und stehen im Zusammenhang mit der Empathie und der Nachahmung von Verhaltensweisen. Sie sind dafür verantwortlich, dass sich jemand in die Gefühlslage einer anderen Person hineinversetzen kann. Wenn diese Empfindungen darüber hinaus einen tiefen Schmerz und ungeheures Leid umfassen, wird die empathische Fähigkeit verstärkt. Und die Mitgefühlserschöpfung wird wahrscheinlicher. Dabei gilt, je mehr Empathie gezeigt wird, desto größer ist das Risiko, das dieses Leiden zutage tritt.

Anzeichen für eine Mitgefühlserschöpfung

Eine Mitgefühlserschöpfung entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Prozesse. Wie wir bereits gesehen haben, entwickelt sie sich aufgrund eines emotionalen Leidens. Dieses wird durch einen kontinuierlichen und intensiven Kontakt zu einem Patienten verlängert. Aber welche Anzeichen und Symptome können auf eine Mitgefühlserschöpfung hindeuten?

  • Kognitiv: Gedächtnisprobleme, Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, wiederkehrende negative Gedanken und Flashbacks.
  • Emotional: Traurigkeit oder Wut, intensive Gefühle von Angst, generelle Verzweiflung oder Verlust von Freude und dem Gefühl von Glück.
  • Körperlich: Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel, Bluthochdruck, Schmerzen, Muskelverspannungen, Schwierigkeiten beim Einschlafen.
  • Auch auf der Arbeit lassen sich einige Anzeichen für eine Mitgefühlserschöpfung erkennen, zum Beispiel in geringer Motivation, Unverständnis, dem Gefühl, unqualifiziert zu sein, oder der Distanzierung vom Team.

Mitgefühlserschöpfung bei einem Pfleger

Die Beziehung zu posttraumatischem Stress

Wie wir sehen können, ist die Mitgefühlserschöpfung durch bestimmte Symptome gekennzeichnet, die für eine Posttraumatische Belastungsstörung charakteristisch sind. Bevor wir diese Verbindung jedoch erklären, möchten wir zunächst einmal sehen, was eine Posttraumatische Belastungsstörung eigentlich ist.

Die Posttraumatische Belastungsstörung wird durch ein sehr belastendes, traumatisches Ereignis verursacht, das eine Bedrohung oder einen extremen physischen Schaden für die betroffene Person darstellt. Der Körper reagiert mit Stress, um sich auf diese Weise der Umgebung anzupassen. Eine Störung dieser Adaption kann in jedem Alter und auch erst deutlich nach einem bestimmten Ereignis manifest werden. Auf der anderen Seite erscheint die Mitgefühlserschöpfung abrupt und heftig. Darüber hinaus gibt es in diesem speziellen Fall mehrere Auslöser, die bei den Pflegekräften zu Stress führen können. Es sind die Präsenz, das emotionale Engagement und die therapeutische Beziehung, die sie zu ihren Patienten pflegen.

Nun zu den gemeinsamen Symptomen:

  • Das Wiedererleben: Wenn der Konflikt nicht gelöst wird, kann ein Fachmann das traumatische Erlebnis „wiedererleben“ oder sich den Patienten daran erinnern lassen. Dies geschieht sowohl in Form von Flashbacks als auch in Form von einem erneuten Durchleben der Erfahrung. Das ist deshalb eine besonders schwierige Situation, weil der Stress nicht durch erkennbar zu viel Arbeit ausgelöst wird, sondern durch die emotionale Verpflichtung der Pfleger ihren Patienten gegenüber.
  • Vermeidung und psychisches Abstumpfen: Die Person bemüht sich, alles, was sie mit dem traumatischen Erlebnis verbindet, zu vergessen. Sie neigt dazu, relevante Aspekte zu verdrängen. Sie stumpft ab und verliert das Interesse an vielen Aktivitäten, die sie zuvor gern ausgeübt hat. Sie distanzieren sich, auf körperliche und emotionale Weise, von ihren Patienten und den Personen, die sie umgeben. Ihr Freundeskreis kann daran Schaden nehmen.
  • Hyperaktivität und ein hohes Erregungsiveau: Betroffene sind dauerhaft wach und angespannt. Das heißt, dass sie bereit sind, auf jedes Ereignis gereizt und aufregt zu reagieren.

Meeting von Pflegekräften

Was man bei einer Mitgefühlserschöpfung tun kann

Zu wissen, was eine Mitgefühlserschöpfung ist, macht uns die möglichen Folgen eines emotional instabilen Zustandes bei Pflegekräften bewusst. Dieser kann durch die Behandlung und Fürsorge von Patienten hervorgerufen werden. Wir haben einige Vorschläge, wie eine solche Situation zu bewältigen ist:

  • Pflegekräfte sollten Zeit für sich allein haben, um Situationen aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. 
  • Auf diese Weise können sie ihre Stärken erkennen und so dem Schmerz und dem Leid anderer Personen begegnen.
  • Sie sollten genügend Ruhezeiten haben, ausreichend schlafen und sich ausgewogen ernähren.
  • Entspannungsübungen können ebenfalls helfen.
  • Meinungen sollten mit den Arbeitskollegen geteilt werden und wenn nötig, sollte psychologische Unterstützung angeboten werden.

Wie wir sehen, sind die Nebenwirkungen einer Situation mit einer hohen emotionalen Belastung sehr umfassen. Vor allem Fachleute sind von dieser speziellen Situation betroffen. Und das, obwohl sie wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten müssen. Ihre Gesundheit sollte deshalb immer Priorität haben. Denn schließlich ist ausgeglichenes Pflegepersonal die Voraussetzung für eine qualifizierte Behandlung anderer Menschen.

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