Die Todesstudie von Tuskegee: Niemals vergessen, niemals wiederholen

Diese Studie über Syphilis dauerte mehr als 30 Jahre. Die afroamerikanischen Probanden wussten nicht, dass sie Versuchskaninchen waren und keine Behandlung erhielten.
Die Todesstudie von Tuskegee: Niemals vergessen, niemals wiederholen
Cristina Roda Rivera

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Cristina Roda Rivera.

Letzte Aktualisierung: 10. März 2023

Die Todesstudie von Tuskegee in Macon County (Alabama) war schockierend: Das Ziel war, die Entwicklung von Syphilis bei afroamerikanischen Männern mit niedrigem sozioökonomischem Status zu analysieren. Die Probanden wurden nicht über ihre Syphilis-Diagnose unterrichtet, es wurde ihnen lediglich mitgeteilt sie hätten “schlechtes” Blut. Dieser rassistische Menschenversuch führte zur Überarbeitung und Verschärfung ethischer Standards und Normen. Erfahre anschließend mehr über dieses grausame Experiment.

Die Tuskegee-Syphilis-Studie beabsichtigte nicht, die Gesundheit der Versuchsteilnehmer zu verbessern. Es ging vielmehr darum, rassistische Vorurteile über die Gesundheit der afroamerikanischen Bevölkerung zu verstärken. Schwerpunkte waren mangelnde Pflege und Promiskuität. Obwohl eine Behandlung von Syphilis gefunden wurde, erhielten die Teilnehmer keine Medikation.

Die Todesstudie von Tuskegee

Sechshundert afroamerikanische Männer aus Macon County, Alabama, meldeten sich 1932, um an einem wissenschaftlichen Experiment über Syphilis teilzunehmen. Die Tuskegee-Syphilis-Studie unter der Leitung des US Public Health Service (PHHS) hatte sich zum Ziel gesetzt, den Verlauf der unbehandelten Syphilis zu beobachten. Die Teilnehmer waren zu einem qualvollen Tod verurteilt, während die Wissenschaftler und die Behörden ungerührt zusahen.

Die Teilnehmer wussten nicht, dass sie Syphilis hatten. Es wurde ihnen nur mitgeteilt, dass sie Medikamente gegen “schlechtes Blut” (Bad Blood) erhalten würden, aber in Wahrheit wurden sie nicht behandelt. Auch nachdem Penicillin als sicheres und zuverlässiges Heilmittel gegen Syphilis entdeckt worden war, erhielten die meisten keinen Zugang zu diesem Medikament.

Der Kontext

Während und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg war Rassismus in den USA ein großes Problem: Afroamerikaner wurden als andere Spezies betrachtet und ein Großteil der Bevölkerung glaubte, dass gemischtrassige Kinder deutlich anfälliger für gesundheitliche Probleme wären. Viele Wissenschaftler argumentierten, dass Afroamerikaner unterentwickelte Gehirne hätten. Als Beweis dafür betrachteten sie die überentwickelten Genitalien. Viele behaupteten, dass Afroamerikaner eine angeborene Perversion für weiße Frauen hätten, unmoralisch wären und einen unersättlichen sexuellen Appetit hätten.

In diesem Kontext der Vorurteile über Rasse, Sexualität und Gesundheit führten die Forscher die Tuskegee-Syphilis-Studie durch. Sie hielten afroamerikanische Männer für besonders anfällig für sexuell übertragbare Infektionen. Niedrige Geburtenraten und eine hohe Anzahl an Fehlgeburten wurden allgemein auf sexuell übertragbare Infektionen zurückgeführt.

Die Begründung für die Todesstudie von Tuskegee

Die medizinischen Behörden gingen davon aus, dass Afroamerikaner (unabhängig von ihrer Bildung, Herkunft und dem finanziellen oder persönlichen Status) nicht überzeugt werden könnten, sich gegen Syphilis behandeln zu lassen. Damit begründeten sie das Forschungsziel: Den natürlichen Verlauf von Syphilis in einer Gemeinschaft beobachten, die nicht behandelt werden möchte.

