Erkläre, warum du genervt bist, statt es nur zu zeigen

· 18. Juli 2017

Langfristig genervt zu sein, wird früher oder später Frust und Aggressivität zur Folge haben, die uns Worte in den Mund nehmen lassen, die wir später bereuen. Zu lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen, ist wesentlich angenehmer, gesünder und praktischer, als einen sinnlosen Streit nach dem anderen zu entfachen.

Dieser Ratschlag erscheint auf den ersten Blick selbstverständlich und selbsterklärend. Aber es hat einen Grund, dass wir diesen Ratschlag geben: Die Kontrolle negativer Emotionen wie Wut und Zorn ist die Achillessehne zahlreicher Menschen. Viele erscheinen nach außen hin erwachsen und reif, schreiten mit erhobenem Haupt durchs Leben. In ihrem Inneren aber bergen sie jedoch die emotionale Reife eines Vierjährigen.

„Jeder kann einmal genervt sein, das ist nicht schwer. Aber gegenüber der richtigen Person, in angemessener Form, im richtigen Moment und mit der richtigen Absicht, seine Genervtheit zum Ausdruck zu bringen, ist nicht einfach.“

Aristoteles

Zudem gilt es, festzustellen, es nicht nur Auswirkungen auf unsere Gefühlswelt hat, wenn wir genervt sind. Auch unser Denken, unsere Sprache und unser Handeln sind vor den Tentakeln der Genervtheit und der Frustration nicht gefeit. Nichtsdestotrotz gibt es viele Menschen, die sie hinunterschlucken und hinter einem Schleier der vorgetäuschten Normalität verbergen.

Nach und nach, Tag ein Tag aus, breitet sich dieser Virus aus und richtet Schaden an. Die Kommunikation wird aggressiver, Gleichgültigkeit stellt sich ein, das Selbstbewusstsein leidet, Stimmungsschwankungen mehren sich und psychosomatische Symptome treten auf, bei dem das psychische Unwohlsein körperliche Beschwerden hervorruft.

Im Folgenden möchten wir dir erklären, wie du mit solch einer Situation umgehen kannst.

Ich bin genervt, auch wenn du es nicht sehen kannst

Um zu verdeutlichen, wie alltägliche Genervtheit aussieht, ein Beispiel: Barbara hatte einen schlechten Tag auf der Arbeit. Sie kommt zu spät zum Abendessen nach Hause und als sie durch die Tür hineinkommt, ist ihr Freund Johannes gerade am Aufbrechen, um sich mit ein paar Freunden zu treffen. Zunächst fragt er sie jedoch, ob es ihr recht sei, oder ob sie lieber den Abend mit ihm verbringen möchte. Barbara antwortet, dass es kein Problem sei, er solle sich mit seinen Freunden treffen.

Am nächsten Morgen wacht Barbara allerdings mit einem Gefühl der Frustration auf. Sie ist enttäuscht, dass ihr Freund nicht bemerkt hat, dass sie einen schlechten Tag hatte. Nach dem Frühstück geht es ihr noch schlechter, denn Johannes hat noch immer nichts dazu gesagt, dass es ihr nicht gut geht, dass sie in ihrem Inneren tief frustriert ist und sich fühlt wie ein verletztes, eingesperrtes Tier.

Zu dieser Situation wäre es wahrscheinlich nicht gekommen, wenn Barbara ihm sofort erzählt hätte, dass sie einen schlechten Tag hatte. Dass es ihr nicht gut geht, sie unter dem Alltagsstress leidet und seine Unterstützung braucht. Warum hat sie das nicht gesagt? Oft kommen uns Zweifel und wir verspüren den sehnsüchtigen Wunsch, dass andere uns verstehen, ohne dass wir erst erklären müssen, wo es wehtut.

