Ich bin hochsensibel – und jetzt??

Ein Gastbeitrag von Tanja Mächler. "Finde für dich deine Oase. Einen Ort, an dem du dich jederzeit zurückziehen kannst, zur Ruhe kommst und all die Dinge, die du erlebt hast, verarbeiten kannst."
Ich bin hochsensibel – und jetzt??

Geschrieben von Tanja Mächler

Letzte Aktualisierung: 25. August 2022

Da ist eine Frage, die mich sehr lange beschäftigte. Ich musste über 30 Jahre alt werden, damit ich endlich herausfand, warum ich so bin, ich wie ich bin. Als ich mit dem Begriff hochsensibel konfrontiert wurde, und ich anfing, mich damit auseinanderzusetzen, fiel mir zuerst ein großer Stein vom Herzen. Ich fühlte mich das allererste Mal in meinem Leben verstanden. Dies hielt jedoch nicht lange hin. Kurz darauf setzte mein Verstand ein und gleich kamen wieder Zweifel: Gibt es das wirklich? Ist es denn auch wissenschaftlich belegt? Oder handelt es sich hier um eine neue Modeerscheinung?

Als ich dann intensiv begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und mehrere Bücher dazu las, stolperte ich über ein Buch von Frau Dr. med. Suzann Kirschner-Brouns und Frau Cordula Roemer über die ersten 6 Schritte nach der Erkennung von Hochsensibilität. Dieses Buch war mir persönlich in meinem Prozess sehr hilfreich, jedoch habe ich eine minimale Änderung in der Reihenfolge vorgenommen.

Ich bin hochsensibel – und jetzt??

Die Erkenntnis

Endlich eine Antwort für mein Wesen. Es war ein Gefühl der Achterbahn. Zum einen fühlte ich mich verstanden und war dankbar über diesen Begriff. Und gleichzeitig verspürte ich auch eine Traurigkeit. Denn eigentlich wollte ich doch nur «normal» sein, wie alle anderen Menschen auch. Dieser Prozess dauerte einen Moment. Bis ich dann zur Erkenntnis kam, dass ich nun einmal hochsensibel bin und solange ich dagegen ankämpfe, ich mir selbst das Leben schwer mache.

Denn diese angeborene Charaktereigenschaft kann nicht einfach weggeschüttelt werden!

Bin ich hochsensibel?

Zweifel oder Annahme?

Als ich recherchierte, diverse Tests im Internet durchführte und ein Buch nach dem anderen las, hatte ich zum einen ganz viele Aha-Erlebnisse, jedoch fragte ich mich auch «ist Hochsensibilität gar eine psychische Krankheit?» Oder ist es nur eine Modeerscheinung? Denn mal ganz ehrlich, jeder ist manchmal ein Sensibelchen, nicht?

Lass dir Zeit und gib deinen Bedenken und Zweifel Raum. Wahrscheinlich hast du ein negatives Selbstbild von dir über Jahre manifestiert. Das löst sich nicht auf einmal, nur weil du jetzt eine Erklärung für dein Wesen hast. Denn was jahrelang negativ war, soll jetzt plötzlich positiv sein?

Ja! Wichtig ist, dass du alte Glaubenssätze, die du seit deiner Kindheit mit dir trägst, wie «mit mir stimmt etwas nicht, ich passe nicht in die Welt», loszulassen. Dabei empfehle ich dir alternative Heilmethoden wie Kinesiologie, Energiearbeit oder auch MET-Klopftherapie. Finde selbst heraus, was dir gut tut! Wichtig ist, dass du schlussendlich zu folgenden Erkenntnissen kommst: «Ich bin gut so, wie ich bin! Hochsensibel sein ist eine wundervolle Gabe!»

Sich informieren

Ich habe mehrere Bücher gelesen, habe im Internet recherchiert und habe diverse Tests durchgeführt. Denn ein Test hat mir logischerweise nicht gereicht. Nach dem Dritten, als das Resultat immer gleich war, habe ich es dann geglaubt. Durch die vielen Informationen kam viel Licht in meine Dunkelheit. Auch habe ich eine Masterclass in Österreich darüber gemacht, was mir enorm viel gebracht hat. Und ich habe auf Socialmedia Gruppen gesucht, wo ich mich mit Gleichgesinnten austauschen konnte, was so wertvoll war und immer noch ist.

