Hochsensibilität - von allem etwas mehr

Ein Gastbeitrag von Manuela Therese Schmid (Transaktionsanalytische Beraterin und psychosozialer Coach)
Hochsensibilität - von allem etwas mehr

Geschrieben von Manuela Schmid

Letzte Aktualisierung: 25. November 2022

Der Begriff Hochsensibilität kursiert seit einigen Jahren in den verschiedenen Medienlandschaften und versucht zu erklären, dass es Menschen gibt, die feinfühliger sind als andere. Was steckt dahinter?

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat in den 90er-Jahren mit ihrem Team in einer Studie nachgewiesen, dass es Menschen gibt, die mehr Informationen wahrnehmen und diese intensiver verarbeiten. Heute verwenden Wissenschaftler für dieses Phänomen die Bezeichnung erhöhte Neurosensitivität.

Unabhängig von Geschlecht und ethnischer Herkunft registrieren erhöht neurosensitive Menschen mehr Reize und verarbeiten diese vielschichtig. Dabei handelt es sich um eine genetische Disposition und um ein Persönlichkeitsmerkmal.

Seit geraumer Zeit widmet sich die Wissenschaft verstärkt dem Sensoring Processing Sensitivity (SPS) – zu Deutsch: sensorische Verarbeitungssensitivität. Auch Entwicklungspsychologen forschen emsig am Thema. Sie haben mittlerweile in Studien mit der Magnetresonanztomografie von Gehirnen der Betroffenen und der Gegengruppe eindeutige Unterschiede in der Art der Reizverarbeitung nachgewiesen.

Mann mit Hochsensibilität

Geräuschkulissen, optische Eindrücke, Gerüche, intensiver Geschmack und/oder die Haptik empfinden erhöht Neurosensitive intensiver als gering sensitive Menschen. Nachhaltig stark werden Feinfühlige von den Eindrücken ihres Erlebens berührt. Manchmal gehen mit einer Hochsensitivität auch ein erhöhtes Schmerzempfinden und eine starke Wirkung von Medikamenten und Genussmitteln einher. Erhöht neurosensitive Menschen haben eben von allem etwas mehr.

Wer nun meint: „Mehr mitbekommen ist doch klasse!“, der irrt. Nicht immer wird das Mehr-Wahrnehmen durchgängig vorteilhaft erlebt. Durch den Verarbeitungsprozess müssen Energiereserven angezapft und teils sogar ausgeschöpft werden. Das Ergebnis für Betroffene ist in solchen Momenten: „Rien ne va plus. Nix geht mehr.“ Das Bedürfnis nach Ruhe wird groß. In solchen Situationen bekommen Hochsensitive von anderen dann oft zu hören: „Was du schon wieder hast. Stell‘ dich nicht so an! Du musst dir mal ein dickeres Fell zulegen!“ Leider stellen sich erhöht neurosensitive Menschen dadurch oft selbst infrage und zweifeln an sich als Ganzes. „Ich scheine anders zu sein und nicht der Norm entsprechend.“

Das Nicht-der-Norm-Entsprechen stimmt sogar. Denn dieses Phänomen trifft auf ca. 15 – 20 % der Menschheit zu – der Gauß‘schen Normverteilung nach also tatsächlich nicht in der Norm. Doch wer möchte schon gerne einer Norm entsprechen?

Hochsensitive tun das nicht gerne. Sie schwimmen meist gegen den Strom. Das macht das Leben anregender, zugleich aber auch etwas unbequemer. Gut tut sich, wer glücklicherweise auf Informationen zum Thema Hochsensibilität stößt. Denn der wird schnell durch die Erkenntnis erleichtert, dass es eine nützliche Gabe sein kann und dass es noch mehr Menschen gibt, denen es mit ihrer intensiven Wahrnehmung ähnlich ergeht. Damit entsteht ein wichtiges Gefühl von Zugehörigkeit. Mit dem Eintauchen in das Thema besteht auch die Chance, allmählich zur inneren Heilung zu finden. Einer der wichtigen Schlüssel dabei ist, das fehlende Stück zum Selbstwert zurückzuerobern: „Ich bin hochsensitiv und das ist gut so!“

