Die Geschichte des berühmten Gedichtes Desiderata

· 17. Juni 2016

Das Wort „Desiderata“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Dinge, die man sich wünscht“. Es ist ebenfalls der Titel eines sehr berühmten Gedichtes, das vor allem in den siebziger Jahren, zur Zeit der Hippie-Bewegung, bekannt geworden ist. Der Text ist eine Sammlung von Weisheiten, die wegen ihrer Klarheit und inhaltlichen Tiefe die Welt auf den Kopf gestellt haben.

Irgendwann entbrannte eine Debatte über die Herkunft des Gedichtes. Und es entstand die Legende, dass es von einem anonymen Mönch geschrieben und vor zweihundert Jahren auf einer Bank in einer Kirche in Baltimore gefunden wurde. Dieser Version zufolge wurde das Gedicht im Jahr 1692 geschrieben.

Dies ist allerdings falsch. Der Autor von Desiderata  ist der Philosoph und Anwalt Max Ehrman. Aber der Text wurde niemals veröffentlicht, als er noch am Leben war; er erreichte die Welt erst 1948, als seine Frau seine Gedichte posthum veröffentlichte.

Der Irrglauben entstand, da Desiderata  ein Gedicht war, das man zunächst als Geste des guten Willens herumreichte. Es wurde zu einer Art Talisman; man glaubte, dass demjenigen, der es bekam, all das widerfahren würde, was darin geschrieben stand.

Viele fügten den Namen des Autors nicht hinzu und so gelangte es eines Tages in die Hände eines Pfarrers in Maryland, der gerade verschiedene Texte zusammenstellte und daraus eine Sonderausgabe zu Weihnachten machte. Einer der Texte war Desiderata  und neben den Titel schrieb der Geistliche: „St. Paulskirche, 1692“ . Diese Daten schrieb er nur, um sein Gotteshaus und das Jahr seiner Erbauung zu identifizieren.

Einer der Gemeindemitglieder war so begeistert von dem Gedicht, dass er eine Zeitung bat, es zu veröffentlichen. So geschah es und die Legende, dass das Gedicht aus dem Jahre 1692 stammte und in der St. Paulskirche gefunden wurde, verbreitete sich.

Wie es auch gewesen war, es handelt sich bei dem Gedicht um einen wunderschönen Text, der in über 70 verschiedene Sprachen übersetzt wurde.

Dies ist der Text:

Gehe gelassen inmitten von Lärm und Hast
und denke an den Frieden der Stille. So weit als möglich, ohne dich aufzugeben,
sei auf gutem Fuß mit jedermann.
Sprich deine Wahrheit ruhig und klar aus,
und höre andere an,
auch wenn sie langweilig und unwissend sind,
denn auch sie haben an ihrem Schicksal zu tragen.
Meide die Lauten und Streitsüchtigen.
Sie verwirren den Geist. Vergleichst du dich mit anderen,
kannst du hochmütig oder verbittert werden,
denn immer wird es Menschen geben,
die bedeutender oder schwächer sind als du.
Erfreue dich am Erreichten und an deinen Plänen.
Bemühe dich um deinen eigenen Werdegang,
wie bescheiden er auch sein mag;
er ist ein fester Besitz im Wandel der Zeit. Sei vorsichtig bei deinen Geschäften,
denn die Welt ist voller Betrügerei.
Aber lass deswegen das Gute nicht aus den Augen,
denn Tugend ist auch vorhanden:
Viele streben nach Idealen,
und Helden gibt es überall im Leben.

Sei du selbst.
Täusche vor allem keine falschen Gefühle vor.
Sei auch nicht zynisch, wenn es um Liebe geht,
denn trotz aller Öde und Enttäuschung verdorrt sie nicht,
sondern wächst weiter wie Gras.

Höre freundlich auf den Ratschlag des Alters,
und verzichte mit Anmut auf die Dinge der Jugend.
Stärke die Kräfte deines Geistes,
um dich bei plötzlichem Unglück dadurch zu schützen.
Quäle dich nicht mit Wahnbildern.
Viele Ängste kommen aus Erschöpfung und Einsamkeit.
Bei aller angemessenen Disziplin,
sei freundlich zu dir selbst.
Genau wie die Bäume und Sterne,
so bist auch du ein Kind des Universums.
Du hast ein Recht auf deine Existenz.

Und ob du es verstehst oder nicht,
entfaltet sich die Welt so wie sie soll.
Bleibe also in Frieden mit Gott,
was immer er für dich bedeutet,
und was immer deine Sehnsüchte und Mühen
in der lärmenden Verworrenheit des Lebens seien –
bewahre den Frieden in deiner Seele.
Bei allen Täuschungen, Plackereien und zerronnenen Träumen
ist es dennoch eine schöne Welt.

Sei frohgemut. Strebe danach, glücklich zu sein.