Gefühlskälte hat Konsequenzen

· 4. Juni 2018

Gefühlskälte kann zunächst als Schwierigkeit bzw. Hemmung definiert werden, Emotionen und Gefühle zu identifizieren und auszudrücken. Manche Schulen der Psychologie definieren diesen Zustand als „Alexithymie“. Dieser Begriff hat griechische Wurzeln: „a“ (nicht), „lexis“ (Rede/Wort) und „thymos“ (Gemüt). Alexithymie heißt also soviel wie „Unfähigkeit, Gefühle zu lesen und auszudrücken“.

Viele Menschen, die an Gefühlskälte leiden, können Emotionen und Gefühle erleben. Ihr Problem ist, dass es ihnen sehr schwerfällt, sie zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen. Nicht jeder Mensch erlebt einen gegebenen Zustand im gleichem Maße oder mit gleicher Intensität, und so wie es diesbezüglich Nuancen zu unterscheiden gilt, ist auch das Phänomen der Alexithymie nicht immer tiefgreifend, während es in anderen Fällen eine völlige Dissoziation von der fühlenden Welt bedeutet.

Nur zwei Arten von Menschen können frei von Hemmungen sprechen: Fremde und Liebende. Alle anderen verhandeln nur.

Es bringt eine Person mit Alexithymie in eine unangenehme Situation, wenn wir sie fragen, wie es ihr geht oder wie sie sich fühlt. Sie wird dann vielleicht antworten, dass es ihr gut oder schlecht gehe, aber diese Aussage ist wenig wert. Sie wird nicht sagen, dass sie „wütend“, „aufgeregt“  oder „traurig“  sei. In Extremfällen sagt sie einfach nichts auf diese Frage hin, oder gibt ein mechanisches „alles in Ordnung“  zurück, weil das die Antwort ist, die andere von ihr erwarten. Betroffene haben gleichermaßen Schwierigkeiten, zu erkennen, ob sie für jemanden Liebe oder Freundschaft empfinden.

Zeichnung eines Jungen mit verzerrtem Gesicht

Wie zeigt sich Gefühlskälte?

Die Symptome der Alexithymie ähneln denen, die jene Menschen zeigen, die an einer Depression leiden, aber sind noch akuter. Die wichtigsten Symptome sind:

  • Betroffene können keine oder nur minimale Freude spüren und zeigen.
  • Diese Menschen wirken oft ernst und gelangweilt.
  • Sie haben keine Fantasie und können sich Neues nur schwer vorstellen.
  • Sie neigen dazu, sich starr und langsam zu bewegen.
  • Sie pflegen kaum ein Sozialleben.
  • Wenn sie Beziehungen aufbauen, beruhen diese oft auf Abhängigkeit.
  • Sie sagen niemals „Ich liebe dich“.
  • Sie sind nicht an einem aktiven Sexualleben interessiert.

Es gibt zwei Arten von Gefühlskälte. Eine ist die primäre Form, in welcher sich ein Individuum von Geburt an so verhält. In diesem Fall entspricht die Alexithymie einer neurologischen Anomalie. Die andere ist die sekundäre Alexithymie, die nach einem physischen oder psychischen Trauma oder nach längerer Zeit intensiven Stresses auftritt.

Soziokulturelle Faktoren spielen besonders in der Entstehung der sekundären Alexithymie eine Rolle. Verbreitete Modelle der Kommunikation bringen diese Individuen dazu, den Ausdruck ihrer Emotionen zu unterdrücken. Es gibt zahlreiche Lebensbereiche, in denen es verpönt ist, zu sagen, was wir fühlen. Oft wird die Unterscheidung von „guten und schlechten Emotionen“ erzwungen, wobei die Menschen über ihre „guten“ Emotionen sprechen dürfen, aber nicht über die „schlechten“.

Die Unannehmlichkeit, keine Zuneigung auszudrücken

Die schwersten Fälle von Gefühlskälte erfordern eine Therapie, die meistens über einen langen Zeitraum hinweg durchgeführt werden muss. Möglicherweise brauchen Betroffene auch eine neurologische Behandlung. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass die Wurzel des Problems in einer faktischen Trennung der beiden Gehirnhälften liegt. Dies kann in der Regel korrigiert werden.

Zeichnung eines Mädchens, mit aufgelegtem, doppelten Gesicht.

In weniger schweren Fällen-  und das ist die Mehrheit – können Betroffene eine andere Strategie verfolgen. Manchmal hemmt ein Individuum den Ausdruck seiner Zuneigung einfach, weil es nicht gelernt hat, wie man Gefühle kanalisiert. Es kommt sehr häufig vor, dass es in der Vergangenheit dazu gezwungen wurde, seine Zuneigung zu verstecken, da in bestimmten Umgebungen ein Mangel an emotionalem Ausdruck positiv bewertet wurde. Er wurde als Zeichen der Selbstkontrolle angesehen. In ähnlicher Weise ist emotionale Stille manchmal die natürliche Antwort auf ein ungelöstes Trauma.

Die Wahrheit ist, dass die Unfähigkeit, Emotionen zu definieren und auszudrücken, schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringt. In erster Linie verfallen intellektuelle Funktionen, wenn wir an Alexithymie leiden, denn unsere Emotionen spielen eine fundamentale Rolle beim Aneignen von Wissen und der Bildung von Erinnerungen. Außerdem ist unsere Gefühlswelt die Grundlage unserer Leistungsfähigkeit und Kreativität. Daher ist eine Person mit Gefühlskälte intellektuell schwach. So gestaltet sich das Sozialleben Betroffener sehr kompliziert. Sie haben keine Möglichkeit, bereichernde Beziehungen zu anderen aufzubauen. Ihr Leben wird fad, was wiederum zu weiteren Hemmungen führt.

Zuneigung und Emotionen sind „das Salz des Lebens“ und die Alexithymie ist eine Dysfunktion, die behandelbar ist – so lässt sich dem Sein neue Würze verleihen. Wenn du vermutest, dass du oder jemand, den du kennst, an Gefühlskälte leidet, dann bitte um professionelle Hilfe.