Masochistische Persönlichkeitsstörung

· 27. November 2018

Die masochistische Persönlichkeitsstörung wurde im Jahr 1987 als eine neue Kategorie der Persönlichkeitsstörung vorgeschlagen, die in das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-III-R) aufgenommen werden sollte. Nach langen Beratungen der Arbeitsgruppe wurde schließlich der Name dieser Störung geändert. So wurde sie in „selbstzerstörerische Persönlichkeitsstörung“ umbenannt. Dies geschah, um eine Verbindung mit den psychoanalytischen Konzepten des weiblichen Masochismus zu vermeiden. Zudem wurde sie der Kategorie „Vorgeschlagene Konzepte, die weitere Studien erfordern“ zugeordnet.

Im Jahr 1994 wurde die masochistische Persönlichkeitsstörung aufgrund sozialer und politischer Zwänge völlig aus dem Handbuch gestrichen. Das hat dazu geführt, dass die Forschung, welche Licht auf diese Krankheit werfen sollte, reduziert wurde, was ein großer Nachteil für die vielen Menschen, die unter diesem Problem leiden, ist.

Das Konzept des Masochismus hat seinen Ursprung in den Beschreibungen, die im 19. Jahrhundert von Krafft-Ebing durchgeführt wurden. Dieser Autor beschrieb das Verhalten bestimmter Menschen, die sexuelle Befriedigung suchten, indem sie sich physischem Schmerz unterwarfen, der von einem dominanten Partner beigefügt wurde. Anschließend beschrieben Freud und andere Psychoanalytiker ein Muster von unterwürfigem, jedoch nicht-sexuellem Verhalten, den mentalen Masochismus.

Der selbstzerstörerische Persönlichkeitsstil

Menschen mit dieser Persönlichkeitsstörung stellen die Bedürfnisse anderer vor ihre eigenen. Das heißt, sie messen ihren Bedürfnissen weniger Bedeutung bei als denen anderer Personen. Was ihrem Leben einen Sinn gibt, ist es, sich anderen hinzugeben; das kann sogar so weit gehen, dass sie auf alles Persönliche verzichten, um etwas für jemand anderen zu tun. Sie suchen dabei keine Befriedigung.  Es freut sie einfach, ihre Bemühungen dahingehend zu lenken, das Leben eines anderen zu verbessern.

Die Autoren Oldham und Morris schlugen dazu eine Reihe von Merkmalen vor, die solchermaßen masochistische Personen definieren. Sehen wir uns diese Merkmale nun an.

Frau, die einen Mann mit geschlossenen Augen umarmt

Die wesentlichen Züge einer masochistischen Persönlichkeitsstörung beziehen sich auf pathologische Muster selbstzerstörerischen Verhaltens. Darüber hinaus gibt es weitere Merkmale, die solche Menschen kennzeichnen:

  • Sie sind Menschen, die auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen. Sie versuchen, andere zufriedenzustellen, ohne dass diese nach etwas fragen müssten. 
  • Sie geben sich große Mühe, anderen zu dienen. Sie sind grundsätzlich sehr rücksichtsvoll im Umgang mit anderen.
  • Sie sind tolerant gegenüber anderen und sie würden niemals jemanden mit Grausamkeit kritisieren oder zurechtweisen.
  • Sie verhalten sich ethisch, ehrlich und vertrauenswürdig.
  • Sie sind naive, unschuldige und leidende Menschen.
  • Sie sind weder wettbewerbsfähig noch ehrgeizig.
  • Sie sind weder ironisch noch pedantisch.
  • Es gefällt ihnen nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.
  • Sie sind sehr geduldig und besitzen eine große Toleranz gegenüber dem Unwohlsein.
  • Sie vermuten nicht, dass die Menschen, denen sie sich unterwerfen, irgendwelche Hintergedanken haben könnten.

