Marsha Linehan: Von der Patientin zur Psychologin und der Überwindung von Borderline

17. August 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Marsha Linehan

Marsha Linehan ist Psychologin, Professorin, US-amerikanische Autorin und Schöpferin der verhaltensdialektischen Therapie. Die Dialektisch-Behaviorale Therapie ist ein Behandlungsmodell, welches für Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) entwickelt wurde. Linehans Therapie kombiniert verschiedene verhaltenstherapeutische Techniken mit Prinzipien aus dem Zen und der dialektischen Philosophie, wie der Akzeptanz der Realität.

Trotz allem trägt Linehan immer noch das Stigma ihrer eigenen Vergangenheit mit BPS mit sich herum. Die Brandspuren und Narben von Schnittwunden an ihren Armen zeugen von ihrer Geschichte. Als sie jünger war, war Linehan eine Patientin mit einer düsteren Prognose. Sie war 26 Monate im Krankenhaus. Wenn sie heute über diese Erfahrung spricht, sagt sie: „Ich war in der Hölle.“

Das chronische Gefühl der Leere, emotionale Instabilität und die Notwendigkeit, anderen ständig zu gefallen, ist ein wahrer Albtraum für diejenigen, die an BPS leiden. Ihr Selbstbild hängt ständig davon ab, wie andere sie wahrnehmen. Sie erleben eine intensive Angst vor dem Verlassenwerden, und diese Angst kann letztendlich dazu führen, dass Menschen sie genau aus diesem Grund verlassen.

Marsha Linehans schmerzhaftes Leben mit BPS

Linehan wusste, dass Patienten mit BPS eine niedrige Heilungschance haben und deshalb verbrachte sie zwei Jahrzehnte mit der verzweifelten Suche nach einem Spezialisten, um eine hilfreiche Behandlung zu bekommen. Linehan unternahm indessen mehr als einen Selbstmordversuch. Jeder Versuch endete in einem neuen Krankenhausaufenthalt. Trotz allem wollte Linehan sich erholen. Sie beharrte auf ihrem Kampf gegen BPS und fand eine Anstellung als Angestellte bei einer Versicherungsgesellschaft. Während dieser Zeit nahm sie auch Unterricht am College.

Frau mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, halbtransparent dargestellt

Linehan war sehr religiös und besuchte häufig eine Kapelle. In Bezug auf einen dieser Besuche erinnert sich Linehan an Folgendes: „Eines Nachts kniete ich dort, das Kreuz betrachtend, und der ganze Ort war in goldenes Licht getaucht. Plötzlich fühlte ich, dass etwas auf mich zukam. Ich rannte nach Hause, in mein Zimmer, und zum ersten Mal sprach ich in der ersten Person zu mir selbst: Ich liebe mich selbst. Seit diesem Tag fühlte ich mich wie verwandelt.

Ein Jahr lang arbeitete sie an ihren depressiven Gedanken. Während dieser Zeit lernte sie, ihre emotionalen Unruhen zu verstehen und zu akzeptieren. Sie lernte, mit ihren Gefühlen umzugehen, weil sie sich nun selbst besser kannte. Linehan setzte auch ihr Studium fort. 1971 promovierte sie in Psychologie, an der Loyola University in Chicago (Illinois, USA), was wesentlich zu ihrem Verständnis der Erkrankung beitrug.

Was Linehans Leben letztendlich zurück in die Bahn lenkte, war, dass sie sich selbst so akzeptierte, wie sie nun einmal war. Diese Akzeptanz wurde immer wichtiger, als sie anfing, mit Patienten zu arbeiten, zuerst in einer Klinik mit suizidalen Menschen und dann in der Forschung.