Mitgefühl mit sich selbst

Mit dieser Selbstakzeptanz ist es für Betroffene ebenso wichtig, auf die eigenen Ressourcen zu achten und Rücksicht auf den erhöhten Energieverbrauch zu nehmen. Dazu gehört auch, sich nicht mit den gering neurosensitiven Menschen zu vergleichen und deren Beat mithalten zu wollen. Deren Energieaufwand im täglichen Leben ist weitaus geringer. Der Nachteil dieser Personengruppe ist, dass ihnen durch das begrenzte Wahrnehmen Problemlösungsmöglichkeiten und damit einhergehend ein erweiterter Handlungsspielraum fehlt. Das steht den hochsensitiven Menschen zur Verfügung. Diese vereint, den Facetten des Lebens sehr selbstreflexiv zu begegnen. Die Welt profitiert durch die Intensiv-Wahrnehmenden. Sie sehen genauer hin, nehmen die Welt mit anderen Augen wahr und nehmen oft die Aufgabe des Verbesserns bzw. Optimierens an.

An dieser Stelle ist es sehr wichtig, zu erwähnen, dass es alle Sensitivitätstypen in dieser Welt braucht: gering bis erhöht Neurosensitive. Wenn sie sinnvolle Synergien bilden, trägt das zu einer gesunden Gesellschaft, Fauna und Flora bei.

Damit erhöht neurosensitive Persönlichkeiten in ihre Stärke kommen, ist für sie Folgendes ratsam: Akzeptiere deine erhöht neurosensitive Persönlichkeit. Nimm dich damit liebevoll an. Widme dich wohlwollend deiner individuellen Hochsensitivität. Erkunde, in welchen Bereichen deines Lebens du die Bedingungen deines Persönlichkeitsmerkmals bereits berücksichtigst und wo du nachjustieren darfst.

Bewege dich viel in der Natur und nutze Achtsamkeitsübungen wie Yoga, Meditation oder Ähnliches. So reduzierst du die Gefahr einer Überstimulation. Gönne dir rechtzeitig kleine Pausen, noch bevor du erschöpft bist. Lerne, die Signale deines Körpers zu verstehen und zu berücksichtigen. Dieser zeigt dir auf, wenn für dich etwas in Schieflage geraten ist.

Wer seine Bedürfnisse nicht berücksichtigt und dadurch dauerhaft überstimuliert ist, wird in seinem Körperempfinden und Wahrnehmung stark eingeschränkt. Dann besteht auch die Gefahr, dass ungünstige Gedanken und Verhaltensweisen auflauern, die das Selbstwertgefühl negativ beeinträchtigen.

Wenn dieser Worst Case passiert, ist die vulnerable Sensitivität aktiviert. Sie ist geprägt vom Gefühl, dass mehr Schattenseiten anstatt Sonnenseiten vorhanden sind. Doch das ist das Trugbild von Überstimulation. Es entsteht, wenn Energiereserven immer und immer wieder aufgebraucht werden oder Traumata als Störfrequenz die natürliche Frequenz des Lebens verfälschen. In diesem Zustand wird bedauerlicherweise leicht übersehen, dass zu jedem Zeitpunkt die Kraft der Selbstwirksamkeit vorhanden ist.

Diese Ressource gilt es zu entdecken und einzusetzen. Sie ist die Autonomie, in Intimität, Flexibilität und Spontanität und ermöglicht, jeder Situation souverän und gelassen zu begegnen. Die innere Macht ist, Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu wollen. Das nennen Experten Vantage-Sensitivität. Mit dieser gelingt es, den Sonnenseiten mehr Aufmerksamkeit zu schenken und auch aufkommende Konflikte sowie Krisen als Chance für die persönliche Entwicklung zu betrachten.

Die Voraussetzung zur Vantage-Sensitivität ist, hinderliche Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu erkennen und weitgehend abzulegen. Dann stehen die kreativen Gaben der Hochsensitivität frei zur Verfügung.

Im Buch „Ich bin hochsensitiv und okay – Mehr Lebensqualität mit Hilfe der Transaktionsanalyse“ sind die leichtverständlichen Konzepte als Analyse- und Denkwerkzeuge speziell für erhöht neurosensitive Persönlichkeiten aufbereitet.

Entdecke dich – vielleicht sogar neu. Es lohnt sich!


Dieser Text dient nur zu Informationszwecken und ersetzt nicht die Beratung durch einen Fachmann. Bei Zweifeln konsultieren Sie Ihren Spezialisten.