Suche dir Gleichgesinnte! Denn du wirst feststellen, dass deine Beobachtungen und Erfahrungen nicht «verrückt» sind, sonders dass es anderen genau gleich geht. Das hat mich persönlich sehr beruhigt.

Menschen vertrauen - hochsensible Freundschaft

Das Leben neu betrachten

Nun kommt die Phase der emotionalen Auseinandersetzung mit der Erkenntnis, denn jetzt hat man einen anderen Blickwinkel auf das Leben. In mir sind viele Fragen aufgetaucht. Fragen zu meiner Vergangenheit und über die Zukunft. Jedoch auch Fragen zur Gegenwart. Das Allerwichtigste ist meinerseits das Hier und Jetzt. Was habe ich für ein Umfeld? Wenn ich in einer Partnerschaft bin, wie sieht diese aus? Kann ich mich ganz entfalten und so sein, wie ich bin? Was übe ich für einen Beruf aus? Macht er mich glücklich? Oder arbeite ich nur wegen des Gehalts? Wo blockiere ich mich selbst? Habe ich wirklich nur Menschen um mich, die mir guttun? Oder habe ich Menschen um mich, die mir Energie rauben?

Ob ich wollte oder nicht, es blieb mir nichts anderes übrig, als eine Bestandsaufnahme zu machen. Und zwar für jeden Bereich. Partner, Familie, Freunde und Beruf. Ich war in dieser Zeit verlobt. Ich hatte meinen Mann fürs Leben gefunden. Und doch war es eine Riesenherausforderung und eine Prüfung für unsere Beziehung. Denn plötzlich fing ich an, auf mich zu hören, meine Gefühle klar auszudrücken, mich von gewissen Personen zu distanzieren, weil ich merkte, dass sie mir nicht guttun, und ich fing an, meine emotionalen Ausbrüche nicht mehr hinunterzuschlucken. Ich kündigte meinen Job in der Notfallpflege, ging in die Selbstständigkeit und zum Glück, blieb die Liebe meines Lebens bei mir und unterstützte mich in diesem Prozess. Ich weiß noch ganz genau, als ich meinem Mann dazumal sagte, dass ich mir fremd vorkomme, wenn ich in den Spiegel schaue. Die Antwort von ihm war: »Ich habe eher den Eindruck, dass du langsam du selbst bist.» Und recht hatte er.

Umgang im Alltag

Obwohl ich am Anfang gewisse Dinge nicht ändern wollte, blieb mir schlussendlich nichts anderes übrig. Denn ich wollte ja endlich glücklich sein. Daher musste ich gewisse Menschen ziehen lassen und einen für mich, komplett neuen Weg einschlagen. Doch auch dies war ein langer Prozess, der nicht von heute auf morgen ging. Ebenfalls kam dazu, meine Familie und meine engen Freunde darüber zu informieren. Auch da merkte ich Unterschiede. Die einen befassten sich sofort mit dem Thema und informierten sich. Die anderen nicht, denn sie schauen die Hochsensibilität immer noch als Krankheit an. Von diesen Personen habe ich mich jedoch distanziert.

Ich lege dir sehr ans Herz: Suche Gespräche mit dem Partner/Partnerin, der Familie und den Freunden. Erkläre, dass du hochsensibel bist und was das bedeutet. Denn ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass jetzt eine Akzeptanz da ist, wenn ich z. B. von einem Fest früher nach Hause gehe.

Und ebenfalls sehr wichtig: Finde für dich deine Oase. Einen Ort, an dem du dich jederzeit zurückziehen kannst, zur Ruhe kommst und all die Dinge, die du erlebt hast, verarbeiten kannst.

Sichtbar werden

Zeige dich! Stehe zu dir und zu deiner wundervollen Gabe. Denn es ist ein Geschenk, hochsensibel zu sein. Mache kein Geheimnis mehr aus dieser Charaktereigenschaft. So viele Menschen wissen immer noch nicht, was Hochsensibilität bedeutet und dass sich ca. 20 % der Menschheit damit identifizieren. Lasse sie in deine Welt einblicken, damit sie verstehen, warum du so bist, wie du bist. Schön, dass es DICH gibt!

Tanja Mächler

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