Diese Menschen mögen angenehme Erfahrungen vermeiden oder verhalten sich diesen gegenüber abwertend. Sie lassen sich oft in Situationen oder Beziehungen hineinziehen, unter denen sie leiden und hindern andere daran, ihnen zu helfen.

Diagnostische Kriterien der masochistischen Persönlichkeitsstörung

Die masochistische Persönlichkeitsstörung zeichnet sich nach dem DSM-III-R durch folgende Kriterien aus:

A) Ein verallgemeinertes Muster des selbstzerstörerischen Verhaltens, das im frühen Erwachsenenalter beginnt und in einer Vielzahl von Kontexten präsent ist. Die betroffene Person mag angenehme Erfahrungen vermeiden oder unterminieren, sich von Situationen oder Beziehungen angezogen fühlen, in denen sie leiden muss, und andere daran hindern, ihr zu helfen; dies wird in mindestens fünf der folgenden Punkte offensichtlich:

  1. Die Person wählt Menschen und Situationen aus, die zur Enttäuschung, zum Versagen oder zum Missbrauch führen, auch wenn es andere, bessere Optionen gibt.
  2. Die Versuche anderer, ihr zu helfen, werden abgelehnt oder wirkungslos gemacht.
  3. Sie ist desinteressiert oder lehnt Menschen ab, die sie gut behandeln.
  4. Jene Personen neigen dazu, sich über die Reaktionen anderer aufzuregen oder diese abzulehnen und fühlen sich dann verletzt oder gedemütigt. Zum Beispiel macht sich ein Betroffener in der Öffentlichkeit über seinen Partner lustig, provoziert dadurch eine wütende Antwort seines Gegenübers und fühlt sich wegen dieser schließlich am Boden zerstört.
  5. Nach positiven Erlebnissen (wie zum Beispiel einer erreichten Leistung) reagieren Betroffene mit Depressionen, Schuld oder einem Verhalten, das ihnen Schmerzen zufügt.
  6. Die Person verweigert Gelegenheiten, die dem Vergnügen dienen, oder weigert sich, anzuerkennen, dass sie Spaß hat, auch wenn sie diese sozialen Fähigkeiten – sich zu vergnügen und zu genießen – hat.
  7. Die Person schafft es nicht, wichtige Aufgaben zum Erreichen persönlicher Ziele zu erledigen, obwohl sie die Fähigkeiten dazu bereits demonstriert hat. Zum Beispiel hilft sie ihren Kollegen dabei, ihre Aufsätze zu schreiben, schafft es aber nicht, ihren eigenen zu verfassen.
  8. Diese Menschen opfern sich auf, obwohl ihre Umwelt dies gar nicht von ihnen fordert.

B) Die Verhaltensweisen, die in Punkt A beschrieben wurden, treten nicht ausschließlich als Reaktion auf körperlichen, sexuellen oder psychischen Missbrauch auf.

C) Die in Punkt A beschriebenen Verhaltensweisen treten nicht nur auf, wenn die Person depressiv ist.

Trauriger Mann

Wie wir sehen können, haben Menschen, die an einer masochistischen Persönlichkeitsstörung leiden, eine seltsame Tendenz dazu, sich selbst zu schaden, sowie Rückschläge und Frustration anzusammeln. Der Eingriff, der dieses Problem erfordert, ist nicht einfach: Der Widerstand gegen die Behandlung, welche notwendig ist, um sich nicht länger den Bedürfnissen der anderen unterzuordnen, ist zusammen mit den defätistischen Schemata ein Grund dafür, dass die psychologische Intervention meist Zeit braucht, um Fortschritte zu bringen.

Notiz am Rande: In diesem Artikel wurde das Wort Störung verwendet, um das Schreiben zu erleichtern. Die Wahrheit ist, dass die masochistische Persönlichkeitsstörung als Entität umstritten ist, so dass wir, wenn man es ganz genau nimmt, mehr über ein Problem sprechen müssten als über eine Störung selbst.