Kollektive Stärke: Die Gefahren der Vernachlässigung von Verantwortlichkeiten

27. Januar 2019

Jeder von uns hat seinen sozialen Kreis, Menschen, mit denen er Arbeit, Interessen und andere Leidenschaften teilt. Das ist wesentlich für unsere persönliche Entwicklung. Die Stärke der Gruppe gibt uns Sicherheit und Kraft und hilft uns, uns selbst gut zu fühlen. Es konditioniert uns aber auch. Wie oft waren wir unsicher über eine Entscheidung, haben uns aber dem sozialen Moment gefügt und uns damit getröstet, dass andere Menschen dieselbe Entscheidung getroffen hätten?

Gruppen und Gruppennormen leiten unsere Gedanken und unser Verhalten. Gruppen helfen uns dabei, Schwierigkeiten zu begegnen, aber sie sind auch Schilde, unter denen wir schlechte Taten verstecken. Zum Problem wird das, wenn wir unser Handeln rechtfertigen, weil „andere es auch tun“.

Kollektive Stärke gibt uns Sicherheit, aber sie schafft auch Bedingungen.

Gruppe und Identität

Von dem Moment an, in dem wir geboren werden, sind wir Teil eines Kollektivs, Teil der Gesellschaft. Wir sind Mitglieder einer Gemeinschaft, die eine große Anzahl von Menschen umfasst. Wenn wir erwachsen werden, identifizieren wir die Gesellschaft nicht länger als unsere Gruppe. Wir fangen dann an, uns selbst als eine eigenständige Person zu verstehen. Deshalb verbringen wir einen großen Teil unserer Jugend – und unseres gesamten Lebens – damit, nach Menschen zu suchen, mit denen wir uns wohlfühlen.

In unserer persönlichen und moralischen Entwicklung bildet das Kollektiv unsere Identität und das ist besonders in der Adoleszenz wichtig. Unsere Eltern hören auf, unsere Führungspersonen zu sein und werden Teil des Hintergrunds. Wir suchen nach anderen Wissensquellen und so werden wir Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten, in der wir unsere Persönlichkeit festigen.

Freunde reden miteinander.

Kollektive Stärke und Entkopplung

Knüpfen wir nun an das an, was wir zuvor gesagt haben, verwandelt sich unsere individuelle Identität in eine kollektive Identität. Wir sehen uns nicht mehr als Individuen mit eigenem Gewissen, sondern als Teil verschiedener Gruppen. Mit anderen Worten, wir verlieren einen Teil unseres Selbstbewusstseins und erlauben uns, im Fluss zu treiben, manchmal geleitet von dem, was andere tun. Das ist ein Ergebnis kollektiver Stärke, aber nicht immer positiv, da wir die Kriterien und die Verantwortung für unser Handeln an andere delegieren. Und es wird zu einem Problem, wenn unsere Handlungen unsozial sind und den Gemeinschaftsnormen widersprechen.

Zur Entkopplung kommt es infolge des Verlustes unseres Selbstbewusstseins, der Vermeidung unserer alleinigen Identität. Die Verantwortung liegt nicht in länger in unserem Handeln als Individuum, sondern beim Kollektiv, zu dem wir gehören. Und zwar bei allen seinen Mitgliedern: „Ich habe mich schlecht benommen, aber alle anderen haben dasselbe getan.“

Unser bewusst unangepasstes Handeln wirkt auf uns weniger anstößig, da wir nicht als Einzelne die Konsequenzen verursachen, sondern andere Personen ebenfalls an ihnen beteiligt sind. Das Phänomen verstärkt sich, wenn wir von anderen geschützt werden. Die physische Anonymität hilft uns, den Zustand der Unsichtbarkeit gegenüber dem Rest der Welt aufrechtzuerhalten. Folglich wird unsere gefühlte Verantwortung noch schwächer und wir fühlen uns nicht schuldig für den Schaden, den wir anrichten. Am Ende weiß ja niemand, wer wir sind.

Die Macht der Situation

Die Macht der Situation ist das erste Prinzip, das Verhaltensänderungen entgegen der individuellen Überzeugungen der Person erklärt. Der Kontext der Situation bestimmt unser Verhalten.

Das Asch-Experiment ist ein perfektes Beispiel dafür. Es bestand darin, eine Gruppe von Menschen einer Prüfung auszusetzen, bei der sie eine Lösung für ein bestimmtes Problem finden mussten. Einige, vorab informierte Teilnehmer bildeten eine Art Untergruppe, während einzelne Außenstehende dies nicht taten. Nach den gegebenen Anweisungen sollte die Untergruppe dem Rest der Probanden eine Lösung liefern, die jedoch nicht zum Problem passte. Ein großer Prozentsatz der Teilnehmer, die nicht zur Untergruppe gehörten, gab diese falsche Antwort wieder, um den zusammengehörenden Personen nicht zu widersprechen.

Ein grünes Streichholz sticht unter vielen roten hervor.

Dies zeigt, dass es uns Menschen ist, was andere von uns halten, und dass wir unser Verhalten an die Wünsche der Gruppe anpassen. Wir handeln nach dem, was wir von unserer Gruppe an Gleichgesinnten erwarten. Im Asch-Experiment Beispiel waren sich viele Teilnehmer sicher, dass die Antwort, die sie gaben, nicht richtig sein könne, aber sie zogen die Akzeptanz durch die Gruppe der Korrektheit vor.

Gruppen sind ein Teil von uns und wir sind ein Teil von ihnen; sie verändern uns und wir beeinflussen sie rückwirkend. Wir teilen Interessen und verbessern unsere Fähigkeiten, uns in Gruppen mit anderen zu verbinden. Der Gruppenzwang allerdings verringert die Wahrnehmung der Konsequenzen der eigenen Handlungen. Die Lehre, die sich daraus ergibt, lautet: Wenn einer untergeht, gehen alle zusammen unter. Nun, vielleicht würde es reichen, wenn einer Alarm schlägt, um die Tragödie zu vermeiden.