Henko: Es gibt kein Zurück

· 3. November 2018

„Henko“ oder „へんこう“ ist ein japanisches Wort, das eine wichtige Veränderung definiert, bei der nicht die Möglichkeit besteht, an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Oftmals steht eine solche Veränderung für einen großen Fortschritt bezüglich unseres persönlichen Wachstums und zeugt davon, dass wir dazu in der Lage sind, auf uns selbst zu setzen. Denn um solch einen Schritt gehen zu können, muss man mutig sein. Die Rede ist von diesem Wendepunkt, an dem wir unsere Ängste und Sorgen besiegen und unsere Lebenseinstellung ändern.

Abgesehen davon, was wir jetzt vielleicht denken mögen, gibt es nur wenige Worte, die so grundlegende, aber gleichzeitig so wichtige Konzepte beschreiben, wie henko. Die Fähigkeit, zu besitzen, sich zu verändern, weiterzuentwickeln, Fortschritte zu machen und sein Bewusstseinsniveau zu erweitern, sind entscheidend, um Hürden bezwingen, Mutlosigkeit besiegen und gestärkt aus Situationen hervorgehen zu können, die uns das Leben schenkt. Henko steht für das Ergebnis der Resilienz.

„Im Leben müssen wir, wie in jedem entscheidenden Moment, einem Teil von uns abschwören, um zu dem zu werden, was wir tatsächlich sein können. Natürlich kostet uns eine Veränderung etwas, aber sie nährt uns nur, wenn wir uns durch sie verändern.“

Alex Rovira

Etwas verändern, um Fortschritte zu machen

Ein Großteil unserer Probleme würden sich lösen, wenn wir henko, eine entscheidende Veränderung in unserem Leben, einführen würden. Das Schwierige daran ist, dass wir oftmals nicht dazu bereit sind, nicht wissen, wie wir das anstellen sollen oder dass uns das Unbekannte Angst macht. Beispielsweise ist bekannt, dass viele Menschen lieber in ihrer Komfortzone verweilen und weiterhin die gleichen, möglicherweise ineffektiven Strategien zur Konfliktbewältigung anwenden, obwohl sie nicht glücklich sind.

Es ist Fakt, dass uns allen das Unbekannte etwas Angst einjagt. Etwas, das wir nicht vorhersagen können, auf das wir keinen Einfluss und über das wir letztendlich nicht die Kontrolle haben. Wenn wir mit dieser Angst nicht gut umgehen, zehrt sie an uns und erschöpft uns emotional, woraufhin wir uns zusammenkauern und nicht von der Stelle rücken wollen, anstatt die Veränderung mit offenen Armen willkommen zu heißen. Es gibt viele Gründe für eine Veränderung. Aber verändern kann sich nur etwas, wenn wichtige Grundlagen gegeben sind: Überzeugung, der Wunsch danach und Motivation.

Mann steht am Meer und schaut auf Welle

Und es gibt immer irgendein Risiko. Außerdem müssen wir dieses Risiko auch gewissermaßen tolerieren, um Fortschritte zu erzielen. Wir müssen akzeptieren, dass es Momente geben wird, in denen uns der Boden unter unseren Füßen weggezogen wird. Wir dürfen uns aber nicht in die Irre führen lassen und glauben, dass uns jede Veränderung verändern würde. Manchmal verändern wir uns auf der Ebene, auf der wir uns momentan befinden, auf erster Ebene. Um aber zu wachsen, um einen neuen Weg einzuschlagen, müssen wir eine Veränderung auf einer höheren Ebene, auf zweiter Ebene, einleiten, wie Paul Watzlawick sagen würde. Aber was ist damit gemeint?

Die Veränderungstypen laut Paul Watzlawick

Experten der Systemtheorie glauben, dass es bezüglich Veränderungen zwei gegensätzliche Wandel gebe. Der erste würde damit zu tun haben, dass wir einen stabilen Zustand bewahren, und der zweite mit der Erschaffung neuer Weisen, wobei beide aus der mathematischen Theorie der logischen Typen abgeleitet sind.

Der österreichische Psychologe Paul Watzlawick nannte diese Wandel Veränderungen Typ 1 oder erster Ebene und Veränderungen Typ 2 oder zweiter Ebene. Um das zu erklären, benutzte er folgendes Beispiel: Eine Person, die einen Alptraum hat, kann innerhalb des Alptraums viele Dinge tun: rennen oder sich verstecken, schreien oder still sein usw., aber keine dieser Verhaltensweisen kann den Alptraum beenden.  Diese Art der Veränderungen nannte er also Veränderungen erster Ebene; es sind Modifikationen und Strategien, die mit der gleichen Dynamik zu tun haben, in der sich die Person befindet und die auf einer negativen Rückkopplung basieren.

