Empathie: Was zeichnet emphatische Menschen aus?

2. Oktober 2017 en Emotionen 1212 Geteilt

Empathie ist eine Kunst, eine besondere Fähigkeit, die uns die Gefühle und Absichten anderer verstehen lässt. Doch dabei gibt es ein Problem: Es gelingt nicht allen, diesen Schalter umzulegen, der den Prozess, solide und bereichernde Beziehungen zu erschaffen, einleitet. Wir hören deshalb oft Anmerkungen darüber, dass jemand „nicht emphatisch“  sei oder „ein Egoist ohne jegliches Mitgefühl“.

Was wir gleich zu Beginn klarstellen sollten, ist, dass in unser aller Gehirn über die Strukturen verfügt, mit denen zwischenmenschliche Verbindungen gestärkt werden. Empathie ist letztendlich nur eine weitere Strategie, mit der wir das Überleben unserer Spezies sichern: Sie ermöglicht uns, unser Gegenüber zu verstehen, und erleichtert es, eine tiefgründige Beziehung mit ihm aufzubauen.

„Wir haben zwei Ohren und einen Mund, um doppelt so viel zu hören, wie wir sprechen.“

Epitheton

Diese Struktur im Gehirn, in der Neurowissenschaftler die Empathie platziert haben, ist der rechte Gyrus supramarginalis. Dank der Aktivität der hier gelegenen Neuronen können wir unsere Gefühlswelt von unserer Wahrnehmung trennen, um in einem gegebenen Moment empfänglicher für die Gefühle anderer zu werden.

Nachdem wir diese Frage geklärt haben, wäre die nächste, warum es Menschen gibt, die mehr oder weniger empathisch oder sogar keineswegs mitfühlend sind? Wir wissen beispielsweise, dass die antisoziale Persönlichkeitsstörung hauptsächlich der fehlenden emotionalen Verbindung zu anderen geschuldet ist. Doch wenn wir die klinischen und pathologischen Aspekte einmal beiseitelassen, gibt es viele Menschen, die diese Fähigkeit schlichtweg nicht entwickelt haben.

Erfahrungen in der Kindheit, Erziehungsmethoden und das soziale Umfeld sind dafür verantwortlich, dass diese wunderbare Fähigkeit oft einer sehr ausgeprägten Egozentrik weichen muss. So kommt es, dass Hochschulabsolventen heutzutage um 40% weniger empathisch sind als Studenten der 80er und 90er Jahre, wie eine von der University of Michigan (Michigan, USA) durchgeführte Studie belegt.

In unserem heutigen Leben gibt es für junge Menschen so viele Reize und Ablenkungen, dass wir den gegenwärtigen Moment und sogar die Person, die uns gegenübersteht, nicht länger bewusst wahrnehmen. Wir hängen mehr an elektronischen Geräten als an den Gefühlen unserer Mitmenschen, und das ist ein Problem, über das wir nachdenken sollten.

Um noch etwas mehr in das Thema einzutauchen, möchten wir dich dazu einladen, als nächstes die Eigenschaften der Menschen kennenzulernen, die gesunde Beziehungen aufbauen und eine angemessene soziale Entwicklung erreichen können.

Nützliche Empathie vs. projizierte Empathie

Ein grundlegender Aspekt, der uns von Anfang an klar sein sollte, ist, das Empathie allein nicht genügt, um solide Beziehungen aufzubauen oder uns in unseren alltäglichen Interaktionen emotional effizient zu zeigen.

„Das wertvollste Geschenk, das wir anderen machen können, ist unsere Aufmerksamkeit. Wenn unsere vollkommene Aufmerksamkeit diejenigen umarmt, die wir lieben, blühen sie auf wie Blumen.“

Thich Nhat Hanh

Um das zu verstehen, möchten wir ein einfaches Beispiel anführen. Maria ist gerade müde nach Hause gekommen, vollkommen erschöpft und genervt. Sie hatte gerade einen Streit mit ihren Eltern. Als Robert, ihr Partner, sie sieht, liest er in ihrem Gesicht sofort, dass etwas nicht stimmt, und hört ihr das auch an. Er interpretiert emotionales Unwohlsein, aber anstatt ihr eine Frage nach dem Warum zu stellen und sich angemessen zu verhalten, entscheidet er sich dafür, projizierte Empathie anzuwenden, das heißt, er vergrößert diese Negativität nur noch mit Aussagen wie: „Du kommst schon wieder verärgert nach Hause, du nimmst die Sache zu ernst. Es ist immer dasselbe, schau mal wie du dein Gesicht verziehst.“

Zweifellos sind viele Menschen dazu in der Lage, auf emotionaler und kognitiver Ebene mit anderen mitzufühlen – sie fühlen und verstehen, was passiert -, doch anstatt dieses Unbehagen zu kanalisieren und angemessen damit umzugehen, verstärken sie es nur noch.

