Die Kunst des Selbstbetrugs

· 29. November 2017

Die Kunst des Selbstbetrugs perfektionieren wir in Situationen, in denen wir uns selbst anlügen. Es ist unser Verstand, der uns hier einen Streich spielt. Selbstbetrug begehen wir dann, wenn wir uns davon überzeugen, dass etwas wahr sei, obwohl es das nicht ist. Wir tun dies unbewusst.

Der Unterschied zwischen Lügen und Selbstbetrug ist, dass sich die Person beim Lügen bewusst ist, dass sie nicht die Wahrheit sagt. Menschen, die sich selbst betrügen, überzeugen sich hingegen unbewusst davon, dass die Lüge der Wahrheit entspräche. In anderen Worten: Die selbstbetrügerische Person erkennt nicht, was sie tut, oder zumindest erkennt sie es nicht immer. Und genau darin liegt die Macht des Selbstbetrugs. Solange wir ihn nicht erkennen, wird der Selbstbetrug in seiner eigenen leisen, getarnten Art und Weise wirken.

Es gibt verschiedene Arten des Selbstbetrugs und manche kommen häufiger vor als andere. Zusätzlich hat jede von ihnen verschiedene psychische Auswirkungen. Wir werden hier die vier häufigsten Arten des Selbstbetrugs und ihre psychischen Folgen erklären.

1. Der funktionelle Selbstbetrug

Wir beobachten den funktionellen Selbstbetrug in Situationen, in denen eine Person lügt und versucht, sich davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung richtig sei. Das bekannteste Beispiel des funktionellen Selbstbetrugs findet man in der Fabel Der Fuchs und die Trauben.

In dieser Fabel fühlt sich der Fuchs, der sich durch seine List auszeichnet, von einer großen Menge saftiger Trauben angezogen. Er versucht, sie zu erreichen, indem er wiederholt hochspringt. Nach ein paar erfolglosen Versuchen gibt der Fuchs auf und begründet seine Entscheidung durch Selbstbetrug. Er überzeugt sich selbst davon, dass er die Trauben nicht mehr möchte, da sie sowieso noch nicht reif waren.

Der Selbstbetrug, der in der Fabel beschrieben wird, wird funktioneller Selbstbetrug genannt. Er erfüllt eine sehr klare Funktion: Sich selbst anzulügen hilft dem Fuchs, weil es ihm den Ärger erspart, der durch den Misserfolg, diese Trauben nicht erreicht zu haben, in ihm aufkommt.

Frau, die eine Wolke in ihren Händen hält

Die Probleme des funktionellen Selbstbetrugs

Der erwähnte psychische Effekt wird erreicht, weil die Person sich entscheidet, eine Wahrheit in eine Lüge umzuwandeln, die sie beruhigt. Auf kurze Sicht kann der funktionelle Selbstbetrug also einen Zweck erfüllen, doch langfristig ist er weder positiv noch anderweitig vorteilhaft.

Dem Psychologen Giorgio Nardone zuf0lge verwandelt sich jede gute Absicht, wenn sie zu oft geäußert wird, in etwas Negatives. Die Person, die den funktionellen Selbstbetrug nutzt, stellt sich der Herausforderung nicht und verweilt in ihrer Komfortzone. Statt weiter zu versuchen, ihr Ziel zu erreichen und die nötigen Fähigkeiten zu erlangen, lügt sie sich an. Sie überzeugt sich selbst davon, dass das, was sie wollte, eigentlich doch nicht so wichtig sei, oder dass es all die Mühe nicht wert sei, die für das Erreichen des Ziels erforderlich ist.

„Das Lügen ist ein Sprachspiel, das gelernt sein will, wie jedes andere.“

Ludwig Wittgenstein

2. Wert und Glaube

Der Selbstbetrug, der „Wert und Glaube“ genannt wird, entspringt aus dem Bedürfnis, einen Konflikt des Verlangens zu beenden. Diese Art des Selbstbetrugs beruht auf der Vorstellung davon, dass das, was viel Geld, Zeit oder Mühe kostet, automatisch mehr wert sei als das, was leichter zu haben ist. Zum Beispiel schätzen wir es mehr wert, zu einer Gruppe zu gehören, die uns die Aufnahme in den Sozialverbund erschwert hat, als zu dem Kreis zu zählen, der niemandem den Eintritt verwehrt.