Als Veränderungen zweiter Ebene bezeichnete er qualitative Wandel, die auf einer positiven Rückkopplung basieren. Das bedeutet, dass sie Abweichungen verstärken und zur Bildung neuer Strukturen führen. Wenn wir das obige Beispiel betrachten, wäre es hier das Erwachen. Der einzige Ausweg aus dem Alptraum wäre eine Veränderung im Träumen, d. h. eine Veränderung der Realität, der Perspektive.

Ein weiteres Beispiel würden wir in einem häufigen Fall finden, in dem Eltern um psychologische Hilfe bitten, wenn die schulische Leistung ihres Kindes abnimmt. Sie haben bestimmt bereits Maßnahmen ergriffen, wie z. B. es zu motivieren oder zu bestrafen, außerschulische Aktivitäten zu reduzieren etc.

Das wären Typ-1-Veränderungen. Das Problem ist, dass sie die Situation nicht lösen können. Der Therapeut stellt nach der Analyse und Befragung der verschiedenen Familienmitglieder fest, dass sowohl seine Großmutter als auch seine ältere Schwester seit Kurzem mit ihm unter einem Dach leben, was die Dynamik der Beziehungen zwischen allen Familienmitgliedern verändert hat: Worin besteht eine mögliche Typ-2-Veränderung? Die Art und Weise, wie die Familie miteinander umgeht, müsste geändert werden, um sich an diese neue Situation anzupassen.

Vielleicht ist das besser verständlich, wenn wir an jemanden denken, der sich jüngst traurig, unmotiviert und melancholisch fühlt. Da diese Person möchte, dass es ihr wieder besser geht, hat sie sich dazu entschieden, ins Fitnessstudio zu gehen, ab und zu spazieren zu gehen und mit kreativen Aktivitäten zu experimentieren. Das alles sind Typ-1-Veränderungen. Das Problem an ihnen ist, dass sich dieser Mensch trotz allem nicht gut fühlt, sondern nur abgelenkt ist: Was kann er tun? Eine Typ-2-Veränderung einleiten, nämlich seine Sichtweise zu ändern, seine Sicht auf die Realität, und er sollte lernen, besser mit seinen Gefühlen umzugehen. Das würde zu einer lebensverändernden Veränderung führen.

„Veränderungen sind unvermeidbar. Für eine Veränderung hin zum Besseren muss man stetig arbeiten.“

Adlai E. Stevenson

Henko: Eine Veränderung, ein neues Schicksal

Wie wir sehen können, ist ein Wandel ein Phänomen, das mit verschiedenen Dimensionen zu tun hat, vor allem, wenn wir wollen, dass eine wirkliche Veränderung stattfindet. Das heißt, wenn wir ein henko verursachen wollen. Es reicht also nicht aus, etwas nur ändern und umsetzen zu wollen. Zuerst müssen wir analysieren, wie wir die Ereignisse, die uns betreffen, sehen.

Vielleicht denken wir, dass unsere Vision von der Realität richtig sei und dass die Welt so sein sollte, wie wir es für gut befinden. Aber wie können wir uns da so sicher sein? Ist es nicht eine Tatsache, dass angesichts desselben Ereignisses zwei Personen dieses beobachten und unterschiedlich erklären können? Sicher ist, dass jeder von uns seine eigene, besondere, individuelle und kaum austauschbaren Realität erschafft und damit arbeitet. Warum sollten wir also nicht andere Sichtweisen in Betracht ziehen, um eine Lösung für unsere Probleme zu finden?

Das ist natürlich nicht einfach. Aber gerade wegen der damit verbundenen Komplexität ist es notwendig, innezuhalten und das Ganze ruhig zu betrachten. Unsere Weltanschauung zu hinterfragen ist eine langwierige Aufgabe. Und wir werden auch erst dann zufrieden sein, wenn wir endlich in Harmonie mit unserem wahren Wesen leben. Ein Wesen, das frei von Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten ist. Wahres Wohlbefinden erlangen wir nur, wenn wir unser Ego verändert haben.

Frau mit geschlossenen Augen sitzt in der Sonne

Eine lebensverändernde Veränderung, henko, ist eine mutige Aufgabe, bei der wir uns uns selbst, unserer Bequemlichkeit, den Schemata, die wir über Jahre hinweg aufgebaut haben, und Gedanken, die uns eines Tages das Leben erleichtert haben, stellen.

Wir sind unser härtester Gegner, der uns aber auch am meisten beibringen kann und uns die Chance gibt, uns mehr Kraft zu verleihen, wenn wir nicht in seine Fallen tappen und uns mental gesehen an der Nase herumführen lassen. Auch wenn Veränderungen eine Konstante in unserem persönlichen Universum sind und wir uns weiterentwickeln können, wenn wir uns dessen bewusst sind, ist es dennoch am Wichtigsten, unsere uns zum persönlichen Wachstum führenden Wege zu erhellen. Das bereits Gelernte und unsere Neugierde auf alles, das es zu entdecken gilt, helfen uns dabei.

Henko ist die Möglichkeit, durch Ruhe und persönliche Stärke wiedergeboren zu werden.