Ihr Behandlungsansatz

Linehan wollte die Menschen davon überzeugen, dass die Therapie den Patienten neue Verhaltensweisen ermöglichen kann. Dass sie ihnen beibringen kann, anders zu handeln. Das Problem, mit dem sich Linehan zunächst konfrontiert sah, war, dass selbstmordgefährdete Menschen bei ihren anfänglichen Versuchen, die Störung zu überwinden, in der Regel „gescheitert“ waren. Linehans Ansatz erzwingt eine neue Argumentation: Das Verhalten dieser Menschen ist angesichts ihres Leidens absolut logisch.

Sie betont dabei zwei Ideen:

  • Das Leben annehmen, wie es ist, und nicht, wie es sein soll
  • Die Notwendigkeit, die Realität zu ändern und zu akzeptieren

Später testete Linehan ihre Theorie in der realen Welt. Sie sagte: „Ich habe beschlossen, Menschen mit suizidalen Tendenzen zu helfen, weil es ihnen so elend geht. Sie sind davon überzeugt, dass sie schlecht wären. Doch mir wurde klar, dass sie es nicht waren. Ich habe ihre Gefühle verstanden, da ich durch die Hölle des Leidens gegangen bin, ohne die Hoffnung, sie wieder zu verlassen.“

Linehan entschied sich für die Behandlung von Menschen mit BPS, die sich durch gefährliches Verhalten hervortaten, einschließlich der Selbstverletzung und des versuchten Suizids. Sie schließt dafür einen „Vertrag“ mit den Betroffenen: Darin verpflichten sich die Patienten, die Therapie bis zum Ende durchzuhalten, um die Möglichkeit zum Leben zu haben.

Linehan als akademische Persönlichkeit

Dr. Marsha Linehans Karriereleiter führte sie an die University of Washington (Washington, USA). In den 1980er und 1990er Jahren führte sie Studien durch, die den Fortschritt von ungefähr 100 Suizidpatienten mit BPS dokumentierten. Diese Patienten unterzogen sich in wöchentlichen Sitzungen der dialektischen Verhaltenstherapie. Im Vergleich zu anderen Therapien verübten diese Patienten weniger Suizidversuche und kehrten weniger häufig in Krankenhäuser zurück.

Das grundlegende Ziel der dialektischen Verhaltenstherapie besteht darin, dass der Patient lernt, extreme Emotionen und deren Impulse selbstständig zu regulieren. Dies wiederum verringert die maladaptiven Verhaltensweisen, welche vom Geisteszustand abhängen. Darüber hinaus lernt der Patient, seinen eigenen Erfahrungen, Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen zu vertrauen und diese anzuerkennen.

Eine weinende Frau

Im Gegensatz zu anderen kognitiv-behavioralen Programmen ist die dialektische Verhaltenstherapie eine Intervention, die auf therapeutischen Prinzipien statt auf einem Behandlungshandbuch basiert. Dieses Programm basiert auf einer Abfolge von therapeutischen Zielen, die entsprechend ihrer Dringlichkeit verfolgt werden. Dies ist die in der Einzeltherapie festgelegte Herangehensweise:

  • Suizidales und scheinsuizidales Verhalten ablegen
  • Verhaltensweisen ändern, die den Therapieverlauf beeinträchtigen
  • Verhaltensweisen ablegen, welche die Lebensqualität mindern
  • Entwickeln von Verhaltenskompetenzen, die zum eigenen Wohlbefinden beitragen

Diese Struktur ermöglicht einen flexiblen Ansatz basierend auf den Bedürfnissen jedes einzelnen Patienten. Darüber hinaus ist es beachtenswert, da sie sich auf die erzielte Veränderung als den Schwerpunkt der Maßnahme konzentriert. Die traditionelle kognitive Therapie hingegen konzentriert sich auf das Lösen emotionaler Probleme durch behaviorale und kognitive Veränderungen.

Auf der anderen Seite legt Linehan großen Wert auf Akzeptanz bei der Validierung. Sie glaubt, dass allein schon diese Ideale die meisten Veränderungen bei ihren Patienten schaffen. Dank ihrer Arbeit wurden Tausende von Menschen auf der ganzen Welt gerettet.

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