Jugendliche mit Mehrfachproblemen

Immer mehr Jugendliche entwickeln psychische Probleme und Konflikte mit ihrem Umfeld. Warum?
Jugendliche mit Mehrfachproblemen
Gorka Jiménez Pajares

Geschrieben und geprüft von dem Psychologen Gorka Jiménez Pajares.

Letzte Aktualisierung: 23. Februar 2023

In der Jugend finden wesentliche Veränderungen statt, die das Leben im Erwachsenenalter bestimmen. Heranwachsende nehmen das Leben oft als stürmisch, dramatisch und unbeständig wahr. Das liegt unter anderem daran, dass es in der westlichen Kultur im Gegensatz zu anderen Kulturen keine Riten, Rituale oder Praktiken gibt, die dem jungen Menschen signalisieren, dass er kein Kind mehr ist, sondern ein vollwertiger Erwachsener (Madruga, 2019). Dass diese Zeit nicht einfach ist, wissen wir alle. Heute betrachten wir jedoch Jugendliche mit Mehrfachproblemen und ihre Eigenschaften.

“Die Adoleszenz ist eine Zeit, in der alles intensiver gelebt wird.”

Edward Zwick

Jugendlicher mit Mehrfachproblemen
Alkohol und Drogen sind vielfach für Probleme in der Jugend verantwortlich.

Ein gefährlicher Cocktail in der Adoleszenz

Heranwachsende erleben viele Schwierigkeiten, die oft mit Körperveränderungen und sozialen Beziehungen zusammenhängen. Außerdem ist ihr Gehirn noch lange nicht ausgereift, und sie neigen dazu, Gefühle intensiver zu erleben. Manche greifen zu Drogen, um mit ihrem kurzfristigen Unbehagen fertig zu werden. Wenn sie das tun, tappen sie oft in eine sehr schmerzhafte Falle.

Der Begriff Mehrfachprobleme bezieht sich darauf, dass diese Jugendlichen zusätzlich zu den charakteristischen Schwierigkeiten weitere Probleme haben. Manche entwickeln psychische Probleme, andere haben mit Drogen zu tun. Allein auf dem europäischen Kontinent sind mehr als zwei Millionen Jugendliche von diesen Problemen betroffen.

Wenn wir uns die Zahlen zur Häufigkeit von psychischen Störungen in entwickelten Ländern ansehen, stellen wir fest, dass etwa 15 % der Menschen zwischen 4 und 17 Jahren eine diagnostizierte psychische Störung haben (Ribas-Siñol, 2015). In diesem Zusammenhang gibt es immer mehr Fälle von Jugendlichen, die mehrere Substanzen konsumieren und andere komorbide klinische Störungen entwickeln. 

“Bis zu 88 % der Jugendlichen, die sich wegen Substanzkonsums in Behandlung begeben, haben gleichzeitig andere Störungen.”

Maria Ribas-Siñol.

Drogen, ein Sprungbrett für andere psychische Störungen

Im Jugendalter wird Drogenmissbrauch immer häufiger. Tatsächlich geben 25 % zu, in den letzten Tagen Drogen konsumiert zu haben. Alkoholische Getränke und Cannabis gehören zu den  häufigsten Substanzen in dieser Bevölkerungsgruppe. Außerdem nimmt der Kokainkonsum exponentiell zu, was Fachleute beunruhigt.

Dieser dramatische Anstieg des Substanzkonsums hat ernste Folgen. So neigen Jugendliche mit Mehrfachproblemen beispielsweise zu Gewalt und kriminellem Verhalten. Ihr Ziel ist oft, sich Geld zu beschaffen, um die Drogen zu bezahlen, die sie nehmen. Infolgedessen fällt es ihnen schwer, sich in die Gesellschaft zu integrieren, und sie haben ernsthafte rechtliche Probleme.

Wenn ein Jugendlicher neben seiner Drogensucht noch eine andere klinische Störung wie eine Depression oder ein Trauma aufweist, spricht man von dualer Pathologie. Diese Art von Störung macht die Intervention komplexer, insbesondere wenn nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern auch rechtliche vorliegen.

“Die duale Pathologie und psychische Erkrankungen sind bei Jugendlichen auf dem Vormarsch und viele Straftaten sind mit Drogenkonsum verbunden.”

Maria Ribas-Siñol.

Welche Störungen treten bei Jugendlichen mit Mehrfachproblemen häufig auf?

Es ist bemerkenswert, dass gesundheitliche Probleme im Jugendalter immer früher beginnen und zahlreicher werden. So wurde festgestellt, dass fast die Hälfte der Jugendlichen mit dualer Pathologie mehr als drei Störungen gleichzeitig aufweist. Obwohl die Daten je nach Art der Studie variieren, wurden einige klinische Entitäten vorgeschlagen, die häufig bei Jugendlichen mit multiplen Problemen auftreten.

Wie man sieht, können sie alle miteinander verbunden sein. Es ist schwer zu sagen, welche von ihnen sich zuerst entwickelt und die anderen verstärkt hat. Deshalb ist beim Umgang mit den Problemen dieser Jugendlichen ein hohes Maß an klinischem Fachwissen erforderlich.

“Die Jugend hat einen lebhaften Charakter und ein schwaches Urteilsvermögen.”

Homer

Verhaltensprobleme

Die häufigste Gruppe von Pathologien in der Jugend sind Verhaltensstörungen. Eine der Erscheinungsformen dieser Störungen ist feindseliges Verhalten, z. B. Stehlen, Lügen oder die Missachtung gesellschaftlich festgelegter Normen.

