Die Kultur der Opfermentalität

5. November 2019
Hast du schon einmal von Opfermentalität gehört? Beklagst du dich permanent oder beschweren sich andere laufend bei dir? Lies weiter und erfahre, was es bedeutet, wenn jemand eine Opfermentalität hat!

Jeder Mensch hat schon schmerzhafte oder traumatische Situationen erlebt. In diesen Situationen befanden wir uns dann in einer Opferrolle. Wir haben uns verletzlich und schutzlos gefühlt und hatten ein starkes Bedürfnis nach fürsorglicher Zuwendung und Schutz. Die Kultur der Opfermentalität verstärkt dies, indem die Person, die sich in die Rolle des Opfers begibt, stets Unterstützung und Zustimmung erfährt.

Wenn wir die Fürsorge, die Aufmerksamkeit und den Schutz unserer Mitmenschen einmal erfahren haben, dann merken wir schnell, dass dies ein sehr angenehmes Gefühl ist. Dadurch fühlen wir uns wichtig und andere Menschen haben permanent ein wachsames Auge auf uns.

Manchmal kann es aber passieren, dass Menschen in die Rolle des chronischen Opfers schlüpfen. Sie fühlen sich dann stets als Opfer der Umstände und verharren in dieser Rolle. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die tatsächlich unschuldige Opfer bestimmter Umstände geworden sind. Unser Artikel handelt allerdings von den Menschen, die eine regelrechte Opfermentalität angenommen haben.

Diese Identität gehört zu der Opferkultur, in der sich diese Menschen bewegen. Sie bewundern uns dafür, dass wir hilfsbedürftigen Menschen helfen, selbst, wenn wir uns dabei selber verlieren und aufopfern. Gleichzeitig sind wir negativer gesellschaftlicher Kritik ausgesetzt, wenn wir unsere Hilfe nicht anbieten.

Momentan wird die chronische Opfermentalität nicht als eigene Erkrankung im DSM-5 aufgeführt. Allerdings kann diese permanente Opferhaltung durchaus die Grundlage für die Entwicklung einer paranoiden Persönlichkeitsstörung bilden.

Opfermentalität - weinende Frau

Welche Rolle spielt das Opfer in der Kultur der Opfermentalität?

Permanentes Mitgefühl und Anteilnahme von anderen

Wenn wir uns nicht gut fühlen oder uns manchmal selber bedauern, dann begeben wir uns auch hin und wieder in die Opferrolle. Aber es gibt Menschen, die haben dieses Verhalten zu ihrem Lebensstil gemacht. Was veranlasst Menschen dazu, dies zu tun? Warum scheinen manche Menschen diese negativen Gefühle beinahe zu genießen?

Die Antwort auf diese Fragen ist ganz einfach: sie erhalten dadurch Mitgefühl von anderen und bekommen deren Aufmerksamkeit. Das Mitgefühl, das die Mitmenschen für die Opfer empfinden, veranlasst sie dazu, permanent in dieser Rolle zu verharren: Wenn ich mich schlecht fühle, dann haben die anderen Mitgefühl und Mitleid mit mir und bemühen sich darum, dass es mir besser geht. Daher verbleibe ich in diesem Gefühl, denn dadurch erhalte ich mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung von anderen.

Die Rolle der Gesellschaft in der Kultur der Opfermentalität

In diesem Kontext spielt auch die Gesellschaft eine wichtige Rolle. Laut Daniele Giglioli, einem Experten für vergleichende Literaturwissenschaften und Autor des Buches Die Opferfalle: Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt, ist das Opfertum eine kulturelle Ergänzung zu den sozialen Regeln, die unsere Kultur bestimmen. Diese Kultur erachtet es als etwas „sozial Gutes“, wenn jemand als Opfer angesehen wird. Gleichermaßen gilt die Hilfe für notleidende Menschen als eine positive Eigenschaft.