Außerdem kann es zu solch einer Situation kommen, weil wir von klein auf dazu erzogen werden, unsere Gefühle zu kontrollieren, sie zu verbergen und Normalität vorzutäuschen. Die Selbstkontrolle ist wohl das am meisten missverstandene Konzept, wenn es um emotionale Intelligenz geht.

Niemand kann etwas kontrollieren, das er nicht versteht. Man kann einen Löwen nicht einfach in einen Käfig sperren, ohne zunächst seine Bedürfnisse und seine Natur zu verstehen. Genauso wenig sollten wir allerdings brüllen, herumrennen und ständig unsere Zähne fletschen. Sondern immer ehrlich sein. Wir sollten nicht davor zurückschrecken, laut zu sagen: „Nein, mit geht’s nicht gut, ich hatte einen schlechten Tag.“

Sich seiner Genervtheit entledigen, bevor es zu spät ist

Ein anfänglich leichtes Gefühl der Genervtheit, dem wir nicht Luft machen, kann zu einem großen Problem werden und ein Klima schaffen, dass uns Tag für Tag vergiftet. Eine zutiefst genervter Mensch kann in einer Familie oder am Arbeitsplatz nachhaltigen Schaden anrichten. Er ist wie ein wanderndes schwarzes Loch, das alle Freude und Harmonie in sich aufsaugt und zerstört.

„Es gibt keine erfolgreicher ausgetragene Schlacht, als diejenige, an deren Ende wir uns selbst besser verstehen.“

Buddha

Im Folgenden möchten wir dir ein paar einfache Ratschläge geben, die dir helfen werden, deine alltägliche Genervtheit und ihre Auswirkungen besser zu kontrollieren.

Genervt? 5 Ratschläge zur besseren Kontrolle deiner Emotionen

Der erste Schritt kann widersprüchlich zu dem erscheinen, was man uns beigebracht hat. Wir müssen verstehen, dass es nicht schlimm ist, mal genervt zu sein, dass Wut nichts ist, was wir unterdrücken sollten. Wir müssen eine positivere Einstellung bezüglich dieser Gefühle entwickeln: Sie sind viel mehr Alarmsignale, die wir nicht ignorieren dürfen, sondern verstehen müssen, um sie bewusst zu konfrontieren.

  • In einer bestimmten Situation wütend oder genervt zu sein ist ganz normal und notwendig. So verteidigen wir unsere Überzeugungen, unsere Bedürfnisse und unsere Werte. Allerdings muss die Wut ein konstruktives Ende haben, das nichts anderes beinhalten sollte als die Lösung des zugrunde liegenden Konfliktes.
  • Der zweite Schritt ist es, sich die Intensität seiner Gefühl bewusst zu machen. Wenn wir außer uns und voller Wut sind, hat uns dieses Gefühl unter Kontrolle, und nachzudenken und konstruktive Entscheidungen zu treffen ist dann unmöglich. Atmen wir einmal tief durch, versuchen wir, zur Ruhe zu kommen und einen klaren Kopf zu bekommen…
  • Die nächste Strategie ist etwas komplizierter: Wir müssen unseren emotionalen Konflikt ergründen: Was stört uns? Was hat mich verletzt und warum? Wie genau verletzt mich das? Inwiefern bin ich selbst dafür verantwortlich?
  • Letztlich fehlt noch das Wichtigste. Es handelt sich dabei um etwas, das Zeit braucht, aber es ist absolut notwendig, es jeden Tag zu üben: die bestimmte Kommunikation. Denn wenn man über ein Missverständnis spricht oder einen Konflikt anspricht, sollte man dringlichst vermeiden, noch größeren Schaden anzurichten.

Lernen wir also, unsere negativen Emotionen unter Kontrolle zu halten. Außerdem müssen wir verstehen, dass Kommunikation bedeutet, Übereinkünfte zu treffen, sich dem anderen gegenüber respektvoll zu verhalten und Brücken zu bauen, um unser aller Zusammenleben zu verbessern.