Die Familienzeichnung: ein interessanter Projektionstest

· 14. Mai 2018

Die Familienzeichnung ist eines der bekanntesten Testverfahren, um die Gemütsverfassung eines Kindes zu untersuchen. Hierbei wird die Art und Weise, wie ein Kind oder Jugendlicher die Beziehungen zu den ihm am nächsten stehenden Menschen wahrnimmt, getestet. Es ist eine einfache Methode, um die Qualität der Bindungen, der Kommunikation und die Art und Weise, mit der Kinder ihre Realität aufgrund ihrer familiären Beziehungen erschaffen, zu bewerten.

Dieses Testverfahren wird bereits seit mehr als 60 Jahren angewendet. Ins Leben gerufen wurde es vom Psychiater Miles Porot im Jahr 1951. Es ist eines der am häufigsten verwendeten Instrumente, um die Persönlichkeit von Kindern zwischen im Alter von 5-16 Jahren einzuschätzen. Und auch wenn es nach wie vor Experten gibt, die solchen Projektionstechniken, wie dem Baumtest oder dem Familienzeichnungstest, nicht trauen, möchten wir betonen, dass ihre Gültigkeit umfassend bewiesen ist.

„Eines der schönsten Dinge, die dir im Leben passieren können, ist, eine glückliche Kindheit zu haben.“

Agatha Christie

Dieser Test wird zusammen mit anderen standardisierteren Verfahren, Tests und Befragungen verwendet, die uns allesamt ausreichend Informationen liefern, um eine angemessene Diagnose zu stellen. Hierbei haben wir es mit einem klinischen Test zu tun, mit einem Hilfsmittel, das Jahr für Jahr weiterentwickelt wird und für uns ein so einfaches wie schnelles Verfahren darstellt, um Gefühle, familiäre Verhältnisse und den gefühlsmäßigen Entwicklungsstand von Kindern besser zu verstehen.

Kind zeichnet seine Familie

Worauf zielt der Test der Familienzeichnung ab?

Wie wir bereits erahnen können, besitzt eine Zeichnung diesen diagnostischen Wert, weil das Kind in Figuren, Formen und Farben eine Vielzahl an Informationen preisgibt. Zeichnungen und Spiele sind zwei ideale Hilfsmittel für die kindliche Psychodiagnostik. Daher eignet sich der Familienzeichnungstest optimal für alle Kinderpsychologen und -therapeuten. Mit diesem Instrument werden folgende Ziele verfolgt:

  • Man möchte in Erfahrung bringen, wie das Kind die familiären Beziehungen sieht oder erlebt.
  • Mögliche Konflikte mit bestimmten Familienmitgliedern sollen aufgedeckt werden.
  • Man möchte herausfinden, welche Schwierigkeiten ein Kind in seinem Familienumfeld damit hat, sich anzupassen.
  • Man möchte aufdecken, was dem Kind in seinem familiären Umfeld Sorgen bereitet.
  • Der familiäre Kommunikationsstil wird bewertet.
  • Die emotionale und psychische Reife des Kindes wird bewertet.
  • Die Qualität affektiver Bindungen kann dann gezielt gestärkt werden.

Darüber hinaus möchten wir betonen, dass der emotionale Aspekt bei diesem Test am wichtigsten ist. Das Ziel ist nicht einfach, eine Zeichnung zu erhalten. Der Experte soll einen angenehmen und flüssigen Dialog mit dem Kind führen, während es zeichnet. Strich für Strich, Linie für Linie soll das Kind langsam seine Empfindungen, Gefühle und Sorgen zum Ausdruck bringen, während es sich in seine eigene Zeichnung vertieft.

Von einem Kind gezeichnete Familie

Wie wird der Familienzeichnungstest durchgeführt?

Der Familienzeichnungstest wird wie folgt angewendet:

  • Dem Kind werden ein Blatt Papier und Buntstifte gegeben.
  • Die Umgebung sollte angenehm sein und dem Kind angemessene Nähe und Zuversicht vermitteln. Die Idee dahinter ist, dass das Kind entspannt zeichnen und die Zeit genießen kann.
  • Als nächstes wird das Kind angewiesen, seine Familie zu zeichnen.
  • Später, wenn das Kind die Charaktere abbildet, kann der Experte anfangen, Fragen zu stellen.
  • Eine Möglichkeit, mehr Informationen während des Tests zu erhalten, besteht darin, folgende Fragen zu stellen:Wer ist das?“, „Was macht diese Person?“, „Verstehst du dich mit ihr?“, „Wer ist glücklicher? Wer ist weniger glücklich?“,  usw.

Es ist ebenfalls wichtig, dass der Psychologe die Reihenfolge notiert, in der das Kind die verschiedenen Elemente der Zeichnung erstellt. Das Vorhandensein von Flecken, das Ausradieren von Elementen, Zweifel beim Zeichnen, Rückschläge usw. werden auch festgehalten.

Wie wird der Test ausgewertet?

Der Familienzeichnungstest wurde unter einem psychoanalytischen Ansatz erstellt. Aus diesem Grund wurde er anfänglich in einer ödipalen Dynamik bzw. unter Berücksichtigung der psychosexuellen Entwicklungsphasen nach Freud ausgewertet. Heute ist die Interpretation standardisierter. Es werden statistische Barometer verwendet, aber auch die persönliche Situation des Kindes wird bewertet.

Hier sind einige Richtlinien für die Bewertung des Familienzeichnungstests:

  • Größe und Ort: Große Zeichnungen bezeichnen Sicherheit. Auf der anderen Seite zeigen kleine Figuren in einer Ecke des Blattes Ängste und Unsicherheiten auf.
  • Kurven und Geraden: Zeichnungen mit Winkeln und Kurven zeigen Dynamik und Reife. Andererseits stehen jene Zeichnungen, bei denen nur Linien und wenige Formen zu sehen sind und/oder stereotype und karge Figuren oft für Unreife oder Hemmung.
  • Anordnung und Entfernungen: Ein Aspekt, der beurteilt werden muss, ist die Reihenfolge, in der die einzelnen Figuren gezeichnet werden. So ist es zum Beispiel häufiger der Fall, dass zuerst die Mutter gezeichnet wird, oder ebend die Person, zu der die größte affektive Bindung besteht. Auch zu beurteilen ist die Entfernung, die das Kind zwischen den Figuren lässt.
  • Auslassung bestimmter Figuren: Häufig ist es so, dass sich Kinder nicht in diesen Familienkern einzeichnen wollen. Das ist eine Tatsache, die es zu bewerten und zu berücksichtigen gilt. Ebenso kann die Auslassung eines der Elternteile oder Geschwister widerspiegeln, dass es diese ablehnt.
Kind hat eine glückliche Familie gezeichnet

Wir sollten daran denken, dass der Test der Familienzeichnung nicht als einziges Mittel zur Diagnostik benutzt wird. Befragungen und andere standardisierte Tests liefern uns ausreichende Informationen, um eine genauere und konkretere Bewertung durchzuführen.

Dieses Instrument, so wie jeder andere Projektionstest auch, ist wie eine Tür, die direkt ins emotionale Universum des Kindes führt. In der Zeichnung fühlt es sich frei genug, um seine Ängste, Sorgen und daraus resultierenden Probleme darzustellen und zu reflektieren.