In Situationen, in denen eine Person schwer arbeiten muss, um ein Ziel zu erreichen, fokussiert sie ihre Aufmerksamkeit selektiv auf alles, was ihr bestätigt, dass ihr Ziel all die Mühe wert sei. Am Ende glaubt sie, dass das Ziel ausreichend erstrebenswert wäre, um die Investition, die sie hineingesteckt hat, zu rechtfertigen. Sonst würden sie die Konflikte des Verlangens, die wir im oberen Abschnitt erwähnt haben, belasten.

Woher kommt diese Kunst des Selbstbetrugs?

Weil wir uns Dissonanzen zwischen unserem kognitiven System (Wahrnehmung, Gedanken und Ideen) und unserem Verhalten psychisch belasten, wählen wir gern diese Art des Selbstbetrugs, um sie zu lösen.

Die psychischen Folgen sind, dass sich die Person abmüht, ein Ziel zu erreichen, das vielleicht gar nicht in ihr System der Prinzipien und Werte passt. Es ist ein Selbstbetrug, der ein Haltbarkeitsdatum besitzt, weil sein Effekt nicht lange anhält. Auf lange Sicht wird sich der Mensch meist des Betruges bewusst und Enttäuschung macht sich breit.

3. Tröstlicher Selbstbetrug

Der tröstliche Selbstbetrug ist der cleverste von allen, und wird sehr oft bei eifersüchtigen Menschen beobachtet. Tröstliche Lügen werden in Situationen angebracht, in denen die Person jemand anderem an ihrer Situation die Schuld gibt, damit sie sich selbst leidtun kann.

Als Beispiel für tröstlichen Selbstbetrug soll folgender Gedanke genannt werden: „Ich bin eine sehr eifersüchtige Person, da mein Partner mir einen Grund dafür gibt.“

Kopf eines Mannes, in den Menschen hineinschauen

Auf diese Weise beschützt der tröstliche Selbstbetrug unser Selbstwertgefül und Ego. Er lässt uns daran glauben, dass nichts unsere Schuld sei und dass wir immer das Opfer seien. In gewisser Hinsicht ist dies positiv, da wir in vielen Situationen nicht zu 100% für die Umstände, in denen wir uns wiederfinden, verantwortlich sind. Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir den Veränderungen gegenüber, die sich nicht vermeiden lassen, nicht zu viel Widerstand entgegenbringen.

Die Tücken des tröstlichen Selbstbetrugs

Der tröstliche Selbstbetrug beschützt uns. Aber er hält uns davon ab, zu wachsen. Er hält uns davon ab, uns den Problemen, die uns schlecht fühlen lassen, zu stellen, und lässt uns in dem Glauben zurück, dass es unmöglich sei, sie zu bewältigen.

4. Andere anlügen, um dich selbst zu überzeugen

Eine der raffiniertesten Arten, dich selbst zu betrügen, ist es, andere anzulügen und dich damit auch selbst zu belügen. Charakteristisch dafür sind Situationen, in denen jemand verzerrte Geschichten, Situationen und Auffassungen übermittelt. Zuerst ist er sich seiner Verzerrung der Wahrheit bewusst, doch Stück für Stück geht er in seiner Geschichte und ihren Charakteren auf. Bis er selbst an der Wahrheit zweifelt.

“Wer eine Lüge sagt, ist sich nicht bewusst, welch große Aufgabe er damit übernimmt. Um diese Lüge aufrechtzuerhalten, wird er gezwungen sein, zwanzig neue zu erfinden.“

Alexander Pope

Wenn diese Strategie mehrmals wiederholt wird, wird die Lüge zur Wahrheit – selbst für die, die sie erschaffen haben. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen ist, dass sich das Gehirn der Unehrlichkeit anpasst, damit die Lüge als Realität gelebt werden kann. Es ist, als hätte die Person vergessen, dass sie alles nur erfunden hat. Selbst im Licht klarer Beweise schafft es der Mensch, die Realität weiterhin zu leugnen, nicht wegen eines Mangels an Ehrlichkeit, sondern wegen des Selbstbetrugs.

Niemand ist gegen diese Art des Betruges immun. Die Kunst des Selbstbetrugs ist ein sehr interessantes Phänomen und bis zu einem gewissen Punkt ist sie auch ganz normal. Sich von seinen eigenen Lügen zu befreien, erfordert jede Menge Reflexion. In dich zu sehen und eine eigenen Werte, Ideale und Wünsche zu verstehen, ist der erste Schritt, um dich vor Selbstbetrug zu schützen, und dich zu Zielen hin zu orientieren, die du wirklich erreichen möchtest.