Laut der American Psychiatric Association (2014) ist ein Merkmal dieser Jugendlichen ihre geringe Fähigkeit, Frustration zu tolerieren. Außerdem sind die Auswirkungen je nach Geschlecht der Jugendlichen unterschiedlich:

  • Mädchen neigen dazu, mehr zu lügen. Sie schwänzen häufiger die Schule und nehmen mehr Drogen als Jungen. Die Aggressionen, die sie begehen, finden im Beziehungskontext statt und sind eher psychologischer als physischer Natur. Zum Beispiel verbales Mobbing.
  • Auf der anderen Seite verüben Jungen mehr körperliche Aggressionen. So neigen sie zu Vandalismus und Schlägereien. Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Diebstahl von Gegenständen sind eher für Jungen charakteristisch und zeigen einen stärkeren Widerstand gegen soziale Normen.

Nach dem von McDonough (Fonseca, 2021) vorgeschlagenen ontogenetischen Modell wäre der Substanzkonsum ein kontextbezogener prädisponierender Faktor für die Entwicklung von Verhaltensstörungen. Ferner könnten andere Elemente wie strafende Erziehung und ein gewalttätiges Umfeld als Erklärungsfaktoren für die duale Pathologie identifiziert werden.

Der Schatten der Depression

Depressionen sind die zweithäufigste klinische Entität bei Jugendlichen mit Mehrfachproblemen. Heute weiß man, dass fast 5 % der Jugendlichen an Depressionen leiden. Tatsächlich ist sie eine der häufigsten Störungen.

Bei Jungen ist die Depression besonders mit Verhaltensstörungen und Drogenkonsum verbunden. Dieser Cocktail erhöht die Wahrscheinlichkeit für Suizid, was der dritthäufigste Faktor für die Sterblichkeit in dieser Bevölkerungsgruppe ist (Ribas-Siñol, 2015).

Die Selbstmedikationshypothese könnte erklären, warum Jugendliche Substanzen wie Kokain konsumieren, um ihre depressive Symptomatik zu lindern. Das wäre eine Erklärung dafür, warum Teenager immer häufiger zu dieser speziellen Substanz greifen.

“Drogen zerstören dein Gedächtnis, deinen Respekt und dein Selbstwertgefühl.”

Kurt Cobain

Traumata: verletzte Seelen

Dies ist eine weitere Störung, die häufig im Zusammenhang mit Jugendlichen mit Mehrfachproblemen beschrieben wird. Traumata entstehen in der Adoleszenz durch andauernde Missbrauchssituationen. So kann Drogenmissbrauch eine Strategie sein, die der Jugendliche entwickelt, um mit einer feindseligen und missbräuchlichen Umgebung zurechtzukommen.

Die APA (2014) erwähnt, dass Drogenmissbrauch und Verhaltensstörungen stark mit Kindheitstraumata verbunden sind. Das gilt insbesondere für die oppositionelle Trotzstörung. Außerdem weist sie darauf hin, dass Drogen ein Weg sein können, um den Umgang mit außerordentlich emotional intensiven Erinnerungen zu vermeiden.

“Wir leben, ohne zu wissen, dass unsere Traumata unser Leben bestimmen.”

Sandra Barneda

Jugendliche mit Mehrfachproblemen
In vielen Fällen sind Verhaltensstörungen bei Jugendlichen die Folge einer schlecht verarbeiteten Traumaerfahrung.

Jugendliche mit Mehrfachproblemen: im Fadenkreuz der Gesundheitssysteme

Wie wir sehen, überschneiden sich oft die klinischen Entitäten, die im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch auftreten. Angesichts der Tatsache, dass wir uns in einem Jahrzehnt befinden, das von wirtschaftlicher Instabilität, einer Pandemie und Krieg geprägt ist, ist es verständlich, dass diese Faktoren das Gefühl der Unsicherheit und Leere, das Jugendliche empfinden, noch verstärken.

In diesem Zusammenhang kommt es immer häufiger vor, dass Jugendliche mit einer umfangreichen Vorgeschichte von Drogenabhängigkeit, Depressionen, Verhaltensproblemen und Traumata in die Sprechstunde kommen. Dieser Anstieg alarmiert zunehmend die Gesundheitssysteme. Präventionsprogramme sind deshalb grundlegend, um den Jugendlichen zu helfen.

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  • Madruga, J. A. G., & Delval, J. (2019). Psicología del desarrollo I. UNED.
  • American Psychiatric Association. (2014). DSM-5. Guía de consulta de los criterios diagnósticos del DSM-5: DSM-5®. Spanish Edition of the Desk Reference to the Diagnostic Criteria From DSM-5® (1.a ed.). Editorial Médica Panamericana.
  • Santo Lema, C. L. (2017). Características de la personalidad y patología dual en adolescentes de la sala de primera acogida del Hospital Provincial General de Latacunga (Bachelor’s thesis, Quito: UCE).
  • Peña-Olvera, F. D. L., & Palacios-Cruz, L. (2011). Trastornos de la conducta disruptiva en la infancia y la adolescencia: diagnóstico y tratamiento. Salud mental, 34(5), 421-427.
  • Pedrero, F. E. (2021). Manual de tratamientos psicológicos: Infancia y adolescencia (Psicología) (1.a ed.). Ediciones Pirámide.

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