Die Monster in unseren Köpfen

26. Mai 2018 en Bücher 0 Geteilt
Wo die Monster leben - Monster hinter Baum

Als wir noch Kinder waren, erzählte man uns immer, dass Monster nur in Geschichten existierten. Niemand hat uns je gesagt, dass Menschen Monster sein könnten, die am helllichten Tag herumlaufen. Wie die Person, die dich zuerst beschimpft, dann missbraucht und schließlich dein Selbstwertgefühl vernichtet. Wie Eltern, die ihren Kindern ihre Liebe verweigern. Und auch der Terrorist, der unschuldige Leben nimmt, oder der Politiker, der einen unnötigen Krieg beginnt.

Wenn es eine Sache gibt, die wir alle wissen, dann dass Worte mächtig sind. Wir schreiben sie auf Etiketten, auch wenn sie nicht immer zutreffen. Der Begriff „Monster“ zum Beispiel hat sowohl eine fiktive als auch eine literarische Bedeutung. Das hindert uns jedoch nicht daran, ihn zu benutzen, um Wesen zu beschreiben, die Handlungen ausüben, die einfach nicht erfasst werden können, weil sie nur böse sind.

„Lasst denjenigen, der mit Monstern kämpft, darauf achten, nicht selbst eines zu werden.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Es muss jedoch gesagt werden, dass es für dieses Konzept keine wissenschaftliche Grundlage gibt. Es gibt keine Lehrbücher mit einem Kapitel über den „Umgang mit einem Monster“. Leider gibt es auch keine Leitfäden, die uns helfen würden, Monster zu identifizieren. Aber, seien wir ehrlich, es ist fast unmöglich, dieses Wort nicht zu verwenden, wenn wir ein Verhalten beschreiben sollen, das unserem Konzept der Menschlichkeit völlig entbehrt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Kriminalpsychologen besonders häufig mit Monstern in Berührung kommen. Und das nicht erst in jüngster Zeit. Der Begriff „Monster“ wurde beispielsweise von der Londoner Polizei verwendet, um eine Person zu beschreiben, die Ende des 18. Jahrhunderts in der Stadt ihr Unwesen trieb. Die Behörden suchten nach einem Mörder, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatten. Nach jemand Perversem und Unvorstellbarem, der seit fast zwei Jahren Panik in verschiedenen Stadtteilen schürte. Wir reden natürlich von Jack the Ripper.

Suche nach Jack the Ripper

Monster aus Fleisch und Blut, Menschen ohne Menschlichkeit

Das Wort „Monster“ hat immer noch seine ursprünglichen Implikationen. Das Übernatürliche wird mit dem Bösen kombiniert, um uns Schaden zuzufügen. Jedes Mal, wenn wir diesen Begriff auf jemanden anwenden, entfernen wir also all seine menschlichen Attribute.

Zu Beginn des Artikels sagten wir, dass dieses Wort nichts anderes als ein einfaches Etikett ohne jegliche wissenschaftliche Substanz sei. Experten in der Erstellung von psychologischen Profilen Krimineller sind der Versuchung dennoch erlegen. Ein Beispiel ist dafür ist das, was in den 1970ern in den Vereinigten Staaten mit Ted Bundy geschah: In der Welt der Kriminalität zählt Bundy zu den rücksichtslosestes Serienmörders der Geschichte. In Interviews gab er an, dass er 100 Frauen getötet habe. Die Behörden glaubten ihm wegen seiner kalten Grausamkeit, obwohl sie nur von 36 seiner Opfer die Körper fanden.

Ted Bundy

Bundy war ein brillanter und bewundernswerter Mann. Ein Bachelor of Law, der Psychologie studiert hatte, ein aufstrebender Politiker, der ständig an Gemeinschaftsaktivitäten beteiligt war. Er schien das perfekte Beispiel eines Siegers zu sein, jemand, der ein erfolgreiches Leben vor sich hatte. Nachdem Dutzende von Universitätsstudenten verschwunden waren, wurde jedoch entdeckt, dass Ted Bundy hinter diesen und vielen weiteren barbarischen Taten steckte, die unmöglich zu verstehen waren. Es waren brutale Morde, die die Behörden sprachlos machten. Sie bezeichneten ihn als Monster, nicht nur wegen der Grausamkeit, mit der er seine Taten begangen hatte, sondern auch wegen der Ergebnisse der verschiedenen psychologischen Tests, denen er unterzogen wurde.

Kriminalpsychologen kamen zu dem Schluss, dass Bundy weder psychotisch noch drogenabhängig noch alkoholkrank war. Er hatte keinen Hirnschaden und litt an keiner psychiatrischen Krankheit: Ted Bundy genoss einfach das Böse.

Es gibt einen anderen Ort, an dem Monster leben – in unseren Köpfen

Wir wissen, dass unsere Welt manchmal wie die beunruhigenden Gemälde von Brueghel sind. In seiner Malerei ist das Böse im Alltagsleben, in den Massen, in der Stadt und in den Seitenstraßen verborgen. Die Monster, die uns Schaden zufügen können, bewohnen jedoch nicht nur unsere Stadt. Der Ort, den sie häufiger aufsuchen, ist unser Geist.

Manchmal können Angst, Emotionen und Gedanken uns an einen sehr dunklen Ort führen. An einen Ort, an dem wir von unseren eigenen Dämonen besiegt und erstickt werden. Es gibt Autoren, die es geschafft haben, diese Reise in Worte zu fassen, auf der man mit den eigenen Monstern Kontakt aufnimmt. Sie versuchen, sie zu beschreiben, lassen ihre Protagonisten sie besiegen und frei von Ketten an die Oberfläche zurückkehren. Dante hat es mit Virgil in der Göttlichen Komödie  gemacht, Lewis Carroll mit Alice im Wunderland  und Maurice Sendak mit Max in Wo die Monster leben.

Sendaks Buch ist ein kleines Juwel der Kinderliteratur. Max‘ Geschichte lädt uns dazu ein, unabhängig von unserem Alter und Hintergrund verschiedene Überlegungen zum Thema Monster anzustellen. Jeder kann irgendwann Opfer dieser inneren Krallen werden, mit denen die Monster uns an seltsame Orte ziehen.

„Als Max sein Wolfskostüm anzog, fühlte er ein unbändiges Verlangen, unartig zu sein, und dann nannte seine Mutter ihn Monster. Und Max antwortete: ,Ich werde dich essen!'“

Aus: Wo die Monster leben (Maurice Sendak)

Wo die Monster leben

Das Land der Monster

Dieses kurze Buch ermöglicht es uns, eine Reise aus der Sicht eines Kindes zu machen. Es erinnert uns daran, dass wir das wilde, surreale Königreich manchmal besuchen müssen, in dem unsere Monster leben. Allerdings dürfen wir nicht in diesem Königreich bleiben, wir müssen es wieder verlassen. Aber nicht, bevor wir geschrien haben, ohne Regeln spielten, wütend wurden, lachten, weinten und was auch immer nötig war, um diese Monster zu besiegen.

Wir hinterlassen unsere Fußabdrücke im Land der Monster. Wir fühlen uns frei, weil wir in die Dunkelheit hinabgestiegen sind. So werden wir gestärkt ins Leben zurückkehren. Denn die Monster, von denen uns erzählt wurde, existieren wirklich. Wir können die Monster um uns herum nicht immer kontrollieren – die Monster, die getarnt sind. Aber lasst uns mutig genug sein, die Monster, die von Zeit zu Zeit in unseren Köpfen erscheinen, zu verscheuchen.

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