Die Auswirkungen von Pestiziden auf das Gehirn

· 27. Mai 2019

Die Auswirkungen von Pestiziden auf das Gehirn können schwerwiegend sein, vor allem, wenn das Individuum ihnen längere Zeit ausgesetzt ist. Jedes Jahr ruft die chemische Industrie zahlreiche Produkte zurück, werden andere gar vom Markt genommen, weil man feststellt, dass bestimmte Schädlingsbekämpfungsmittel stark toxisch sind.

Pestizide sind heterogene chemische Verbindungen. Sie werden verwendet, um Nagetiere, Insekten, Unkraut und Pilze abzutöten. Obwohl sie die landwirtschaftliche Produktivität steigern, können ihre negativen Auswirkungen auf unsere Gesundheit diesen Vorteil vollkommen wettmachen.

Heutzutage sind wir alle einer Vielzahl chemischer Produkte ausgesetzt. Ausreichende Laborstudien zum Gebrauch dieser Produkte bzw. Kontrollen der ordnungsgerechten Anwendung werden aber selten durchgeführt, sodass man über die tatsächliche Wirkung der meisten Pestizide wenig sagen kann. Einzelne Pestizide allein schädigen unsere Gesundheit in der Regel auch nicht – das wird in toxikologischen Studien belegt. Aber eine Mischung aus mehreren Komponenten kann zu verheerenden Langzeitfolgen führen.

Schädlingsbekämpfungsmittel scheinen auch Einfluss auf die Entwicklung von Kindern zu haben. Wenn ein Kind für längere Zeit umweltbelastenden Chemikalien ausgesetzt ist, kann sich dies negativ auf seine Entwicklung auswirken. Es scheint sogar, dass diese chemischen Substanzen das Risiko eines Kindes, eine Autismus-Spektrum-Störung zu entwickeln, leicht erhöhen kann.

Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft ist weitverbreitet.

Erste Studien zu den Auswirkungen von Pestiziden auf das Gehirn

1962 veröffentlichte die Biologin und Naturschützerin Rachel Carson ihr erstes Buch Der stumme Frühling.  Dieses Buch gilt als der Grundstein der weltweiten Umweltbewegung. Denn erstmalig wurde in dieser Arbeit, von einer Wissenschaftlerin geschrieben, vor den schädlichen Auswirkungen von Pestiziden gewarnt. Der stumme Frühling  sorgte für eine hitzige Debatte, vor allem in den USA. Diese führte letztendlich zum Verbot des zuvor sehr beliebten Insektizids DDT.

Später, in den 1970er und 80er Jahren, wurden mehrere Studien zu den Auswirkungen von Pestiziden auf das Gehirn durchgeführt. Verschiedene Gruppen von Wissenschaftlern zeigten mit ihren Tests, dass eine längere Exposition gegenüber Pestiziden Veränderungen im Zentralnervensystem hervorrufen kann. Tatsächlich zeigten die meisten Studien zu diesem Thema eindeutige Lern- und Gedächtnisdefizite sowie motorische Störungen und Verhaltensänderungen bei den Versuchstieren.

Langzeitwirkungen von Pestiziden

Pestizide können sowohl für Menschen als auch für Tiere und Pflanzen toxisch sein. Einige Toxine sind so gefährlich, dass sie bereits in sehr geringen Mengen tödlich sein können. Allerdings gibt es auch weniger aggressive Gifte, die keinen unmittelbaren Schaden verursachen. Aber die Tatsache, dass sie langfristigen Schaden verursachen können, macht sie nicht weniger harmlos.

Die Giftstoffe der Pestizide können lange im Körper verbleiben. Der menschliche Organismus kann auf verschiedene Arten auf sie reagieren. Wie, das hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, wie etwa der Expositionszeit, der Art des Pestizids und der Resistenz des Einzelnen gegenüber der chemischen Substanz.

Pestizide und Morbus Alzheimer

Die Fachzeitschrift JAMA Neurology  veröffentlichte eine Studie darüber, wie Umweltfaktoren zu Krankheiten wie Morbus Alzheimer beitragen kann. Die Forscher schlussfolgerten, dass die Exposition gegenüber einem Pestizid wie DDT die Wahrscheinlichkeit erhöht, an Alzheimer zu erkranken. Diese Art von Pestizid wurde bis Mitte der 1970er Jahre in den USA sowie auch in Deutschland eingesetzt. Heutzutage ist in vielen Ländern der Gebrauch von DDT nur noch bei der Bekämpfung von krankheitsübertragenden Insekten zulässig, wie zum Beispiel bei Bekämpfung der Stechmücken, die Malaria übertragen.