In der Opferkultur wird das Mitgefühl mit den Opfern oftmals durch Aussagen wie: „Der/die Arme“, „Er hat doch niemanden“, „Wie könnte ich denn nicht meiner eigenen Mutter helfen?“ oder „Ich wäre ein schlechter Sohn oder eine schlechte Tochter, wenn ich ihr nicht helfen würde“ ausgedrückt. Darüber hinaus besteht auch eine große Angst davor, was andere von uns denken würden, wenn wir diesem Menschen nicht helfen würden.

Externer Ort der Kontrolle

Menschen, die eine Opfermentalität haben, sind fest davon überzeugt, dass alles, was in ihrem Leben geschieht, in der Verantwortung anderer Menschen liegt oder durch äußere Umstände beeinflusst wird. Sie haben Überzeugungen wie „Ich bin wirklich ein Pechvogel“ oder „Warum passiert mir das alles?“.

Wenn jemand nicht in der Lage ist, die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen, dann wird dies in der Psychologie als der externe Ort der Kontrolle bezeichnet. Diese Menschen sehen die Verantwortung für alles, was geschieht, stets in externen Faktoren und Einflüssen, die außerhalb ihrer eigenen Kontrolle liegen.

Opfermentalität und Negativität

Menschen mit einer Opfermentalität neigen dazu, alles, was ihnen widerfährt, zu dramatisieren. Sie erleben Situationen oftmals viel schlimmer, als sie eigentlich sind. Dadurch sind sie kaum in der Lage, auch die positiven Aspekte zu erkennen. Sie fokussieren sich so sehr auf das Negative, dass die positiven Aspekte oft unbemerkt bleiben.

Durch diese negative Sichtweise können sie dann auch keine klaren Problemlösungsstrategien entwickeln. Das wiederum führt dazu, dass sie keine geeigneten Lösungsalternativen für ihre Probleme entwerfen können. Daher fällt es ihnen auch so schwer, die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

“Optimismus ist sehr wertvoll für ein sinnvolles Leben. Mit einem starken Glauben an eine positive Zukunft kannst du dein Leben auf das wirklich Wichtige ausrichten.“

-Martin Seligman-

Opfermentalität - Paar umarmt sich

Emotionale Erpressung als eine Form der Kommunikation

Menschen mit einer chronischen Opfermentalität versuchen, ihr Umfeld zu manipulieren, um dadurch ihre eigenen Ziele zu erreichen. Daher haben sie auch ein sehr gutes Gespür für Menschen, die über viel Empathie verfügen. Sie konzentrieren sich genau auf diese Menschen und nutzen deren Empathie für ihre eigenen Zwecke aus, um das zu bekommen, was sie selber benötigen.

Wenn ein Mensch nicht das tut, was sie von ihm erwarten, dann begeben sie sich selber in die Rolle des Opfers und weisen dem anderen die Rolle des Täters zu. Sie sagen dem angeblichen Täter dann beispielsweise Folgendes:

  • „Ist das der Dank für all das, was ich immer für dich getan habe?”
  • “Lass mich in Ruhe.”
  • “Wenn du das jetzt nicht für mich tust, dann heißt das, dass du mich nicht liebst.“

Derartige Aussagen verursachen bei dem anderen Menschen Schuldgefühle. Kurz gesagt, versuchen Menschen mit chronischer Opfermentalität, durch emotionale Erpressung anderer Menschen das zu bekommen, was sie wollen.

Wie gehe ich mit Menschen um, die permanent in der Opferrolle sind?

Ganz egal, was du tust, vermeide es in jedem Fall, ihnen das zu geben, was sie von dir verlangen. Du darfst ihren Forderungen auf keinen Fall nachgeben. Wenn du ihnen nachgibst, dann wirst du sie nur noch mehr dazu ermutigen, in ihrer Opferrolle zu verharren.

