Die psychologischen Praxen sind voller sensibler Personen, nicht voller Verrückter

1, Dezember 2016 en Psychologie 0 Geteilt

Wenn die Welt widersprüchlich und hart zu ertragen erscheint, dann entwickelt der Mensch bestimmte Krankheiten als eine Art der Verteidigung gegen sie, und diese Entwicklung ist abhängig von seiner Sensibilität. Der Gegensatz zwischen Normalität und Anormalität wird schwierig zu verstehen, wenn es die Umgebung ist, die versagt, und die Symptome einer psychischen Störung ganz einfach nur der Beweis dafür sind, dass man Widerstand leistet, man gegen das kämpft, was man nicht versteht, sei es vielleicht auch auf falsche Weise.

Wir alle, die in dieser wunderbaren wissenschaftlichen Disziplin der Psychologie arbeiten, bemerken das: Die psychologischen Praxen sind voller sensibler Personen, nicht voller Verrückter. Sie sind nicht voller mental Kranker. Sie sind voller Menschen, die eine besondere Sensibilität haben, die, wenn sie nicht richtig behandelt werden, den Stempel eines Kranken aufgedrückt bekommen, wenn sie eigentlich nur mehr mutig sind und versuchen, Widerstand zu leisten.

„Von allen Diagnosen ist die Normalität die Schlimmste, denn sie ist völlig hoffnungslos.“
Jacques Lacan

Sensibilität für das Leiden der Welt wird als Verrücktheit oder mentale Krankheit kategorisiert

Im DSM-V, dem diagnostischen Handbuch der Humanmedizin, finden sich viel mehr Erkrankungen, als es vielen Psychologen gefällt. Manchmal wird das Leiden als etwas Schädliches katalogisiert, ohne der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es das Leiden selbst ist, das uns zeigt, dass sich etwas im Leben Person ändern muss.

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Wenn man jede Ausprägung des Leidens mit einem Etikett versieht, dann erreicht man, dass ein Instrument, was Wissenschaftlichkeit vorgibt, immer wahrscheinlicher den gefürchteten „Barnum-Effekt“ auslöst, der sich leicht am Beispiel von Horoskopen verstehen lässt: Jede allgemein gehaltene Beschreibung kann letztlich auf jede Person, die sie hört oder liest, zutreffen. In diesem Fall ist es das DSM-V, dass so spezifisch wie möglich erscheinen will, aber zu viele Diagnosen enthält, die auf jeden von uns zutreffen.

Psychologisches Leiden entsteht nicht in einem bestimmten Teil des Gehirns. Es ist situationsabhängig und gleichzeitig subjektiv, es hat Effekte auf das Gehirn und umgekehrt, aber es provoziert keine physiologischen Anomalien. Wenn es so wäre, dann würden wir von einer psychologischen Störung mit organischer Ursache sprechen, die auf eine andere Weise behandelt werden müsste.

Die Psychologie sucht nach Schlüsseln, wie man die Art und Weise verändern kann, in der Leute sich einer Situation stellen, die bei ihnen Schmerzen erzeugt, oder wie sie letztere so gut wie möglich reduzieren können. Dies wiederum wird zu Veränderungen im Gehirn führen, dank dessen wunderbarer Plastizität.

Die Psychologie ist eine Wissenschaft, aber sie muss keine medizinische Wissenschaft sein, sondern eine gesundheitliche Naturwissenschaft, jedoch eigenständig und anders als Medizin und Psychiatrie, obwohl man mit den jeweiligen Kollegen natürlich zusammenarbeiten kann.

Das Risiko, etwas als Verrücktheit zu behandeln, was eigentlich vor ihr schützen soll

Wir professionellen Psychologen haben eine große Verantwortung gegenüber unseren Patienten. Viele von ihnen suchen nach einer Therapie, aber sie suchen auch nach etwas Menschlichkeit und Sensibilität. Wir sind der Welt nicht fremd, in der wir leben; wir selbst befinden uns auch in ihr.

Ihre Symptome zeigen uns somit nicht nur, was ihnen passiert, sondern auch wogegen sie sich auflehnen, welcher Teil der Welt, welcher Teil ihrer Geschichte und ihrer Beziehung zur Welt ihnen nicht passt. Dies spricht nicht nur für ihre Sensibilität, sondern auch dafür, dass es der Welt an selbiger fehlt.

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Die Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung, Depression, Abhängigkeit oder auch Bipolarität können verschiedene Ursachen und Symptome haben, so wie sie in den jeweiligen Handbüchern und Studien beschrieben werden. Was manchmal aber nicht mit der gleichen Deutlichkeit veranschaulicht wird, ist, dass die Unterschiedlichkeit der Patienten von uns viel Engagement bei der Suche danach verlangt, was die wirkliche Wurzel der Störung ist und mit welchen Mitteln man ihnen begegnen kann.

Selbst bei Störungen mit einem nicht zu verachtenden physiologischen Bezug muss die Psychologie gleichzeitig wie eine Lupe, ein Mikroskop und ein Teleskop agieren: Wissen, wie man zoomt, wie man mit Detail als auch mit Perspektive analysiert, was im Leben dieser Person geschehen ist, sodass genau diese Symptome, aber nicht andere, zum Vorschein gekommen sind.

Was für eine Person ein stabiles und ruhiges Ambiente sein kann, kann für eine andere bereits grenzwertig sein oder bei ihr Schuldgefühle auslösen. Auch wenn die biologischen Bezüge gleich sind, können zwei Personen ganz unterschiedlich reagieren, je nach dem, was sie erlebt haben und wie sie das Erlebte interpretiert haben.

Deshalb muss man die Sensibilität, die Reaktionsfähigkeit auf eine feindliche Welt und emotionale Isolation in jedem Fall untersuchen, da sie der psychischen Störung einen Nährboden bietet. Man soll mit wissenschaftlicher Genauigkeit, aber auch mit sozialem Gewissen behandeln.

Lasst uns destruktive Etiketten vermeiden: Eine Person kann Misshandlung, Missbrauch, Krankheit oder alle möglichen schwierigen Situationen durchlebt haben und trotzdem immer noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Sie ist mutig und hat es verdient, dementsprechend behandelt zu werden. Ihre Symptome brechen ihre Sensibilität und ihren Halt in der Welt auf, und entfernen sie mehr und mehr von ihren Zielen und Träumen.

Lasst uns keine Mittäter der Gleichgültigkeit und der Kälte werden, mit der die Welt sie umgibt. Auf dass ihre Sensibilität zurückkommt, um sie zu wärmen und nicht, um sie zu brechen. Ihre Schwäche kann morgen auch unsere sein. Wenn wir sie heilen, dann tun wir das auch für diese Welt voller „Verrückter“, die unser Zuhause ist.

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