Die Nachwirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz können Jahre andauern

02 September, 2020
Eine unablässige Mobbing-Situation im Arbeitsumfeld geht über eine einfache Stress-Situation weit hinaus. Bei Mobbing geht es um eine Art von gewalttätigem und aggressivem Verhalten, das man genau bestimmen und dann ansprechen muss.

Die Nachwirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz können zu hohen psychologischen “Kosten” führen. Es überrascht daher nicht, dass die WHO und Organisationen im Bereich Arbeitsgesundheit folgender Ansicht sind: Das sogenannte Mobbing ist aktuell eines der Hauptprobleme im Arbeitsleben.

Zudem breitet sich dieses Phänomen immer weiter aus. Eine wachsende Zahl der arbeitenden Bevölkerung beschwert sich über Mobbing am Arbeitsplatz. Dennoch sind vielerorts die Schritte, etwas präventiv dagegen zu unternehmen oder konkrete Handlungen einzuleiten, noch nicht ausreichend.

Obwohl immer mehr Menschen Mobbing am Arbeitsplatz melden, berichten die Gewerkschaften, dass dies vielen Arbeitnehmern zu riskant ist. Viele, die Mobbing am Arbeitsplatz öffentlich gemacht haben, lassen die Angelegenheit wieder fallen. Darüber hinaus ist es schwierig, Mobbing zu beweisen. Außerdem spielt die Bürokratie eine Rolle, und auch die langwierigen Verfahren bei Gericht. So leiden die Betroffenen unter sämtlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Die amerikanische Dachorganisation The Stop Bullying Coalition weist ferner darauf hin, dass sich Mobbing-Situationen für Staatsbedienstete und Beamte, Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Polizisten und weitere Berufsgruppen weit komplexer darstellen. Viele Frauen und Männern schweigen, weil sie Angst vor einem Jobverlust haben. In der Folge ergeben sich daraus permanente und sich nachhaltig auswirkende Mobbing-Situationen. In manchen Fällen kann das auch zum Selbstmord des Opfers führen.

Der deutsch-schwedische Arzt und Psychologe Dr. Heinz Leymann definierte in den 1980er-Jahren als erster den Begriff “Mobbing” und klassifizierte die 45 sogenannten “Mobbing-Handlungen” in Bezug auf das Arbeitsleben. Zusammen mit anderen Experten wies er auf die gleiche deprimierende Tatsache hin: Tragischerweise hängen viele der weltweiten täglichen Selbstmorde mit Mobbing am Arbeitsplatz zusammen.

Eine unablässige Mobbing-Situation im Arbeitsumfeld geht über eine einfache Stress-Situation weit hinaus. Bei Mobbing geht es um eine Art von gewalttätigem und aggressivem Verhalten, das man genau bestimmen und dann ansprechen muss.

Gestresster Mann, der unter Mobbing leidet.

Die Auswirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz: Die Langzeitwirkung eines posttraumatischen Stress-Syndroms

Die Auswirkungen dieses Phänomens wurden in verschiedenen Fachbereichen wie der Psychologie, der Medizin und in den Wirtschaftswissenschaften genauer untersucht. Interessant ist, dass der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz, einen großen Teil seiner Arbeit diesem Phänomen gewidmet hat. Er bezeichnete dies als gewalttätiges Verhalten, das im Tierreich von verschiedenen Arten ausgeübt wird.

Er bezog sich damit auf Tiere, die sich zu einer Gruppe zusammenschließen, um andere Tiere anzugreifen. Sie attackieren das schwächste Mitglied der gleichen Art. Manchmal greifen sie aber auch das stärkste Tier an, um es von seiner dominanten Position in der Gruppe zu vertreiben.

Ein Pionier der Mobbing-Forscher, Dr. Heinz Leymann, definierte dieses Verhalten als eine Art von Psychoterror. Man spricht von Psychoterror, wenn ein Mitglied einer Gruppe oder eine ganze Gruppe gegenüber einer Einzelperson ein aggressives und manchmal auch gewalttätiges Verhalten zeigt.

Diese Person leidet in der Folge unter systematischer Stigmatisierung und verschiedenen Formen von Ungerechtigkeiten. Dazu kommt, dass die Persönlichkeitsrechte unablässig angegriffen werden. Dr. Heinz Leymann wies darauf hin, dass körperliche Misshandlungen häufig ins “Mobbing-Bild” passen. Diese körperlichen Angriffe können so aussehen: Schubsen, Schlagen, scheinbare “Unfälle” und im Fall von Mobbing gegenüber Frauen – sexuelle Übergriffe.