Oftmals verhalten sich Menschen im Umfeld dieser Personen stets auf die gleiche Weise. Dadurch entsteht dann ein Teufelskreislauf. Sobald das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit immer wieder befriedigt wird, erhält die betroffene Person die Bestätigung dafür, dass sie weiter in ihrer Opferrolle verharren kann. Im Laufe der Zeit kann sich ihr Verhalten durchaus noch verschlimmern.

Daher solltest du versuchen, der betroffenen Person zu erklären, warum du dein Verhalten ihr gegenüber geändert hast. Sage ihr, dass es deine Absicht ist, sie dabei zu unterstützen, ihre Komfortzone zu verlassen. Durch derartige Erklärungen kannst du erreichen, dass die Person mit der Opfermentalität versteht, warum du dich ihr gegenüber anders verhältst.

Idealerweise wird sie auch erkennen, welche Vorteile sich daraus für sie und ihr Leben ergeben können. Die Quintessenz deines Verhaltens und deiner Erklärung ist letztendlich diese: „Wenn ich dir nicht helfe und dir nicht gebe, was du von mir erwartest, dann helfe ich dir genau dadurch.“

Außerdem ist es wichtig, dass du dich emotional von diesem Menschen distanzierst. Wenn du dich häufig mit derart negativen Menschen umgibst, dann wird dich das auf Dauer auslaugen und dir schaden. Daher musst du dich selber schützen und klare Grenzen setzen. Denke immer daran, dass es auch sehr wichtig ist, dass es dir selber gut geht!

Alternative Verhaltensweisen

Außerdem kannst du diese Person dazu ermutigen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und zu überdenken. Stelle ihr beispielsweise folgende Fragen:

  • “Was kannst du anders machen als bisher?“
  • „Welchen Teil der Verantwortung kannst du akzeptieren?“
  • „Bist du bereit dazu, zu akzeptieren, dass du eine aktive Rolle in deinem Leben spielst und nicht alles, was geschieht, nur deshalb geschieht, weil du Pech hast oder weil andere Menschen dafür die Verantwortung tragen?“

Allerdings solltest du darauf achten, dass du dich nicht zu sehr engagierst, wenn die Person sich gar nicht wirklich ändern will. Du kannst nicht dein eigenes Leben dafür aufgeben, nur um einem anderen Menschen einen Gefallen zu tun. Wichtig ist, dass du dem anderen signalisierst, dass du ihn verstehst und ihn unterstützen willst. Dennoch bedeutet das nicht, dass du dafür deine eigene Gesundheit aufs Spiel setzen sollst.

Schütze dich selber und lerne, „nein“ zu sagen

Außerdem solltest du dir stets vor Augen halten, dass du nicht der oder die „Schuldige“ bist. Menschen mit Opfermentalität neigen sehr häufig zu Schuldzuweisungen. Daher solltest du immer daran denken, dass du dich nur deswegen schlecht oder schuldig fühlst, weil du nicht die Wünsche dieser Person erfüllst. Und genau dieses Schuldgefühl nutzen diese Menschen dann aus, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Daher solltest du lernen, „nein“ zu sagen. Wenn du etwas nicht tun möchtest, dann bringe dies klar und deutlich zum Ausdruck. Dabei solltest du dich auch nicht übermäßig entschuldigen, denn das würde das vermeintliche „Opfer“ dann wieder gegen dich verwenden.

Fordere die Person dazu auf, sich professionelle Unterstützung zu holen. Wenn Menschen an chronischer Opfermentalität leiden, dann sollten sie sich unbedingt an einen Psychologen wenden, der sie gezielt behandeln kann.

Wie du siehst, veranlasst uns diese Opferkultur oftmals dazu, unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu ignorieren, um anderen Menschen zu helfen. Daher ist es sehr wichtig, dass wir uns dieser Tatsache bewusst sind, denn nur dann können wir uns selber schützen und die Betroffenen dazu auffordern, sich Hilfe zu holen, um ihr eigenes Verhalten zu ändern.