Der US Public Health Service führte die Todesstudie in Macon County durch, da an diesem Ort die Infektionsrate bei ca. 35 % der Bevölkerung lag. Im Jahr 1932 wurden die ersten Patienten im Alter zwischen 25 und 60 Jahren geködert. Sie sollten eine kostenlose Behandlung für “schlechtes Blut” erhalten. Dieser Begriff war damals für chronische Krankheiten, Blutarmut oder Müdigkeit üblich. Die Probanden wussten jedoch nicht, dass sie Versuchskaninchen waren und nur Placebos oder Aspirin erhielten.

die Todesstudie von Tuskegee
Die Probanden wussten nicht, dass sie an einem Versuch teilnahmen. Sie glaubten, kostenlos gegen verschiedene Beschwerden behandelt zu werden.

Rassistische Grausamkeit

Die Versuchsleiter Wenger und Vondelehr verweigerten ihren Probanden jede Behandlung von Syphilis. 1934 übergaben sie den Ärzten in Macon County Listen mit den Teilnehmern und baten sie, diese Personen nicht zu behandeln. Im Jahr 1940 wiesen sie das Gesundheitsministerium von Alabama ebenfalls darauf hin.

Die Forscher gingen davon aus, dass sich Syphilis bei afroamerikanischen Männern anders auswirkt als bei Weißen. Sie wurden von den Behörden über Jahrzehnte unterstützt, obwohl der Versuch keine therapeutische Verbesserungen bezweckte. Es ging ausschließlich darum, rassistische Unterschiede aufzuzeigen.

Schließlich wurde ab 1947 Penicillin als Standardbehandlung für Syphilis eingesetzt, die Versuchsleiter verhinderten jedoch die Behandlung der 399 Probanden mit diesem Antibiotikum. Sie argumentierten dies damit, dass die Teilnehmer kein Interesse an Penicillin hätten oder die Behandlungspläne nicht einhalten würden. Afroamerikaner seien zu konservativ, um einen Arzt aufzusuchen. Warum sollten sie sich nach einer anderen Behandlung umschauen, wenn sie sich gut aufgehoben fühlten – so Wenger und Vondelehr.

1965 behaupteten sie, dass es zu spät sei, den Probanden Penicillin zu geben, da ihre Syphilis schon zu weit fortgeschritten sei. Auch dies entspricht nicht der Wahrheit: Penicillin wird in allen Stadien der Infektion empfohlen und hätte das Fortschreiten der Krankheit verhindern können.

1947 wurde der Nürnberger Kodex verfasst und 1964 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation die Deklaration von Helsinki. Beide sollten Menschen vor Experimenten schützen; trotzdem beschlossen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die Studie bis 1969 fortzusetzen.

Die Todesstudie von Tuskegee: Niemals vergessen, niemals wiederholen
Obwohl Penicillin wirksam gegen Syphilis zum Einsatz kam, verweigerten die Versuchsleiter ihren Patienten dieses Antibiotikum.

Das Ende der Todesstudie von Tuskegee

Das Experiment endete erst, als Peter Buxtun der New York Times Informationen zuspielte, die zu einer Debatte führten. Am 16. November 1972 erschien das Experiment von Tuskegee auf der Titelseite. Zu diesem Zeitpunkt lebten nur noch 74 Männer, alle anderen waren bereits gestorben.

Die National Association for the Advancement of Colored People reichte eine Sammelklage gegen den US Public Health Service ein. Die Klage wurde schließlich zwei Jahre später für 10 Millionen Dollar beigelegt. Es wurde vereinbart, für die medizinische Behandlung aller überlebenden Teilnehmer und infizierten Familienmitglieder aufzukommen. Das letzte Opfer starb im Jahr 2009.

Als Reaktion auf die Ereignisse in Macon County verabschiedete der Kongress 1974 den National Research Act und das Office for Human Research Protection. Die Einholung einer informierten Zustimmung wurde für alle Experimente mit Menschen vorgeschrieben. Bis heute wurde niemand für seine Verantwortung im Fall Tuskegee belangt.

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