Einzigartigkeit: Ist anders zu sein ein Bedürfnis, eine Belastung oder ein Vorteil?

31 Oktober, 2020
Wie geht es dir damit, anders zu sein? Ist es dir lieber, in der Menge nicht aufzufallen? Kannst du dich daran erinnern, dass es negative Folgen für dich oder deine Lieben hatte, als du einmal auffielst?

Jeder Mensch ist einzigartig. Keiner ist einem anderen vollkommen gleich. Wir fühlen alle verschieden, handeln und denken anders und treffen unterschiedliche Entscheidungen. Deine Persönlichkeit wird durch eine Kombination von genetischen Faktoren und Umweltfaktoren bestimmt. Auch deine Erfahrungen und die Zusammenhänge, in den du dich bewegst, spielen eine Rolle. Was verstehst du unter “Einzigartigkeit” oder “anders sein”?

“Anders sein” kann sich positiv oder negativ auswirken. Das hängt davon ab, wo du gerade im Leben stehst und wohin du dich momentan entwickelst.

Obwohl du immer vollkommen einzigartig bist und sein wirst, gibt es Momente im Leben, wo du versuchst, anderen Leuten so ähnlich wie möglich zu sein. Zu einem anderen Zeitpunkt ist es für eine normale kognitive Entwicklung aber wichtig, aus der Menge herauszustechen. Wie geht es dir gerade damit? Glaubt du, dass du “anders bist als alle anderen”? Inwiefern bist du anders? Gefällt es dir, anders zu sein? Ist es dir wichtig?

Ein junger Mann blickt aus dem Fenster und denkt über Einzigartigkeit nach.

Anders zu sein, ist ein menschliches Bedürfnis

Die ungarisch-amerikanische Psychoanalytikerin Margaret Mahler schuf ein Modell der Entwicklungsphasen des Menschen im Säuglings- und Kleinkindalter. Nach der symbiotischen Phase, in der sich das Kind und seine Mutter als untrennbare Einheit erlebt, folgt die Loslösungs- und Individuationsphase. In diesem Stadium wird die Persönlichkeit geformt und das Kind stellt seine Einzigartigkeit fest.

Die Loslösung und die Individuation sind zwei getrennte, aber parallel verlaufende Sozialisationsvorgänge. Bei der Loslösung erkennt das Kind die physische, aber noch nicht die psychische Trennung von seiner Mutter. In der Phase der Individuation wird sich das Kind der eigenen Existenz bewusst und beginnt, individuelle Züge auszubilden.

Der Psychoanalytiker René A. Spitz sagte, dass sich in der Entwicklung des Kindes drei wesentliche Neuorganisationen aufweisen lassen: das soziale Lächeln, die Fremdenangst und die Geste des “Neins”. Das berühmte “Nein”, das Kinder im zweiten Lebensjahr ständig anwenden. So ärgerlich diese ständige Haltung “Ich bin dagegen” auch ist; diese Lebensphase ist wichtig für den Reifungsprozess und die Entwicklung eines Kindes.

Diese konstante negative Reaktion ergibt sich aus der Tatsache, dass das Kind sich erstmals als verschieden und unabhängig begreift. Dies ist ein notwendiger Schritt, damit sich das Kind seiner Individualität bewusst werden kann. Bei Heranwachsenden läuft bis zu einem gewissen Grad ein vergleichbarer Prozess ab.

“Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die begrenzte Wahrnehmung anderer Menschen definiert.”

Virginia Satir

Einzigartigkeit jedes Kindes

Einzigartigkeit: Teenagern fällt es schwer, anders zu sein

In der Phase des Erwachsenwerdens steht für den Teenager im Mittelpunkt, in eine Gruppe zu passen und wie alle anderen zu sein. Die konstante Sorge dreht sich darum, wegen nicht akzeptierbarer Unterschiede benachteiligt zu werden. Die Hauptmotivation eines Teenagers besteht darin, Teil einer Gruppe zu sein. Deshalb hat diese auch einen beträchtlichen Einfluss auf die Formung des Selbstbilds.

Kurioserweise halten sich Teenager aber für einzigartig. Der US-amerikanische Kinderpsychologe David Elkind bezeichnet dieses Phänomen als “persönliche Fabel”. Obwohl Teenager sich danach sehnen, ein Teil einer Gruppe und wie alle andern zu sein, glauben sie auch gleichzeitig, dass sich ihre Gedanken und Gefühle von denen anderer Menschen unterscheiden.

Elkind beschreibt auch ein anderes Phänomen, das sich manchmal auf die Wichtigkeit bezieht, anders zu sein oder in eine Gruppe zu passen. Teenager machen sich große Sorgen wegen ihres Selbstbildes, das sie anderen, also dem imaginären Publikum, vermitteln. Was denkt das Publikum über sie? Heranwachsende erleben sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ihres Umfelds.

Besonders heranwachsende Jugendliche mit niedrigem Selbstwertgefühl werden alles tun, um sich anzupassen. Denn sie haben das Gefühl, ständig die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu ziehen. Sie versuchen, “unter dem Radar zu fliegen” und nicht anders als die anderen zu sein. Andersartigkeit wird negativ bewertet und kann zur Ablehnung durch Gleichaltrige führen.

“Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.”

Mark Twain

Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor das Gesicht.

Einzigartigkeit: Kein Bedürfnis oder eine Last, sondern ein Vorteil!

Junge Menschen haben häufig das Bedürfnis, anders zu sein und sich von der Menge abzuheben. Das ist toll! Genau jenen Teil deiner Identität, der sich gerade herausbildet, zu teilen, ist eines der großartigsten Geschenke an dich selbst und andere Menschen. Warum? Weil es der ehrlichste und aufrichtigste Teil in dir ist. Er stärkt deine Kreativität und erleichtert es dir, Entscheidungen zu treffen.

Wenn du anders bist, schätzt du die Vielfalt und kannst dich leichter daran anpassen. Du wirst flexibler und aufgeschlossener.

Wenn du deine Vorstellungen verteidigst, auch wenn sie sich mit denen der anderen nicht decken, erlaubst du dir persönliches Wachstum und bleibst gleichzeitig deinen Prinzipien treu. Das hilft dem Aufbau deines Selbstwertgefühls und auch deiner Selbstsicherheit. Deine Einzigartigkeit ist ein Geschenk. Darum musst du sie auch zu schätzen lernen. Sie ist eine der größten Vorteile, die ein Mensch genießen kann.

“Der Mensch, der der Menge folgt, wird normalerweise nicht weiter kommen, als die Menge kommt. Der Mensch, der alleine geht, wird sich wahrscheinlich an Orten wiederfinden, an denen zuvor noch niemand gewesen ist.”

Alan Ashley-Pitt (Francis Phillip Wernig)