Ich bin der gleiche Mensch wie zuvor, nur stärker

· 22. November 2017

Endlich bin ich wieder der gleich Mensch wie zuvor. Ich liebe das Leben und kann es schmecken, in kleinen Schlückchen, in Umarmungen, alles auf einmal. Ich bin nun nicht mehr die Frau, die sich selbst vergisst und zuerst an alle anderen denkt. Ein Schatten aus zerbrochenen, unerfüllten Träumen und bitteren Enttäuschungen. Nach und nach konnte ich heilen und habe mein altes Ich wiedergefunden.

Zu irgendeinem Zeitpunkt in unserem Leben haben wir alle schon diese Reisen der persönlichen Veränderung unternommen, haben Momente durchlebt, in denen uns bewusst wurde, dass wir uns zu weit von unserem emotionalen Norden entfernt hatten und gleichzeitig weit weg waren von unserem inneren Äquator. Am Ende solcher Reisen steht ein Entschluss und wir verfolgen unsere Spuren zurück, folgen den Fußspuren, die wir im Sand hinterlassen haben, um unsere Integrität und unser Selbstbewusstsein wiederzuerlangen.

„Jeder denkt daran, die Welt zu verändern, aber niemand denkt daran, sich selbst zu verändern.“

Leo Tolstoi

Es findet also ein unbewusster Prozess mit dem Ziel der Wiederherstellung unserer Identität und Werte statt, doch müssen wir uns damit abfinden, dass wir niemals wieder so sein können, wie wir es zuvor waren. Während unserer Reise verändern sich so einige Dinge: Wir betrachten uns stolz im Spiegel, weil wir wissen, dass wir den Dingen, die uns einst verletzt haben, den Rücken gekehrt haben und wir nie wieder die Gleichen sein werden wie zuvor. Wir werden eine verbesserte Version unserer selbst sein.

Das ist natürlich ein Prozess, der Zeit braucht. Auch wenn wir nicht länger an das gebunden sind, was uns Schmerzen bereitete, erlangt niemand in nur wenigen Tagen Glück, Gelassenheit und Wohlbefinden. Wir benötigen dafür Zeit, Willenskraft, Selbstfürsorge und Glauben.

Frau zwischen Kakteen

Ich leide, aber ich habe Angst, mich zu verändern

Das ist ein sehr interessantes Thema. Um ein für alle Mal die Opferrolle zu beenden, muss man wohl oder übel eine Reihe von Schritten gehen, die nicht jeder gehen möchte oder kann. Zunächst einmal müssen wir uns unserer Umstände bewusst werden. Dann müssen wir das Bedürfnis verspüren, eine Veränderung zu bewirken. Schließlich müssen wir an einer sehr komplizierten Sache arbeiten, nämlich an unserer Willenskraft.

Es mag uns überraschen, wie schlicht und einfach diese Schritte auf den ersten Blick erscheinen. Wer wäre nicht bereit, alles zu tun, um sich von Schmerz zu verabschieden und sich besser zu fühlen? Aber erstaunlicherweise gibt es Personen, die diesen Sprung ins kalte Wasser nie wagen, weil ihnen nicht klar ist, dass sie es verdient haben, sich besser zur fühlen und ein schöneres Leben zu haben. In seinem Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen  erklärte Viktor Frankl, dass es Menschen gäbe, die lieber ein Leben lang unglücklich seien, statt etwas anzugehen, das noch viel furchteinflößender sein könnte als ewiges Unglück: Veränderung.

Anna Thorndike MD, die als Internistin im Massachusetts General Hospital (Massachusetts, USA) tätig ist, konnte beispielsweise zeigen, dass nicht jeder Patient, der unter einer Herzgefäßerkrankung leidet, einen gesünderen Lebensstil annimmt, um sein Überleben zu sichern. Außerdem verlassen viele Frauen ihre Partner nicht, obwohl sie unglücklich sind. Das hat meist genau zwei Gründe: Angst vor Veränderung und Angst an sich.

Pärchen sitzt Rücken an Rücken

Bleibe die gleiche Person und fühle dich besser

Um zu bleiben, wer du immer warst, nämlich eine vertrauensvolle Person mit klaren Vorstellungen und Zielen, die das Leben liebt, musst du denjenigen Muskel trainieren, der auf der Tafel im Fitnessstudio nicht eingezeichnet ist: deine Willenskraft.

„Wer seine Meinung nicht ändern kann, der kann gar nichts verändern.“

George Bernard Shaw

Bücher wie Bergauf mit Rückenwind. Willenskraft effizient einsetzen  von Kelly McGonigal erklären, was Wissenschaftler wieder und wieder bewiesen haben: dass es sich bei der Willenskraft keineswegs um etwas handelt, das man entweder hat oder nicht.

Tatsächlich ist Willenskraft eine Ressource, die permanent trainiert oder sogar neu aufgebaut werden muss. Wie jede andere Anstrengung kann uns das erschöpfen und ans Ende unserer Kräfte bringen, uns aber auch in einen ekstatischen Zustand versetzen.

Oft vergessen wir, dass wir immer noch eine Stimme haben, um zu sagen: „Bis hierhin und nicht weiter.“  Wir vergessen, dass wir Ressourcen und die Stärke haben, loszulassen und den ewigen Kreislauf zu verlassen. Wir sollten niemals vergessen, welchen psychischen Preis wir für jene Teile unseres Leben bezahlen, die wir nicht begrüßen und doch nicht verändern.

Frau mit Augenbinde

Bevor wir zum Ende des Artikels kommen, möchten wir auf eine wichtige Sache hinweisen. Eine komplizierte Phase in unserem Leben hinter uns zu lassen bedeutet nicht automatisch Glück. Wir schließen nicht einfach eine Tür und öffnen eine andere. Und auf der anderen Seite erwartet uns nicht immer eine warme und einladende Brise.

Das menschliche Gehirn ist darauf programmiert, sich gegen Veränderung zu wehren. Deshalb benötigt es Zeit, um sich anzupassen. Vor allem muss es neue Denkmuster erlernen und Erfahrungen machen, die neue Ansichten und Perspektiven ermöglichen. Dann kann es auch wieder Ruhe und Wohlbefinden finden.

Lesen, Reisen, Spazierengehen, Tapetenwechsel, der Umgang mit anderen Menschen oder neue Hobbies und Projekte werden dafür sorgen, dass du wieder zu der Person wirst, die du zuvor warst, nur viel stärker und weiser.