Wer allerdings über nützliche Empathie verfügt, kann sich in die Lage der anderen Person hineinversetzen und weiß jederzeit, wie er sie emotional begleiten kann, ohne ihr zu schaden und ohne so zu handeln, als würde er ihr einen Spiegel vorhalten, was den Schmerz nur noch größer macht. Denn manchmal reicht es nicht aus, zu verstehen – man muss auch handeln.

Wahre Empathie kennt keine Urteile

Unsere Urteile trüben unsere Fähigkeit, uns anderen wirklich zu nähern. Wir ergreifen Partei. Sie stellen uns auf eine bestimmte Seite und wir schränken unsere Sicht stark ein. Wir wollen nicht ungesagt lassen, dass es nicht immer leichtfällt, jemandem zuzuhören, ohne ihm einen Stempel aufzudrücken, ohne diesen Menschen als fähig, schusselig, stark, zerstreut, reif oder unreif zu verurteilen.

Wir alle tun das in größerem oder geringerem Maße, aber wenn wir das ablegen könnten, würden wir andere auf eine authentischere Weise sehen, würden mitfühlender sein und die Gefühle des anderen besser verstehen können. Das ist etwas, das wir täglich üben sollten. Denn nur so kann die Fähigkeit, zuzuhören, ohne zu verurteilen, mit unserem Erfahrungsschatz wachsen.

Emphatische Menschen verfügen über ein ausgeprägtes emotionales Bewusstsein

Die Empathie ist ein nicht wegzudenkender Teil der emotionalen Intelligenz. Wir wissen, dass dieser Ansatz, diese Wissenschaft oder dieser so erfolgreiche Bereich der Psychologie und des persönlichen Wachstums in Mode ist. Aber haben wir wirklich gelernt, auf eine effektive Weise mit unserer Gefühlswelt umzugehen?

Nein. Auch heute noch sehen wir viele Menschen, die unbedacht mit Begriffen wie Selbstbeherrschung, Resilienz, Proaktivität und Durchsetzungsvermögen um sich werfen. Aber auf emotionaler Ebene fehlt ihnen etwas Wichtiges und sie lassen sich weiterhin von Zorn, Wut oder Frustration leiden, so wie ein vierjähriges Kind.

Andere hingegen denken, dass empathisch zu sein ein Synonym für Leid sei, als könnte man sich mit den Gefühlen anderer anstecken und würde dann denselben Schmerz wie sein Gegenüber zu empfinden, als müsse man das Unwohlsein des anderen verspüren, um es zu verstehen.

Aber das ist nicht richtig. Wir müssen verstehen, dass nützliche Empathie all jenen zuteil wird, die mit ihren eigenen Emotionen umgehen können, ein starkes Selbstwertgefühl haben, wissen, wo sie Grenzen zu setzen haben und dass sie andere gleichzeitig emotional und kognitiv begleiten können.

Empathie und soziales Engagement

Die Neurowissenschaft und die moderne Psychologie definieren Empathie als eine Art sozialen Klebstoff, der Menschen zusammenhält und darüber hinaus ein echtes und starkes Engagement füreinander erzeugt.

„Wenn du nicht über Empathie und fundierte Beziehungen verfügst, ist es egal, wie intelligent du bist, du wirst nicht weit kommen.“

Daniel Goleman

So eigenartig es auch erscheinen mag, ist das Konzept von Empathie im Tierreich ebenfalls sehr präsent, und hierbei geht es um das Überleben der Spezies. Viele Tiere diverser Spezies legen kooperative Verhaltensweisen an den Tag, ohne dass das Gesetz des Dschungels, nachdem nur der Stärkste überlebt, Anwendung fände.

Doch bei uns Menschen ist in vielen Fällen genau das Gegenteil zu beobachten: Wir haben das Bedürfnis, uns über andere zu stellen, nach Feinden zu suchen, Grenzen zu ziehen, Mauern zu erbauen, Menschen zu ignorieren oder sogar die Schwächsten zu attackieren, nur weil sie schwach oder anders sind. Mobbing, Homophobie, religionsmotivierte Aggressionen… die Liste ist lang.

Menschen, die sich durch nützliche Empathie auszeichnen, glauben dagegen an soziales Engagement. Denn das Überleben ist weder ein Geschäft, noch sollte es von Politik, Interessen oder Egoismus abhängen. Überleben bedeutet nicht nur, zulassen, dass unser Herz schlägt, es bedeutet, Würde und Respekt zu wahren, uns geschätzt zu fühlen, frei und als Teil eines Ganzes, wo wir alle wertvoll sind. Das ist wohl die wahre Empathie: Uns in die Lage des anderen hineinversetzen, um in Harmonie zusammenzuleben. Daran sollten wir jeden Tag arbeiten.

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