Jede Vermutung entfernt uns von der Realität

· 25. April 2016

Ein Kind hatte zwei Äpfel in den Händen. Seine Mutter bat es darum, ihr einen Apfel zu geben.

Schnell biss das Kind erst in den einen, dann in den anderen Apfel. Die Mutter fühlte, wie ihr Lächeln gefror und bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen. Nachdem dies geschehen war, gab ihr das Kind einen Apfel und sagte: “Nimm den, Mama, der ist süßer als der andere!“

Diese kleine Geschichte zeigt sehr deutlich die Folgen, die es haben kann, wenn man vermutet. Das kann sogar dahin führen, dass wir einem Kind böse Absichten unterstellen, das jedoch nur aus Unschuld und gutem Willen seine Absichten auf geradezu rührende Weise umsetzt.

Was wir wahrnehmen, entspricht oftmals nicht der Realität. Unsere Erfahrungen oder unser Wissen nützen sogar oft nichts und sind unwichtig. Wir sollten nicht urteilen und dem anderen immer die Möglichkeit anbieten, sein Handeln erklären zu können.

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Voreilige Schlussfolgerungen verurteilen uns selbst

Über Situationen und das Verhalten von Menschen von vornherein zu urteilen birgt das große Risiko, enttäuscht zu werden. Wahr ist, dass man, wenn man mit konkreten Erwartungen an Lebenssituationen herangeht, immer enttäuscht wird. Aber auf der anderen Seite leben wir von der Hoffnung und können unseren eigenen Erwartungen nicht entrinnen.

In diesem Sinn können voreilige Schlussfolgerungen nicht nur zu einzelnen, isolierten Irrtümern führen, sondern unter Umständen ganze Ketten sich gegenseitig bedingender Katastrophen auslösen. Hier erfüllt sich das Sprichwort „aus einer Mücke einen Elefanten machen“.

Ob man diesen Punkt erreicht, hängt davon ab, wie sehr wir in das Thema involviert sind. Aber vor allem hängt es auch von unserem emotionalen Zustand ab. Oft machen uns unsere Gefühle blind für die schwachen und jeglicher Beweise entbehrenden Grundlagen, auf denen unser Urteil basiert.

Weil wir wissen, dass dies so geschieht, ist es gut, wenn wir uns dann und wann etwas Zeit nehmen, um die Perspektive wiederzugewinnen. Außerdem ist es sinnvoll, verschiedene Quellen zu Rate zu ziehen, denn das hilft uns dabei, mit mehr Gerechtigkeit das, was geschieht, beurteilen zu können.

Der Wert der Entschuldigung

Manchmal sind wir zu stolz, wenn wir uns irren, und ungerecht zu den anderen. Es fällt uns normalerweise schwer, anzuerkennen und zuzugeben, dass unsere Haltung nicht angemessen war und durch unsere Voreingenommenheit und irrige Wahrnehmung hervorgerufen wurde.

Als Folge verlieren wir dann nicht nur Beziehungen, sondern unsere Voreingenommenheit findet dadurch womöglich sogar eine Bestätigung. Das heißt, wenn die Mutter in unserer Geschichte wütend geworden wäre und mit ihrem Kind geschimpft hätte, wäre eine mögliche Reaktion des Kindes gewesen, der Mutter gar keinen Apfel zu geben.

Dafür gibt es offensichtlich mehrere Erklärungen: Das Kind könnte seinerseits wütend geworden sein, es hätte sich verschließen oder wegen des falschen Urteils seiner Mutter sehr traurig sein können. Aber die Realität, die wir wahrnehmen können, ist ganz anders.

Realitaet

Wenn wir schlecht über andere denken und das auch ausdrücken, kann es passieren, dass wir jegliche Möglichkeit der anderen, dazu Stellung zu nehmen und etwas zu erklären, von vornherein blockieren. Aber die erste und wichtigste Folge davon ist nicht, dass wir dadurch unsere eigenen Ideen oder Hypothesen bestätigen, sondern dass diese Situation es uns erschwert, unseren eigenen Irrtum einzusehen und uns zu entschuldigen.

Aber nein, oft sind wir zu stolz und überheblich, um das einzusehen und dann tappen wir in die Falle des Grolls. Wie oft haben wir gedacht, dass wir uns bei jemandem entschuldigen sollten, und haben es dennoch nicht gemacht? Wie oft haben wir von jemand anderem eine Erklärung oder ein Wort der Entschuldigung erwartet, der uns mit seinen Vorurteilen verletzt hat?

Sicherlich denken wir dabei an sehr verschiedene Situationen. Vielleicht haben wir auch wegen unserer eigenen Vorurteile oder der von anderen Personen schon viel verloren. Auf diese Weise erhöht sich der Sieg unseres Stolzes über einen großen Verlust für uns selbst.

In Wahrheit wollen wir uns eine absolute Parallelwelt zu der realen Welt konstruieren, aber das ist vergebliche Liebesmüh. Es ist klar, dass wir bis zu einem bestimmten Punkt selbst entscheiden können, solche Situationen zu vermeiden. Aber dafür müssen wir gerecht sein und vor allem Gutes tun, was immer wünschenswert und bereichernd ist.