Wie wir uns sicherlich vorstellen können, sind die Auswirkungen des Mobbing-Phänomens gewaltig. Die Nachwirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz können Jahre andauern.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Gemäß einer Studie an der Universität von Kopenhagen erhöht eine kontinuierliche Mobbing-Situation das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung um bis zu 60 Prozent. Tatsächlich trifft der Herzinfarkt häufig traurigerweise Menschen, die ihr Leid für sich behalten. Oft sind sie zu verängstigt, um das Mobbing zu melden – was sehr tragisch ist.

Schlafstörungen durch Mobbing

Mobbing am Arbeitsplatz hat viele Auswirkungen. Zweifellos gehören dazu Schlafstörungen. Die betroffene Person gerät in einen Erschöpfungszustand durch Schlaflosigkeit, häufiges Aufwachen oder regelmäßig wiederkehrende Albträume.

Das wirkt sich nicht nur auf die Produktivität des Arbeitnehmers aus. Es beeinflusst auch nachhaltig die Stimmung. Selbst das Risiko, in einem Zustand der Erschöpfung in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, steigt.

Gestresste Frau lehnt ihren Kopf gegen eine Wand.

Posttraumatisches Stress-Syndrom (PTSD)

Die Universität von Florenz führte 2016 eine interessante Studie durch, die im Fachmagazin Frontiers in Psychology veröffentlicht wurde. In dieser Studie befassten sich Experten mit den Auswirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz auf die mentale Gesundheit der Opfer. Sie entdeckten dabei etwas recht Aufschlussreiches, was wir berücksichtigen sollten. Eine permanente Mobbing-Situation, die längere Zeit andauert, erzeugt die gleichen Symptome, wie sie für das posttraumatische Stress-Syndrom (PTSD) charakteristisch sind.

  • Manchmal leidet das Mobbing-Opfer unter Gefühlen der Beklemmung, Angst, Wut und Traurigkeit, selbst wenn es die Arbeitsstelle schon verlassen hat. Das geschieht beim bloßen Gedanken an Dinge, die mit dem eigenen Erleben am Arbeitsplatz zusammenhängen oder bei der Beobachtung von Dingen, die an die eigene Jobsituation erinnern.
  • Ein Vermeidungsverhalten traumaassoziierter Reize stellt sich ein – also das komplette Vermeiden jeglicher Orte, Personen, Gruppen oder von allem, was an die Mobbing-Situation am Arbeitsplatz erinnert.
  • Flashbacks – nicht kontrollierbare Rückblenden – tauchen wiederholt auf. Dazu erscheinen auch Bilder vor dem geistigen Auge, die das Opfer an die Erfahrungen in der Arbeit erinnern.
  • Es kommt zu Gedächtnisverlust und Konzentrationsproblemen. Eine Person, die gemobbt wird, hat oft Schwierigkeiten damit, sich selbst an einfache Dinge zu erinnern. Sie hat Konzentrationsschwierigkeiten und eine herabgesetzte kognitive Leistungsfähigkeit.

Darüber hinaus erfährt das Opfer diese typischen Ausprägungen auf eine Art und Weise, die einen direkten und klaren Zusammenhang zur posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufweist. Diese zeigt sich durch Schlaflosigkeit, Nervosität, Angst & Reizbarkeit, geringes Selbstvertrauen, verzerrte Gedankenmuster oder ein vermindertes Gefühl, Kontrolle über die Dinge zu haben.

Langzeit-Symptome durch Mobbing

Mobbing-Symptome können über Monate oder sogar Jahre andauern. Es ist unbedingt notwendig, dass jemand, der unter Langzeit-Symptomen leidet, dies öffentlich kundtut. Mechanismen zur Unterstützung müssen in engem Kontakt zum Opfer schneller und effektiver greifen. Das gilt auch für rechtliche und psychologische Hilfsmaßnahmen.

Ganz zum Schluss sollten wir noch einem wichtigen Punkt unsere Aufmerksamkeit schenken: Vielleicht hast du bereits gekündigt, womöglich hat sich das Arbeitsumfeld verbessert und du wirst nicht mehr gemobbt. Selbst wenn dies der Fall sein sollte – bitte vernachlässige dabei nicht deine mentale Gesundheit.

Mobbing am Arbeitsplatz hinterlässt seine Spuren. Diejenigen, die davon betroffen sind, verändern sich und können ihr menschliches Potenzial nur noch in geringerem Maße abrufen. Wenn das mit dir in Resonanz geht, wende dich vielleicht an Fachleute. Experten können dich bei der Heilung deiner Wunden und dem Wiederaufbau deines Selbstwertgefühles unterstützen. Dann kann sich der Wunsch wieder bei dir entfalten, persönlich und beruflich voranzuschreiten.

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  • Arnsten, A. F., Raskind, M. A., Taylor, F. B., and Connor, D. F. (2015). The effects of stress exposure on prefrontal cortex: translating basic research into successful treatments for post-traumatic stress disorder. Neurobiol. Stress. 1, 89–99. doi: 10.1016/j.ynstr.2014.10.002