Hauptdarsteller-Syndrom: Was ist das?

Präsentierst du dich in den sozialen Medien so, wie du bist, oder erfindest du dich selbst neu?
Hauptdarsteller-Syndrom: Was ist das?

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 31. Mai 2022

Die meisten von uns haben schon einmal davon geträumt, Hauptdarsteller in einem Film zu sein, Heldin in einem spannenden Abenteuer oder ein Star in einer romantischen oder lustigen Geschichte. Manche Menschen nähren ihre eigene Traumwelt mit viel Fantasie: Sie schlüpfen in verschiedene Rollen, doch sie wissen, dass sich all dies nur in ihrem Kopf abspielt. Es handelt sich um einen privaten Raum, den sie teilen können oder nicht. Heute sprechen wir jedoch über das Hauptdarsteller-Syndrom, ein immer häufiger zu beobachtendes Phänomen, das sich nicht in einer Traumwelt abspielt, sondern in einer Realität, die durch moderne Medien genährt wird.

Das Hauptdarsteller-Syndrom: Was ist das?

Das Hauptdarsteller-Syndrom wird von sozialen Netzwerken genährt, die es möglich machen, die Fiktion zu einer Wirklichkeit zu machen. Wir sprechen von einem psychologischen Phänomen, nicht von einer Störung. Allerdings beobachten Gesundheitsexperten vermehrt verschiedene Verhaltensweisen, die Aufmerksamkeit verdienen: Wir analysieren heute das Hauptdarsteller-Syndrom und seine Auswirkungen.

Soziale Netzwerke sind eine Welt für sich. Sie fördern den Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung. Um dieses Bedürfnis zu erfüllen, übernehmen viele die Rolle des Hauptdarstellers, die jedoch nicht ihrem wahren Leben oder ihrer Persönlichkeit entspricht, sondern fiktiv ist. Jeder Preis ist recht, um im Internet eine Sekunde Ruhm und Ehre zu ergattern.

Frau mit Hauptdarsteller-Syndrom

Selbstdarstellung oder Hauptdarsteller-Syndrom?

Das Hauptdarsteller-Syndrom ist daran zu erkennen, dass sich Menschen immer wieder in verschiedenen Szenarien in den Vordergrund stellen. Ein typisches Beispiel dafür sind Instagram-Geschichten, um das eigene Leben zu promoten. Manche Menschen teilen alle ihre Bewegungen und Aktivitäten, ganz egal, ob es sich um ein gewöhnliches Frühstück oder einen Spaziergang durch die Nachbarschaft handelt.

Wir betrachten das als normal, doch ist es das tatsächlich? Wir können dieses Verhalten immer wieder beobachten, wenn wir durch soziale Netzwerke surfen. Wo liegt das Problem?

Die Selbstdarstellung bezweckt, ein bestimmtes Image zu präsentieren, eine Lebensweise darzustellen und andere zur Nachahmung zu motivieren. Gleichzeitig ist die Bewertung durch Likes eine Selbstbestätigung, die das Bedürfnis nach Anerkennung nährt. Eine sozialpsychologische Studie mit dem Titel Self-Presentation Theory: Self-Construction and Audience Pleasing erklärt, dass die Bewertung motivierend wirkt und wir uns auch gleichzeitig durch das Verhalten anderer stimulieren lassen.

Selbstdarstellung oder Hauptdarsteller-Syndrom?

“Netzwerke sind Träume und Träume sind Netzwerke…”

Wenn wir Verhaltensweisen annehmen, die von unserem üblichen Repertoire oder unseren Gewohnheiten abweichen, um Aspekte unserer eigenen Persönlichkeit hervorzuheben, ist das bis zu einem gewissen Grad normalSobald jedoch der Wunsch entsteht, eine ganz andere Person zu  sein, um anderen zu gefallen und Anerkennung oder Ruhm zu erreichen, schaut das schon ganz anders aus. Der übertriebene Kult, sich selbst zu präsentieren, hat viele negative Seiten für die Person selbst und auch für unsere Gesellschaft.

Zahlreiche digitale Kommunikationsplattformen bieten ihren Nutzern die besten Voraussetzungen, um in die Falle zu tappen: Die Anonymität der sozialen Netzwerke ermöglicht es vielen, sich neu zu erfinden und falsche Profile zu präsentieren, was in Extremfällen zu psychischen Problemen (z.B. narzisstische Persönlichkeitsstörung) führen kann.

Der Psychologe und Autor Phil Reed erklärt, dass die sozialen Auswirkungen der Technologie Fantasien und Verhaltensweisen fördern können, die Persönlichkeitsstörungen sehr ähnlich sind: “Fantasieverhalten, das durch Eskapismus aufrechterhalten wird, kann auch ein ernsthaftes Problem für diejenigen sein, die anfällig für die Entwicklung psychologischer Probleme wie Angst und Depression sind, und nicht nur für Persönlichkeitsstörungen”.

Für Phil Reed sind Netzwerke ein Medium, in dem solche psychologischen Zustände verschärft werden können, da die Grenze zwischen dem Realen und dem Fiktiven immer mehr verwischt wird. “Wir müssen vorsichtig sein, um das Hauptdarsteller-Syndrom von der Neuerfindung eines ‘Charakters’ durch professionelle Künstler zu unterscheiden.”

Die sozialen Medien bieten die besten Voraussetzungen für falsche Profile. Wir können hier eine Parallele zu Fake News ziehen. Natürlich ist dieses Phänomen nicht neu, doch wir sollten überdenken, wohin es uns führt und ob wir das tatsächlich wollen.

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  • Roy F. Baumeister, Debra G. Hutton (1987). Theories of Group Behavior: Self-Presentation Theory: Self-Construction and Audience Pleasing