Mann mit Morbus Alzheimer schaut aus dem Fenster

Die Forscher führten eine Studie durch, um eine mögliche Verbindung zwischen Pestizidexposition und Morbus Alzheimer zu finden. Dazu untersuchten die Wissenschaftler zwei verschiedene Gruppen von Patienten, die an dieser Krankheit litten. Anhand der Ergebnisse konnten sie interessante Schlussfolgerungen ziehen: Die Alzheimer-Patienten, bei denen höhere Blutspiegel von Pestiziden gemessen wurden, zeigten im Vergleich zu den Patienten der Kontrollgruppe eine stärkere kognitive Verschlechterung.

Diese Daten zu den Auswirkungen von Pestiziden auf das Gehirn sind sehr interessant. Trotzdem kann dieser Zusammenhang nur einige Fälle von Alzheimer erklären. Ungeachtet dessen ist diese Studie wichtig, da sie eindeutig zeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Pestiziden und dieser neurodegenerativen Erkrankung besteht.

Pestizide und Autismus-Spektrum-Störungen

Natürlich haben Autismus-Spektrum-Störungen mit genetischer Veranlagung zu tun. Allerdings scheint die Umwelt auch eine große Rolle zu spielen. Einer der Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von solchen Erkrankungen erhöhen, ist die Exposition gegenüber Pestiziden während der Schwangerschaft. In einer Studie der University of California (Kalifornien, USA) konnten Forscher diese Hypothese belegen.

Die Wissenschaftler kamen außerdem zu dem Schluss, dass Pestizide auch die Plazenta verändern können. Dies kann die Funktion dieses Organs verändern und die Entwicklung des Fötus beeinträchtigen. Das mag das erhöhte Risiko auf Autismus-Spektrum-Störungen erklären.

Pestizide und Morbus Parkinson

Morbus Parkinson ist eine chronische neurodegenerative Erkrankung, bei der es zu einem Verlust der Neuronen im zentralen Nervensystem kommt. Bei dieser Erkrankung sterben vor allem die dopaminproduzierenden Nervenzellen ab. Durch den dadurch entstehenden Mangel an Dopamin kommt es zu Bewegungsstörungen, die charakteristisch für diese Erkrankung sind. Bis jetzt ist die Ursache für Morbus Parkinson noch unbekannt.

Allerdings stellte eine Gruppe von Wissenschaftlern, geleitet von Francisco Pan-Montojo, einen Zusammenhang zwischen Pestiziden und Morbus Parkinson fest. Verschiedene andere Studien belegen, dass es noch weitere toxische Substanzen gibt, die die Symptome dieser Erkrankung hervorrufen können.

Alter Mensch mit faltigen Händen

Wie wir sehen, können die Folgen einer Pestizidexposition auf das Gehirn sehr ernst sein. Daher ist ihr Einsatz so umstritten und wahrscheinlich wird sich daran in näherer Zukunft nur wenig ändern. Forscher müssen die Auswirkungen von Pestiziden auf die menschliche Gesundheit deshalb unbedingt weiter untersuchen.

Es stimmt, dass die moderne Landwirtschaft, wie wir sie kennen, ohne Pestizide nicht existieren könnte. Ist diese Form der Landwirtschaft aber wichtiger als die Gesundheit von Tausenden von Menschen, Tieren und Pflanzen? Wahrscheinlich werden wir in den nächsten Jahrzehnten neue Zusammenhänge zwischen neurologischen Erkrankungen und dem Einsatz von Pestiziden aufdecken und so Maßnahmen zur Reduktion deren Einsatzes anregen.

Richardson, J. R., Roy, A., Shalat, S. L., Von Stein, R. T., Hossain, M. M., Buckley, B., … German, D. C. (2014). Elevated serum pesticide levels and risk for Alzheimer disease. JAMA Neurology. https://doi.org/10.1001/jamaneurol.2013.6030