LATE: Eine neu entdeckte Form von Demenz

06 Mai, 2020
Jeder kennt die Komplexität von Demenz in all ihren Varianten. Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, wurde nun auch noch eine neue Form der Demenz entdeckt: LATE. Hierbei könnte es sich um eine Demenzart handeln, die häufig fälschlicherweise als Alzheimer-Krankheit diagnostiziert wird. Erfahre in unserem heutigen Artikel mehr darüber.

Von der Alzheimer-Krankheit sind momentan mehr als 46 Millionen Menschen betroffen. Daher ist die Demenzforschung im Allgemeinen eine der größten Herausforderungen der modernen Wissenschaft. Obwohl bereits sehr viele Erkenntnisse gewonnen und zahlreiche Fortschritte gelungen sind, gibt es noch immer sehr viele unerforschte Bereiche. Daher ist es auch unvermeidlich, dass Wissenschaftler immer wieder neue Erkrankungen identifizieren. Ein Beispiel hierfür ist eine kürzlich entdeckte neue Form der Demenz: LATE.

Obwohl es bereits einige bekannte Demenz-Arten gibt und die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie sich teilweise miteinander vermischen, haben bestimmte Unregelmäßigkeiten dennoch die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern erregt.

Beispielsweise war bei Alzheimer-Patienten, die über 80 Jahre alt waren, der Rückgang kognitiver Fähigkeiten weitaus höher als erwartet. LATE, die neue Form der Demenz könnte eine Erklärung hierfür liefern.

LATE - Demenz - Mann

LATE-Demenz

Das Akronym LATE bezeichnet eine überwiegend limbische TDP-43-Enzephalopathie (Limbic-predominant Age-related TDP-43 Encephalopathy), die mit dem Alter in Verbindung steht. LATE hängt mit dem TDP-43-Protein zusammen. Dieses Protein war den Wissenschaftlern bereits in Bezug auf seinen Einfluss bei anderen degenerativen Erkrankungen wie der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) oder der frontotemporalen Lobar-Degeneration (FTLD) bekannt.

TDP-43 ist ein Protein, das sich an die RNA und DNA bindet und verschiedene Funktionen bei der Regulierung der Genexpression erfüllt.

Daher manifestiert sich die neue Form der Demenz, die LATE-Demenz, in höherem Lebensalter, insbesondere bei Menschen über 80. Aus diesem Grund nannten die Arbeitsgruppen zur Diagnose der Alzheimer-Erkrankung diese neue Demenz-Art LATE. Sie wollten so auch andere generelle TDP-43-Proteinopathien in der Bezeichnung erfassen. Dazu zählen auch Erkrankungen, die mit kognitiven Beeinträchtigungen einhergehen, wie beispielsweise die Hippocampussklerose und ihre Unterarten.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der TDP-43-Proteinopathie und der reinen progressiven Amnesie, die der Alzheimer-Krankheit sehr ähnlich ist. Diese Tatsache, das mangelnde Wissen und die fehlenden Belege zur Diagnose der Proteinopathie veranlasste einige Wissenschaftler dazu, weitere Forschungen durchzuführen. Sie wollten herausfinden, ob ein großer Prozentsatz der Menschen, die die Diagnose Alzheimer-Krankheit erhalten hatten, tatsächlich an LATE erkrankt waren.

Die TDP-43-Proteinopathie impliziert den Verlust der normalen Immunreaktivität zusammen mit der Übertragung auf das Zellzytoplasma. Darüber hinaus tritt eine abnormale Ansammlung des Proteins auf.

“Ich hasse es, das zu sagen, aber warum ich? Warum habe ich Demenz?”

-Pat Summitt-

Wie kann diese neue Form der Demenz diagnostiziert werden?

Momentan können Wissenschaftler die TDP-43-Veränderungen nur mit einer Gehirnautopsie erkennen. Daher erfolgt die Diagnose bisher auch nur post mortem. Basierend auf diesen Studien und den daraus gewonnenen Erkenntnissen haben die Wissenschaftler ihre Annahmen zur Entwicklung dieser Erkrankung vorgelegt. Vermutlich erfolgt sie in drei Phasen:

  • Proteinopathie in der Amygdala. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Größe und die Form der Amygdala durch LATE verändert. Darüber hinaus stellten sie fest, dass diese strukturellen Veränderungen ein Anzeichen für kognitive Veränderungen sind. Tatsächlich besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen diesen Beobachtungen in den Mandeln und den Veränderungen, die durch LATE hervorgerufen werden. Und dieser ist viel weitreichender als der zwischen Hippocampusatrophie und Alzheimer.
  • Proteinopathie im Hippocampus. Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass die Hippocampusatrophie bei Patienten mit LATE viel größer ist als bei normalen Alzheimer-Patienten. Außerdem ist diese Hippocampusatrophie asymmetrisch. Zudem erfolgt sie offenbar von vorne nach hinten.
  • Proteinopathie im mittleren Frontalgyrus. Dies ist der Bereich des Frontallappens. Daher beeinflusst diese Demenz bereits höhere kognitive Prozesse wie die Aufmerksamkeit und das Lernen.

Neuropsychologische Merkmale

Wie andere Formen der Demenz manifestiert sich auch bei LATE eine Amnesie, die sich verstärken und andere kognitive Bereiche beeinträchtigen kann, die die täglichen Aktivitäten beeinflussen. Dennoch zeigen sich in bestimmten Bereichen etwas andere Muster.

Die wenigen vorliegenden Belege deuten darauf hin, dass LATE-Patienten einen allmählicheren Rückgang im Vergleich zu Alzheimer-Patienten aufweisen. Darüber hinaus nehmen die kognitiven Fähigkeiten bei Patienten mit einer LATE- und Alzheimer-Komorbidität erwartungsgemäß wesentlich schneller ab und die Symptome sind schwerwiegender.

Außerdem leiden Menschen, die an LATE erkrankt sind unter einer deutlicheren Verschlechterung des episodischen Gedächtnisses. Und auch andere Funktionen werden stark beeinträchtigt, insbesondere in fortgeschritteneren Stadien der Erkrankung. Zum Beispiel scheint es, dass Patienten mit einer guten Ausdrucksfähigkeit ein höheres Risiko haben, an LATE zu erkranken. Sie haben meist Schwierigkeiten, sich eine Liste mit Wörtern zu merken.

LATE - Demenz - Frau

LATE-Demenz: Weitere Forschung und Studien sind erforderlich

Allerdings ist es noch zu früh, um neuropsychologische Profile zu erstellen. Bisher gibt es noch keine bildgebenden Instrumente, mit denen die Veränderung der Proteine in vivo (am lebenden Patienten) untersucht werden könnte. Daher müssen wir abwarten, bis zukünftige Forschungen neue Biomarker und Indikatoren sowie motorische, autonome oder neuropsychiatrische Merkmale identifizieren.

  • Nelson, P.T. et al. (2019). Limbic-predominant age-related TDP-43 encephalopathy (LATE): consensus working report. Brain, 142, 1503-1527.