Die Theorie der machiavellistischen Intelligenz

· 28. Januar 2019

Die Theorie der machiavellistischen Intelligenz ist auch als „Social Brain Hypothesis“ oder „Hypothese des sozialen Gehirns“ bekannt. Sie versucht zu erklären, warum sich das menschliche Gehirn im Homo sapiens  so schnell entwickelt hat. Zwar begannen sich dieser und sein Gehirn bereits vor 400.000 Jahren zu entwickeln, aber vor 50.000 Jahren machte das menschlichen Gehirn einen regelrechten Quantensprung. Wie können wir dieses Phänomen erklären?

Francis de Wall prägte 1982 den Ausdruck der „machiavellistischen Intelligenz“. In dieser Zeit untersuchten viele Forscher das soziale und politische Verhalten von Primaten. Die gleichnamige Theorie, wie wir sie heute kennen, wurde jedoch erst 1988 postuliert. Die Psychologen Richard W. Byrne und Andrew Whiten definierten sie, als sie an der University of St. Andrews in Schottland, Vereinigtes Königreich, forschten. Diese beiden Wissenschaftler veröffentlichten ihre Erkenntnisse in dem Werk Machiavellian Intelligence: Social Expertise and the Evolution of Intellect in Monkeys, Apes, and Humans   (zu Deutsch: Die machiavellistische Intelligenz: Soziale Expertise und die Evolution des Intellekts bei Affen, Menschenaffen und Menschen). So wurde die Theorie der machiavellistischen Intelligenz geboren. Was genau besagt aber diese Theorie?

Grafische Darstellung der menschlichen Evolution.

Dein Gehirn hat einen großen Appetit

Das Gehirn macht nur ungefähr 2 % deines gesamten Körpergewichts aus. Es verbraucht jedoch etwa 20 % der Energie, die du deinem Körper zur Verfügung stellst. Wenn du es so betrachtest, magst du den Eindruck bekommen, dass das Denken sehr anstrengend sei. Umso mehr, wenn du bedenkst, dass wir nur 10 % der Leistungen erklären können, die das Gehirn erbringt. Die anderen 90 % sind immer noch ein Rätsel.

Dennoch hat sich das menschliche Gehirn viel schneller entwickelt als das Gehirn anderer Säugetiere. In nur 25 Millionen Jahren häuften sich im menschlichen Genom die Mutationen. Der Neokortex verdient dabei besondere Aufmerksamkeit; er ist der am weitesten entwickelte Teil des menschlichen Gehirns. Alles in allem lohnt es sich, zu fragen, warum das Gehirn so komplex geworden ist.

Kognitive und soziale Komplexität

Es gibt viele Theorien, die versuchen, den Sprung vom einfachen zum komplexen Gehirn zu erklären. Unter all diesen Theorien ist die Theorie der machiavellistischen Intelligenz immer noch eine der wichtigsten.

Vertreter dieser Theorie argumentieren, dass diese enorme Entwicklung des Gehirns auf einen Anstieg der kognitiven Anforderungen unserer Umgebung zurückzuführen ist. Das wiederum sei ein Ergebnis unseres sozialen Lebens. Ein intensiver Wettbewerb, die zunehmende Anzahl sozialer Interaktionen, die Koexistenz und die zwischenmenschliche Komplexität seien Auslöser und Motor für den Evolutionsdruck.

Die Autoren glauben, dass dies Auswirkungen auf die Entwicklung der allgemeinen Intelligenz gehabt habe. Gestützt werden ihre Ideen durch signifikante neuroanatomische Beweise.

Illustration eines Gehirns in einer Glühbirne, welches von einem Mann bedient wird

Erforderliche Strategien

Die Verfechter dieser Theorie glauben, dass neue Herausforderungen neue Strategien erfordern, um sich an unsere Umgebung anzupassen. Es kommt zunehmend zu sozialen Probleme, die nicht nur eine Adaptation an unser dynamisches Umfeld, sondern auch die Vorstellung von Lösungen erforderlich machen. Tatsächlich liefert die Neurophysiologie den Beweis, dass dieser Einfallsreichtum mit der Erwartung zukünftiger Ereignisse und der Entscheidungsfindung zusammenhängt.

Von dort erlernen die Menschen die Kunst des Betrugs, der Lüge und der Manipulation mit dem Endziel des sozialen Erfolgs. Diese Ressourcen werden „machiavellistisch“ genannt, weil sie alle Verhaltensweisen implizieren, die den ethischen Normen nicht entsprechen. Hierin liegt der Zusammenhang zwischen einer machiavellistischen Person – einer durch Soziopathie charakterisierten Persönlichkeit – und der genannten Theorie.

Nach der Theorie der machiavellistischen Intelligenz sind sowohl Betrug als auch Hilfe als sozial intelligentes Verhalten.

Die Entwicklung des Gehirns als Produkt der sozialen Evolution ermöglicht es uns, unsere Emotionen zu steuern und die Emotionen anderer zu erkennen. Ebenso wird es leichter, soziale Strukturen auszumachen, Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen und zu wissen, welche Rolle sie in verschiedenen Situationen spielen. Die zerebrale Evolution erlaubt uns auch, die Handlungen anderer zu interpretieren, indem wir Verständnis für ihre Einstellungen und Absichten aufbringen.

Darstellung der Gedankengänge im Gehirn eines Mannes

Natürliche Selektion

Um diese Theorie zu erklären, wollen wir das Prinzip der natürlichen Selektion von Charles Darwin nutzen. Beide Theorien kommen zusammen in der Idee, dass diejenigen, die erfolgreiche soziale und reproduktive Strategien entwickeln können, diejenigen seien, die Erfolg haben. Mit anderen Worten, Menschen mit besseren sozialen Fähigkeiten haben eine höhere Überlebenschance.

Die Theorie der machiavellistischen Intelligenz hat nicht viel mit anderen großen Theorien zu tun, die die Entwicklung des Gehirns aus praktischen Gründen rechtfertigen. Sie geht vielmehr davon aus, dass das Gehirn aufgrund der Notwendigkeit, sich neuen Problemen zu stellen, größer geworden ist: Werkzeuge verwenden, Unterkunft erbauen oder Nahrung finden in einer immer komplexeren, kompetitiveren Welt

Die Theorie der machiavellistischen Intelligenz hilft uns, die Beziehung zwischen der Gehirnentwicklung und dem Stand der sozialen Entwicklung bei verschiedenen Arten zu verstehen. Diesbezüglich wird argumentiert, dass Intelligenz mit einer Reihe von Fähigkeiten verknüpft sei, die es der Menschheit ermöglichen, sich ständig an neue Situationen anzupassen, in denen die soziale Dimension vorherrscht. Danke Evolution, danke Neuroplastizität!